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Martin Mosebach Blendwerk Sprache

26.12.2005 ·  In Clemens Brentanos „Gockel Hinkel Gakeleja“ ist im Kropf des Hahns ein Zauberring verborgen, der Glück und Reichtum über die Gockel-Familie bringen könnte, wenn nicht drei tückische Petschierstecher hinter dem Ring her wären.

Von Martin Mosebach
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Am meisten liebe ich bei den Grimmschen Märchen die in sie hineingeflochtenen Reime und Zaubersprüche, die zu den schönsten deutschen Gedichten überhaupt gehören: „Spieglein, Spieglein an der Wand“, „Fallada, da du hangest“, „Heinrich, der Wagen bricht“ und viele mehr.

Hier möchte ich aber ein Märchen voller Gedichte preisen, das offensichtlicher als bei den Brüdern Grimm das literarische Kunstwerk eines keineswegs naiven und schon gar nicht anonymen Dichters ist.

„Gockel Hinkel Gakeleja. Mährchen, wieder erzählt von Clemens Brentano“, hat aber eine Wanderung von Volk zu Volk hinter sich, die etwas genuin Märchenhaftes hat. Das Motiv vom auf der grünen Wiese in einem verwunschenen Augenblick von Geisterhand auferbauten Palast, der ebenso schnell wieder weggenommen werden kann, stammt natürlich aus dem Orient, aus „Tausendundeiner Nacht“ und ist von dort „lieblich übers Mittelmeer gedrungen“, wie Goethe es im West-Östlichen Diwan sagt.

Raugraf Gockel und seine Gemahlin Hinkel

Aus dem Neapel des siebzehnten Jahrhunderts, aus Giambattista Basiles „Pentamerone“, hat dann der Frankfurter Brentano, Nachkomme italienischer Einwanderer, den Stoff in die heimischen Spessartwälder verpflanzt, ins „Königreich Hanau“, dessen Hauptstadt aus Eierschalen errichtet ist. Als Kind glaubte ich, daß auch die Helden dieses Märchens, der Raugraf Gockel und seine lamentierende Gemahlin Hinkel, mit der ungezogenen kleinen Gakeleja dem Hühnervolk angehörten, denn der treue Vasall der in Ungnade gefallenen Familie, der Hahn Alektryo, sprach ebenso farbig und ausdrucksvoll wie seine menschliche Herrschaft. Im Kropf dieses Hahns ist ein Zauberring verborgen, der nach dem Opfertod des stolzen Vogels Glück und Reichtum über die Gockel-Familie bringen könnte, wenn nicht drei tückische Petschierstecher hinter diesem Wunderding her wären.

Die törichte Gakeleja, der das Spielen mit Puppen durch eine Weissagung verboten ist, gibt den bösen Petschierstechern den Ring für eine Puppe, weil die drei ihr versichern, das Verbot gelte in diesem Fall nicht: Das ersehnte Stück sei „keine Puppe, es ist nur eine schöne Kunstfigur!“. Und fort ist das gezauberte Schloß, und die Familie sitzt wieder in ihrer wie von Altdorfer gemalten Ruine. Das Blendwerk der Sprache konnte aus der verbotenen Puppe keine erlaubte „schöne Kunstfigur“ machen, aber ins Gedächtnis prägt sich der rabulistisch-absurde Reim, der viele Male lustvoll wiederholt wird, unvergeßlich tief ein. Die drei Petschierstecher verkörpern den immer neuen Versuch unserer Politiker, die spröde Wirklichkeit zu verändern, indem sie ihr neue Namen umhängen, aber durch Brentanos Genie wird aus ihrem Betrug etwas ebenso Schönes wie ein echter Zauberspruch.

Martin Mosebach wurde 1951 in Frankfurt geboren, wo er auch lebt. Die Märchen Clemens Brentanos sind in der bei Hanser erschienenen vierbändigen Gesamtausgabe enthalten, die 154 Euro kostet.

Die bisher erschienenen Beiträge zu unserer Weihnachtsserie finden Sie unter www.faz.net/lieblingsmaerchen.

Quelle: F.A.Z., 27.12.2005
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