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Martin Mosebach : Die Würde eines deutschen Revolutionärs

Sternstunde eines Redners: Martin Mosebach Bild: dpa

Bei der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wurde der Georg-Büchner-Preis verliehen - und Martin Mosebachs Dankesrede war ihr denkwürdiger Höhepunkt. Von Lorenz Jäger.

          „Zur Sprache kommen“ lautete der Titel der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Es war zu erwarten, dass dabei das Vordringen des „Denglischen“, also des Amalgams von nur vermeintlich englischen und nur noch rudimentär deutschen Sprachelementen, zum Thema werden würde.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Während die Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg, Uwe Pörksen und Jürgen Schiewe vor Aufregung warnten und sich Beifall von der falschen Seite verbaten (ach, welcher Sprachdenker schreibt uns einmal die Geschichte dieser deutschen Phrase), waren sie sich doch darin einig, dass der Verzicht der Natur- und inzwischen auch mancher Geisteswissenschaften auf die Muttersprache eines Tages auf die Erkenntnis selbst zurückschlägt, die nun einmal ans Wort gebunden ist. Man kann ja vermuten, dass der Zwang zum englischen Ausdruck mit einem Verlust an idiomatischer Prägnanz einhergehen wird und dass sich am Ende eine Art von bürokratisiertem Esperanto ergibt.

          Deutsch als ausschließliche Sprache

          Am zweiten Tag standen Schulpraktiker auf dem Podium. Zunächst die Didaktikerin Heidi Rösch, die zeigen konnte, welcher Bedarf heute im Sachunterricht für Migrantenkinder nach einer wirklichen Explikation des Gemeinten besteht - ein Bedarf, den die Schulbücher erst noch aufnehmen müssen. Christel Kottmann-Mentz warb für das von ihr geleitete Experiment einer bilingualen deutsch-türkischen Schule in Berlin. Das Gegenmodell der Herbert-Hoover-Schule stellte in weniger agitatorischem Tonfall Heidi Klare vor: An dieser Schule hat man sich auf Deutsch als ausschließliche Sprache im Klassenzimmer wie auf dem Pausenhof geeinigt. Weil der Migrationshintergrund hier vielfältiger ist - neben Türken finden sich Jugendliche mit ganz anderen Herkunftsgeschichten -, fällt das bilinguale Modell aus. Als Christel Kottmann-Menz dagegenhielt, es sei das Ziel ihrer Schule, das Selbstbewusstsein türkischer Jugendlicher zu stärken, sagte Heidi Klare nur knapp, daran fehle es ihrer Erfahrung nach nun gerade nicht.

          Ein neues Mitglied hat die Akademie in der Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar, sie las am Freitagabend mit Witz, Intensität und Präsenz - die Bühnenerfahrung bleibt bei der einstigen Schauspielerin spürbar -, eine dicht komponierte türkisch-deutsche Lebenserinnerung. Man hörte von ihrer Liebe zu Brecht und bemerkte überrascht, wie der immer wieder Totgesagte anderswo belebend wirken kann.

          Plädoyer fürs Theater

          Günther Rühle, der frühere Chef des Feuilletons dieser Zeitung, erhielt den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik. Seine Dankrede gab ein Bild des wohl etwas mephistophelischen Darmstädters, die Berührungen zwischen dem Sturm und Drang, als dessen Anwalt Merck wirkte, und Büchner hervorhebend, also zwischen den „Soldaten“ von Lenz und Büchners irrem Stadtsoldaten Woyzeck. Und man hörte zwischen den Zeilen ein Plädoyer für jenes Theater, das Rühle vorschwebt.

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