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Mark Siemons Mein Lieblingsbuch: „Zhuangzi“

10.08.2004 ·  Das vor 2300 Jahren von dem sonst unbekannten Chinesen Meister Zhuang geschriebene Buch ist ein literarisches Wunderwerk, dessen Witz und gedankliche Präzision keinen Vergleich zu scheuen braucht.

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Kann ein Buch, das man nur ein einziges Mal gelesen hat und dann unberührt in der Erinnerung konserviert, ein "Lieblingsbuch" sein? Gewiß - wahrscheinlich ist das sogar meistens so. Aber am liebsten ist mir doch ein Werk, bei dem es sich ganz anders verhält. Seitdem ich vor ein paar Jahren auf das Buch "Zhuangzi" stieß, schreibe ich es lesend ständig um oder vielmehr versuche ich, mit Hilfe sämtlicher Übersetzungen, die ich mir in der ersten Begeisterung beschaffen konnte, Kapitel für Kapitel neu zu rekonstruieren - um es meiner Vorstellung von dem, was das Original gemeint haben muß (und was ich gerade selber meine), allmählich anzunähern.

Natürlich hielte sich der Reiz einer solchen Beschäftigung in Grenzen, wenn das Original selbst so unbeholfen oder dunkel wäre, daß man ihm dergestalt auf die Sprünge helfen müßte. Doch hier trifft das Gegenteil zu: Das vor 2300 Jahren von einem sonst unbekannten Chinesen namens Meister Zhuang (in deutschen Übersetzungen auch Tschuangtse oder Dschuang-dsi genannt) geschriebene Buch ist ein literarisches Wunderwerk, dessen Witz und gedankliche Präzision keinen Vergleich zu scheuen braucht, eine einzigartige Mischung aus erkenntnistheoretischem Traktat, skurriler Parabel und Manifest. Zhuangzi ist ein Zeitgenosse und Geistesverwandter des Laotse, doch er übertrifft diesen an Ideenreichtum und spielerischer Beweglichkeit.

Man kann das Buch als eine radikale Kulturkritik bezeichnen, die allerdings darauf verzichtet, an die Stelle der Konventionen, deren Haltlosigkeit und Willkür sie demonstriert, ihrerseits Konstrukte wie "Natur" oder "Wirklichkeit" zu setzen. Das "Tao" ist hier kein raunender Mystizismus, den spätere Esoteriker aus ihm machten, sondern vor allem ein Statthalter-Begriff, der es erlaubt, ideologischen Überhöhungen genausowenig auf den Leim zu gehen wie dem Skeptizismus.

Leider hielt sich der Autor noch nicht einmal an die Konventionen der chinesischen Sprache seiner Zeit, so daß man sich denken kann, wie viele Bedeutungsvarianten selbst für den heutigen Chinesen offenbleiben, geschweige denn für den unbedarften Westler. So nimmt er das Buch als Vexierspiel und ist dankbar, daß es ihn zu immer neuen Formulierungen und Einfällen herausfordert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2004, Nr. 185 / Seite 33
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