21.03.2006 · Während in Europa kaum jemand mit dem Namen Dr. Seuss etwas anzufangen weiß, kennt seine Bücher in Amerika wahrscheinlich jedes Kind. Bei den „500 Hüten“ ist Magie im Spiel.
Während in Europa kaum jemand mit dem Namen Dr. Seuss etwas anzufangen weiß, kennt seine Bücher nördlich des Rio Grande und südlich der Baffin Bay wahrscheinlich jedes Kind. Theodor Seuss war nicht mal ein richtiger Doktor.
Das wußte ich freilich nicht, als mir meine Großmutter irgendwann Mitte der siebziger Jahre „Die 500 Hüte“ überreichte. Jene Zeit schwirrte vor pädagogisch wertvoller Kinderliteratur, da gab es den Anti-Struwwelpeter (der war noch schlimmer als das Original) und viele weitere kindgerechte und zeitgemäße Lektüre für aufzuklärende junge Menschen. Ein Märchenbuch von einem Doktor roch schwer nach Pädagogik, so ähnlich wie sogenannte wertvolle Spiele, die sicher gruppendynamisch viel vermittelten, aber hauptsächlich öde waren.
Nichts half gegen den Hut
Ganz anders aber war dieses Bändchen, das merkte ich sogleich. Barthel Löwensproß wollte auf dem Markt Preiselbeeren verkaufen, doch als er den Herrscher traf und zum Gruß seinen Hut zog, saß der gleiche noch mal auf seinem Kopfe. Und auch beim zweiten Versuch blieb das Haupt bedeckt. Das wollte sich König Derwin nicht bieten lassen! Der Hut hat ihm nicht Reverenz erwiesen! Barthel wurde ins Schloß gebracht, und alle probierten, ihm den Kopf zu entblößen - der Hofhutmacher, der weise alte Mann, der Vater des weisen alten Mannes und sogar dessen Vater, der Schützenmeister der Bogenschützen (auf Distanz), die sieben Hofzauberer (mit sieben schwarzen Katzen) - nichts half.
So schickte der König, um das Problem aus der Welt zu schaffen, den Barthel zum Henker, doch der durfte nur Barhäuptige köpfen, so wollte es das Gesetz, das mußte auch der König einsehen. Da schlug der königliche Neffe vor, Barthel vom höchsten Turm zu schubsen. Die Treppe hinauf riß der Bub einen nach dem anderen vom Kopf, und oben angelangt hatte er es dann doch geschafft, der fünfhundertste Hut blieb ohne Nachfolger. Die Antwort Barthels, als der Landesherr ihm den Hut (und alle anderen vierhundertneunundneunzig) für ebenso viele Goldmünzen abkaufen wollte, war großartig: „Mir ist alles recht, Herr König, ich hab' ja noch nie einen Hut verkauft.“ Blühender Blödsinn, eine Unverschämtheit, aber der König verhaute seinen Neffen, der immer noch den Barthel vom Turm schubsen wollte.
Bald lernte ich auch die wunderbaren Wortspiele oder die Parodie auf Wilhelm Tell zu schätzen, und die Illustrationen hatte ich immer schon gemocht. Noch heute, wenn ich das Buch zur Hand nehme, zittere ich: Wird es Barthel auch diesmal gelingen, rechtzeitig den letzten Hut abzunehmen? Immerhin war da Magie im Spiel, es kam eben, wie es kam, und wird wahrscheinlich nicht wieder vorkommen.