11.03.2010 · Von null auf hundert: Kaum ausgeliefert, stand Martin Suters neuer Roman „Der Koch“ auf Platz eins der deutschen Bestsellerlisten. Mit dem Thema allein kann man den Erfolg des Schweizer Schriftstellers nicht erklären - er hat sich lange angebahnt.
Von Jürg AltweggMit dem Thema allein kann der phänomenale Erfolg des Buchs nicht erklärt werden, das darf bei allem zivilisatorischen Fortschritt, den die deutsche Küche gemacht hat, mit kategorischer Deutlichkeit festgestellt werden. Dass Martin Suters Roman „Der Koch“ aus dem Stand auf den ersten Platz der „Spiegel“-Bestsellerliste kam und Auflagen erreicht wie selten je ein Schweizer in Deutschland, muss noch andere Gründe haben. „Love Food“ heißt der Catering-Service, den Maravan in Zürich nach seinem Rauswurf aus einem Edelrestaurant gründet. Aber auch die Vermutung, hier komme mit Sex und Essen zusammen, was zusammengehört, greift zu kurz. Und die Prise Moral, die der gute Koch seiner Mischung als Würze und Mehrwert beigibt, hat nichts Ungewöhnliches. „Der Koch“ ist ebenso der Roman einer Emanzipation: Der Tamile, der als Flüchtling in die Schweiz kam und ausgebeutet wurde, wird Chef.
Für Bestseller gibt es keine Rezepte – auch wenn sie, wie Suters Buch, welche enthalten. Wie jeder Spitzenkoch aber hat der neue Star des überhitzten Literaturbetriebs sein Metier, das Schreiben, von der Pike auf gelernt. Zunächst in seiner engsten Form: als Werbetexter – in der für ihre kreativen Köpfe und Künstler berühmten Agentur GGK. Es war eine gute Schule. Als freier Mitarbeiter schrieb Suter später Reportagen für „Geo“ und „Folio“. Als Kolumnist lieferte er schließlich im Wochenrhythmus und auf die Zeile genau die besten Geschichten aus der Geschäftswelt: „Business Class“.
Vom Kolumnisten zum glaubwürdigen Schriftsteller
Aus den Kolumnen wurden Bücher und schließlich Romane, die zunächst als Produkte der bewährten Diogenes-U-Kultur – für die Süskinds „Das Parfum“ genauso steht wie Simenon – wahrgenommen wurden. Und folglich von der Kritik nicht ganz ernst. Noch vor zehn Jahren hat auch zu Hause kaum jemand Martin Suter als Teil der Schweizer Literatur empfunden. In einem Alter, da andere in die Rente geschickt werden, gelingt ihm im Zeitalter des globalen Jugendwahns der große Durchbruch in Deutschland – und etwas auch im Rest der Welt. In Frankreich hat er (noch) nicht die sensationellen Auflagen wie in der Muttersprache. Aber die Rezensionen fallen umso unbelasteter aus.
Martin Suter war ein begabter, leicht frivoler Autor der Hochkonjunktur, der die Hälfte seines Lebens auf Ibiza verbrachte. In der Krise wird er nun als glaubwürdiger Schriftsteller erkannt. Keiner hat die Welt der Wirtschaft und Finanzen so systematisch karikiert wie er. Und je mehr er sich – auch im „Koch“ – den Klischees der Kapitalismuskritik nähert, umso vertrauenswürdiger wird er. Es ist die Welt seiner „Business Class“-Kolumnen, die in der Krise untergegangen ist. Suter hat mit jeder Folge mehr verdient als manch ein Autor mit einem ganzen Roman. Rechtzeitig wandte er sich der Literatur zu.
Nach dem tragischen Tod des Adoptivsohns
Viel haben ihm die Schweiz in der Identitätskrise und das unbarmherzige Schicksal im vergangenen Jahr abverlangt. Denn die andere Hälfte seiner Zeit verbrachte er nicht in der Heimat, sondern in der Dritten Welt, in Guatemala. Seine beiden Kinder hat er aus der Überproduktion des weltweiten Elends adoptiert. Bei einem Besuch in der Schweiz im letzten Sommer erstickte der Sohn beim Essen, er verschluckte sich an einem Stück Wurst. Das nationale Boulevardblatt suchte das Grab und spielte das Foto des verstorbenen Knaben auch noch der „Bild“-Zeitung zu. Der „Spiegel“ interviewte den trauernden Vater: „Man tut so, als gehe das Leben weiter. Aber das stimmt nicht.“
Unmittelbar vorausgegangen war der Tragödie der Triumph beim Filmfestival von Locarno. Suter hatte auch das Drehbuch zum Film des Jahres geschrieben, der Verfilmung seines eigenen Romans „Lila Lila“, der im Dezember in die Kinos kam. Innerhalb kürzester Zeit war Suter in eine öffentliche Rolle gedrängt worden, die er nie gesucht und gespielt hatte. Hugo Loetscher und Jacques Chessex waren gerade gestorben, Adolf Muschg schweigt, und Paul Nizon schreibt. Das Minarett-Verbot, an das niemand glauben wollte, hat Suter im Nachhinein kommentiert. Vehementer hatte er gegen Waffenexport aus der Schweiz in die Welt gekämpft – vergeblich.
Die Schweiz stürzt, Suter steigt
Martin Suters Höhenflug erfolgt im Gegenwind zum Absturz der Schweiz. Jetzt, da es so schlecht um sie steht, erwägt er, seinen Wohnsitz wieder in die Heimat zu verlegen. Im Alleingang kompensiert er mit seinem Durchbruch in Deutschland die zum nationalen Ärgernis gewordene deutsche Überfremdung der Schweiz. Auch damit weist er ihr den einzig richtigen Weg aus der Krise und Isolation.
Suters Bedeutung für den außer Rand und Band geratenen deutschen Kulturbetrieb, der alle paar Wochen eine bunte Sau durchs Dorf treibt, lässt sich erst erahnen. Mit dem Schweizer auf den Spitzenplätzen der Hitparade findet er zu seinen besseren Tugenden zurück: solide Maßarbeit, Zurückhaltung statt Exhibitionismus, Moral gegen den postmodernen Zynismus. Dieser Schriftsteller ist weder Proust noch Grass. Aber auch keine Eintagsfliege. Mit Martin Suter, der in der Schweiz zum einflussreichsten Intellektuellen und nationalen Gewissen wurde, bekommt der deutsche Buchmarkt den langersehnten neuen Simmel.