05.12.2005 · „Hänsel und Gretel“ ist eine Studie über Täuschung und über die Brüchigkeit von Realität. Marion Poschmann über das gruseligste aller Märchen von den Brüdern Grimm.
Dies ist das gruseligste aller Märchen. Eine Wirtschaftskrise bringt die Eltern dazu, ihre Kinder zu betrügen und sie im Wald auszusetzen, um selbst zu überleben. Die Kinder ihrerseits versuchen, die Eltern zu hintergehen und mittels einer heimlich gelegten Spur wieder zurückzufinden. Beim zweiten Mal gelingt das nicht: Vögel haben die ausgelegten Brotkrumen aufgepickt, Vögel, die sich in ihrer scheinbaren Harmlosigkeit als besonders unheilvoll erweisen.
Herrscht erst noch das Naturgesetz der Nahrungskette, ist es bald schon Zauberei: Ein schöner weißer Singvogel leitet die Kinder zum Hexenhaus. Die Kinder essen von diesem Haus, das aus Brot und Kuchen besteht, und glauben sich gerettet, aber es handelt sich um eine grausame Verkennung der Tatsachen, denn sie selber sollen bald gebraten werden: In einem Wald voller Zaubervögel ist nichts, was es scheint.
Eine weiße Ente ist die Rettung
Das Ungeheuerliche geschieht, als Gretel die Hexe in den Backofen stößt und diese schreiend verbrennt. Hexenverbrennungen sind bei Grimms nicht selten, finden aber gewöhnlich nicht im Zentrum, sondern am Ende der Geschichte, im Nachsatz und im Passiv statt. Daß ein Kind, ein Mädchen dazu, die List und Brutalität für eine solche Handlung aufbringt, macht dieses Märchen so unheimlich.
Gretel hat nun Macht über die Vögel: Von einer weißen Ente läßt sie sich und den Bruder übers Wasser nach Hause bringen. „Hänsel und Gretel“ ist eine Studie über Täuschung und über die Brüchigkeit von Realität. Die sogenannte Wirklichkeit und die Märchenwelt gehen ineinander über. Das stärkste Bild, die kindliche Paradiesesvorstellung vom Knusperhaus, hat in Lebkuchenform Eingang in unsere adventlichen Haushalte gefunden.