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Gespräch mit Martin Amis : Das Buch, das mein deutscher Verlag abgelehnt hat

  • Aktualisiert am

Martin Amis, dessen Holocaust-Roman in Deutschland abgelehnt wurde Bild: HANNAH/Opale

Sein deutscher und sein französischer Verlag haben diesen Holocaust-Roman abgelehnt, in England ist er heute erschienen: Ein Gespräch mit Martin Amis über die Gründe.

          Ihr neuer Roman, „The Zone of Interest“, wurde von Ihrem deutschen und Ihrem französischen Verlag abgelehnt. Weshalb haben Sie über das Vernichtungslager Auschwitz geschrieben?

          Man kann die Arbeit an einem Roman nicht ohne einen sonderbaren Prozess beginnen, den Schriftsteller auf ganz unterschiedliche Weise beschrieben haben. Nabokov sprach von einer Art Nervenanspannung, andere reden von einem Schauer der Erregung. Für mich ist es eine Idee, ein Bild oder eine Figur, die eine sonderbare Ausstrahlung hat. Alles, was ich zu Beginn der Arbeit an „The Zone of Interest“ hatte, war jene Szene, die ich nun auf der ersten Seite beschreibe: Liebe auf den ersten Blick vor einem sehr liebesfeindlichen Hintergrund. Ich dachte anfangs, ich würde vielleicht eine Kurzgeschichte über diese Liebe eines SS-Manns zur Frau seines Lagerkommandanten schreiben, aber dann geschah das Beste, was einem als Schriftsteller überhaupt passieren kann: Ich hatte das Gefühl, dass der gesamte Roman schon irgendwie da ist. Ich musste ihn nur noch aufs Papier bringen.

          Sie haben bereits in Ihrem Roman „Pfeil der Zeit“, der 1993 auf Deutsch erschien, über den Holocaust nachgedacht und schrieben dann sieben Jahre später in Ihrer Autobiographie „Die Hauptsachen“ über einen Besuch in Auschwitz und jene „Patina von Effizienz und Ökonomie“ der Vernichtung, die Sie dort fanden. Weshalb beschäftigt Sie das Thema so anhaltend?

          Ich habe nie auch nur für einen einzigen Augenblick geglaubt, dass das Thema erledigt wäre. Zum einen hat das mit dem Unterschied zwischen Hitler und Stalin zu tun. Mit dem russischen Diktator habe ich mich ebenfalls ausführlich beschäftigt. Der Unterschied ist, dass sich Stalin verstehen lässt, Hitler nicht – was nicht zuletzt daran liegt, dass Stalin in sexueller Hinsicht relativ konventionell war und Hitlers Sexualität bis heute rätselhaft bleibt, weshalb er sich einer abschließenden Deutung entzieht. Hitler tritt in „The Zone of Interest“ nicht auf, nicht einmal als Name, aber das ganze im Roman beschriebene System ist von seiner Unerklärlichkeit geprägt. Die Sexualität ist der Schlüssel zu jeder Figur.

          Auch Auschwitz wird im Buch nicht benannt. Ist die Weigerung, diese Namen auszusprechen, eine Konsequenz der Erkenntnis, dass es keine Worte gibt „für das, was geschah“, wie Paul Celan es umschrieben hat?

          Eigentlich handelt es sich eher um eine andere Art von Hemmung. In meinem Roman „Haus der Begegnungen“ wird Stalin als Name ein einziges Mal erwähnt und auch das nur in einer Fußnote. Ansonsten nennt ihn der Erzähler Josef Wissarionowitsch. Titanische historische Namen haben irgendetwas Klobiges, und ich scheue mich, sie niederzuschreiben. Sie haben etwas Derbes, und man riskiert einen Gemeinplatz, wenn man sie verwendet. Hitlers Namen niederzuschreiben wäre mir grob vorgekommen.

          Deutsche Namen wie „Frithuric Burckl“ oder „Trudel Zulz“ haben noch nie so grotesk geklungen wie in Ihrem Roman. Kann man den Holocaust als satirischen Büroroman erzählen, in dem sich Bürokraten über die Kosten der Vernichtung echauffieren?

          Die Bezeichnung „satirischer Büroroman“ weise ich entschieden zurück. Die Entwicklung des SS-Manns Golo Thomsen, der sich in die Frau des Lagerkommandanten Paul Doll verliebt, entspricht keineswegs den Konventionen eines Büroromans, und Dolls Figur ist den gesamten Roman hindurch einer Art von entrüsteter Geringschätzung unterworfen. Die in der Todeszelle entstandenen Memoiren von Rudolf Höß, des tatsächlichen Kommandanten von Auschwitz, lesen sich fast wie ein Roman von Nabokov – abgesehen davon, dass sie unerträglich langweilig sind. Aber es handelt sich um einen unzuverlässigen, lügenden Erzähler, der sich selbst als zutiefst verachtungswürdig darstellt und sich unserem ganzen Spott preisgibt. So steht es auch um meine Figur des Lagerkommandanten Doll, der neben Thomsen und dem Lagerinsassen Szmul einer meiner drei Ich-Erzähler ist. Obwohl ihm niemand außer seiner Frau die Meinung zu sagen wagt, entlarvt sich Doll durch seine Erzählung selbst.

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