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Martin Amis’ Holocaust-Roman : Im Grenzbereich der Literatur

Enfant terrible der englischen Gegenwartsliteratur: Martins Amis Bild: picture-alliance/ dpa

Endet die künstlerische Freiheit des Autors vor den Toren von Auschwitz? Martin Amis diskutiert in London über seinen Holocaust-Roman, der zwar keine Komödie sei, teilweise aber Satire. Kritiker bezeichnen ihn als moralische Katastrophe.

          Martin Amis scheint tatsächlich nicht zu begreifen, warum deutsche und französische Verlage sich schwertun mit seinem neuen Roman, „The Zone of Interest“, seinem zweiten Versuch, den Holocaust literarisch zu verarbeiten. Amis gleitet auf die Bühne und setzt sich in einem tiefen Ledersessel in schriftstellerischer Pose zurecht. Der linke Arm lässig über die Lehne ausgestreckt, der rechte Ellenbogen auf die andere Lehne gestützt, spricht der aus New York angereiste Autor bei einer von der „Financial Times“ organisierten Veranstaltung über das Thema, für das die Sprache laut Paul Celan - einer der vielen Namen, die Amis fallen lässt - keine Worte hergebe.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Sein Gesprächspartner ist der britische Jurist Philippe Sands, der ein persönliches und berufliches Interesse an der Materie hat. Sein Großvater stammt aus Lemberg, seine Mutter ist dem Holocaust knapp entgangen. Im Zuge seiner Recherchen für ein Buch über internationale Verbrechen hat er sich mit den Söhnen von nationalsozialistischen Tätern wie Otto Wächter und Hans Frank unterhalten. Jetzt will er von Martin Amis hören, was er zu sagen hat über die Herausforderung, die er sich mit diesem Stoff gestellt hat. Wo liegen die Grenzen der dichterischen Freiheit?

          Dazu muss man wissen, dass Amis eine schwarze Liebeskomödie im Kreis der Täter geschrieben hat, die Hannah Arendts Begriff von der Banalität des Bösen bewusst auf die Spitze treibt. Der Roman ist in einem Konzentrationslager angesiedelt, das Züge von Auschwitz trägt, so wie Paul Doll, eine der Hauptfiguren, eindeutig die Züge des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß trägt. Amis, der lautmalerische Wortspiele liebt, nennt das Lager, wie schon in „Pfeil der Zeit“, seiner rückwärts erzählten Geschichte eines KZ-Arztes, „Kat Zet“.

          Satire sei militante Ironie

          „The Zone of Interest“ hat drei Erzählfiguren, den possenhaften Lagerkommandanten Paul Doll, der sich gern als ganz normaler Mann mit normalen Bedürfnissen bezeichnet, den SS-Mann Angelus Thomsen, Golo genannt, ein blonder Schönling mit blauen Augen, der als Neffe Martin Bormanns eine Sonderstellung genießt, und den Häftling Szmul vom Sonderkommando, der weiß, dass er zu den „traurigsten Männern in der Weltgeschichte“ gehört.

          Amis beschreibt den Befreiungsmoment, den er bei der Suche nach einem neuen Zugang zum Thema erfahren habe, als er den Satz von Primo Levi las, dass man gar nicht versuchen dürfe, den Holocaust zu verstehen, weil verstehen beinahe rechtfertigen heiße. Danach habe er sich im Stuhl zurückgelehnt, erzählt der Autor. Mit dieser Einsicht habe sich der Druck, eine Erklärung für das Unverständliche zu finden, verflüchtigt. Ihm sei klargeworden, „dass ich mich hineinwagen konnte“. Wie im Nachwort zu „The Zone of Interest“ stellt Amis seine Belesenheit zur Schau und gibt sich die Allüre des Intellektuellen. Sie verführt ihn zu apodiktischen Aussagen wie jener, dass das Versagen der deutschen Kultur darauf zurückzuführen sei, dass Preußen, das kein Zentrum der Kultur gewesen sei, 1871 die kultivierten Kleinstaaten „verschluckt“ habe.

          Amis legt aber auch sein ewiges Grübeln über diese Untaten dar. Mit zwei Holocaust-Romanen habe er das Thema keineswegs erschöpft, er könne sich durchaus vorstellen, noch einmal darauf zurückzukommen - mit dem Blick des Schriftstellers, der die menschliche Komödie auslotet. Ihn faszinieren Details, die von der Absurdität des Bösen gekennzeichnet sind: etwa, dass die Deportierten für die Zugfahrt in die Lager bezahlen mussten. „The Zone of Interest“ sei keine Komödie, hebt Amis hervor, doch lasse sich Satire nicht vermeiden. Satire sei militante Ironie.

          Moralische Kastastrophenzone

          Amis spricht mit jener sardonischen Distanz, die auch seine von der Lust an pointierten Formulierungen getragenen Romane kennzeichnet. Als er den Gedanken wiederholt, dass Hitler sich anders als Stalin unserem Verständnis entziehe, weil seine Sexualität schleierhaft bleibe, lässt Amis sich vom Publikum dazu verführen, den Liebesakt zwischen Hitler und Eva Braun auszumalen. Das soll komisch sein, ist es aber nicht. Wie Amis selber feststellt, ist Gelächter ein „kompliziertes Instrument“. In seiner ungehemmten englischen Auffassung von Komik liegt denn auch die Problematik des Romans, zumindest für manchen deutschen Leser.

          Die britischen Kritiker haben „The Zone of Interest“ weitgehend gelobt. Die „Financial Times“ nannte das Buch „ein Werk von künstlerischem Mut, schauriger Komik und unleugbarem moralischem Ernst“. Der „Guardian“ urteilte, dass Amis ein Kunstgriff gelungen sei, der „uns erlaubt, die Umrisse dessen zu erkennen, was jenseits der Wörter liegt“. Am heftigsten widersprach David Sexton, der im „Evening Standard“ bemängelte, dass der Roman nicht nur geschmacklos sei, sondern auch deprimierend, nicht wegen des Stoffes, sondern weil er dieses überwältigend wichtige Thema ausbeute. Sexton ging so weit, das Buch als „eine moralische Katastrophenzone“ zu bezeichnen.

          Martin Amis stellt eine rhetorische Frage: „Wann ist ein Thema so heikel, dass man nicht darüber schreiben kann?“ Und liefert selbst die Antwort, dass Literatur Freiheit sei, und „Freiheit ist unteilbar“.

          Quelle: F.A.Z.

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