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Veröffentlicht: 27.08.2014, 17:19 Uhr

Gespräch mit Martin Amis Das Buch, das mein deutscher Verlag abgelehnt hat


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Der Hanser-Verlag begründet seine Entscheidung, Ihren Roman nicht auf Deutsch zu publizieren, offiziell damit, dass das Manuskript nicht „ausreichend überzeugt“ habe; in Verlagskreisen wird jedoch kolportiert, „The Zone of Interest“ sei Hanser „zu frivol“.

Dazu möchte ich nicht viel sagen. Deutschland hat meines Erachtens eine ziemlich bewundernswerte Beziehung zu „dem, was geschah“, entwickelt und stellt sich den Verbrechen heute von Angesicht zu Angesicht. Als ich zuletzt in Deutschland war und ein paar Veranstaltungen gemacht habe, sagte ich zu der Frau, die mich begleitete: „Ich könnte über den Holocaust sprechen, aber ich nehme an, davon will hier niemand etwas hören.“ Sie sagte: „Oh, doch. Das wollen sie.“ Deutschland hat ein Stadium erreicht, wo jüngere Leute sehr begierig sind, über die Vergangenheit zu reden, und man diese verbrecherische Zeit nüchtern betrachten kann. Deshalb war ich überrascht, als der Verlag das Buch ablehnte. Ich habe von Hanser einen Brief erhalten, in dem Vorbehalte geäußert wurden, die mich annehmen lassen, dass der Roman und insbesondere die Figur des SS-Manns Thomsen nicht verstanden wurden. Thomsen ist zu Beginn ein passiver Feind des Regimes, und seine Liebe zu Hannah Doll zwingt ihn schließlich sogar zu aktivem Widerstand. Das Verhalten dieser Figur ist absolut konsequent, aber der Verlag schien zu glauben, dass Thomsen als Mitläufer anfangs auf Seiten des Regimes steht und dessen Ideologie teilt. Tatsächlich aber weiß Thomsen, dass die NS-Ideologie kontraproduktiv und selbstzerstörerisch ist. Er fördert diese Selbstzerstörung, weil er will, dass Deutschland den Krieg verliert. Dieses entscheidende Detail ist dem Verlag offenbar entgangen.

Hanser hat den Roman also abgelehnt, weil er in den Augen des Verlags schlecht ist, nicht, weil er anstößig wäre?

Ja, das soll es wohl heißen.

Hat Ihr langjähriger französischer Verlag Gallimard seine Ablehnung ähnlich begründet?

Dort liegt der Fall anders. Gallimard ändert derzeit seine gesamte verlegerische Einstellung. Ich nehme an, die Ablehnung hat eher damit zu tun als mit Einwänden gegen die Thematik des Romans.

Ungeachtet der Gründe muss die Frage erlaubt sein, warum Ihr Roman stellenweise tatsächlich unerhört frivol ist.

Ich wollte in meinem Roman die Idiotie des ganzen NS-Unternehmens hervorheben, die vollkommene Unverständlichkeit des Ganzen. Das ist eine andere Art zu sagen, wie psychopathisch und pathologisch das alles war. Ich war vorhin überrascht, weil Sie sich daran erinnert haben, dass ich bereits in meinen Memoiren von der „Effizienz und Ökonomie“ der Vernichtung geschrieben habe, aber was macht man mit einem bizarren Detail wie der Tatsache, dass die Opfer für ihre eigene Bahnreise nach Auschwitz zahlen mussten? Ich glaube nicht, dass ich meinen Roman rechtfertigen muss. Wie andere Romane über diese historische Katastrophe gleicht er den Ermittlungen nach einem Flugzeugabsturz, bei denen man alles in seiner Macht Stehende tut, um die Ursachen herauszufinden und zu verhindern, dass sich ein Absturz aus den gleichen Gründen wiederholt. Auf dem Weg zur Erkenntnis zählt jeder Zentimeter.

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