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Martin Mosebach Mein Lieblingsbuch: „Agni Puranam“

19.07.2004 ·  In Shakespeares „Sturm“ muß Prospero dieses Buch auf seine einsame Insel gerettet haben. Der Feuergott Agni unterweist darin in über dreihundert Kapiteln den brahmanischen Heiligen Vasistha. Worin? In allem, ist vielleicht die zutreffendste Antwort.

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Hätte ich vom "Agni Puranam" in einer indologischen Literaturgeschichte gelesen oder wäre ich dieser Enzyklopädie aus dem indischen Altertum in einer gewiß vorhandenen perfekt kommentierten Ausgabe begegnet, es hätte wohl keine Chance gehabt, mehr als zerstreutes Interesse zu finden, und schon gar nicht wäre es in den Rang meiner Lieblingsbücher aufgerückt.

So aber habe ich mein Exemplar des "Agni Puranam" (Elysium Press, Calcutta 1903) auf einem verwahrlosten Dachboden einer kleinen Stadt in Rajastan gefunden, in einem Band, dessen tausenddreihundert Seiten auseinanderfielen, und ich hatte sofort das Gefühl, auf eines jener Bücher gestoßen zu sein, die Prospero in Shakespeares "Sturm" auf seine einsame Insel gerettet hat.

Ein Buch für größenwahnsinnige einsame Dichter?

Sechzehntausend Stanzen hat ein Übersetzer in englische Prosa übertragen. Der Feuergott Agni tritt in über dreihundert Kapiteln als Lehrer des brahmanischen Heiligen Vasistha auf und unterweist ihn worin? In allem, ist vielleicht die zutreffendste Antwort. Basis jeden Wissens ist natürlich die Entstehung der Welt und die Geburt der Götter und Dämonen, aber daraus entfaltet sich ein Welterfassungssystem, das in seiner Komplexität europäische Begriffe, auch wenn sie an der Scholastik geschult sind, weit übersteigt.

Alle Arten von Ritualen spiegeln jede Eventualität des menschlichen Lebens, die sie günstig beeinflussen sollen. Der Lauf der Sterne wird in einer Subtilität betrachtet, die europäische Astrologen erblassen lassen müßte. Die Regierung eines Königreiches, das Führen eines Krieges, die Behandlung der Frauen, die Rechtsprechung, die Handhabung der Steuer, Medizinisches und Pharmakologisches, Essen und Trinken, die Krankheiten der Elefanten und Pferde und ihre Behandlung, vor allem aber der Gebrauch der Sprache, rhetorische und poetische Gesetze sind Gegenstand der Agni-Unterweisung.

Vom Vorwort sind nur zwei Seiten in meine Ausgabe gebunden worden: Der Text müsse jünger sein als zweitausend Jahre, aber älter als tausend, heißt es darin. Das "Agni Puranam" suggeriert dem Leser, die ganze Welt durch die Zaubermacht der Sprache bezwingen zu können. Ein Buch für größenwahnsinnige einsame Dichter? Wie werden sie sich bestätigt fühlen, wenn sie von Agni hören, daß die Welt und die Götter aus den fünf Vokalen entstanden sind.

Der Schriftsteller Martin Mosebach, geboren 1951, lebt in Frankfurt am Main.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.2004, Nr. 166 / Seite 33
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