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Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki : Der Einzigartige

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Im Jahr 2000 gab es in Frankfurt am Main die Fotoausstellung „Sein Leben in Bildern“: Reich-Ranicki steht dabei vor einen Schwarzweißfoto, das ihn als Kritiker bei der Gruppe 47 zeigt Bild: dpa

Er, Marcel Reich-Ranicki, hat die Literaturkritik in Deutschland wie kaum ein anderer geprägt. Er verkörperte deutsche Kultur. Er war ein emphatischer Redakteur und ein Meister der ersten wie der letzten Sätze. Ein Abschied.

          Seine hervorstechende Eigenschaft war Neugier, ein lebhaftes Interesse an der Welt und ihrer Bewohner. Seine Lieblingsfrage lautete „Was gibt es Neues?“, und wehe dem, der am anderen Ende der Leitung (denn er telefonierte für sein Leben gern) auf diese Forderung hin nichts zu erzählen hatte!

          Das Problem war natürlich, dass er selbst stets bestens informiert war, und wenn man etwa mit einer Nachricht aus dem literarischen Leben aufwartete, die älter als zehn Minuten war, winkte er schon ungeduldig ab: „Das weiß ich längst. Haben Sie denn keine anderen richtigen Neuigkeiten?“

          In Wahrheit war er gar nicht darauf angewiesen, unterrichtet oder unterhalten zu werden, weil er selbst der beste Lehrer und Unterhalter war – abwechslungsreich, temperamentvoll und nie um eine Pointe verlegen. Gern begann er, kaum dass er sich gesetzt und die Runde gemustert hatte, ein Tischgespräch mit dem geradezu wohlig-grollenden Vorwurf: „Nun lassen Sie mich doch einmal ausreden!“, um zwei Stunden später seiner Tour de Force durch die Themen der Gegenwart und entlang ihres Personals vergnügt mit einer Bemerkung wie „Wo war ich stehengeblieben?“ den letzten Schliff zu geben.

          Er stritt für sein Leben gern

          Kein Wunder, dass ihm das Unmögliche gelang, nämlich sogar im Fernsehen als Solist zu glänzen: Eine halbe Stunde redete er in „Marcel Reich-Ranicki solo“, und verstand es, den Monolog stets kurzweilig, spannend und abwechslungsreich zu halten.
          Woran lag seine Begabung zur Unterhaltung? Natürlich an seinem Witz, seinem Tempo und seiner Originalität, vor allem aber daran, dass er nicht nur immer wusste, wovon er sprach, sondern dass er zu allem eine Meinung hatte – Meinungen, die er auch dann mit einer kämpferischen Verve vertrat, wenn kein Anwesender widersprach, was im übrigen oft der Fall war und ihn durchaus zu bekümmern pflegte, denn er stritt für sein Leben gern. Doch die Gegner, die eines Streites würdig waren, wurden mit der Zeit weniger.

          Marcel Reich-Ranicki belebte aber nicht allein die Kritik oder das Fernsehen, sondern in erster Linie die deutsche Literatur selbst. Seine Buchbesprechungen hatten stets eingreifenden Charakter. Wenn er lobte, so lobte er überschwänglich und hingerissen – so, dass jeder Leser seiner Artikel das betreffende Werk gleich selbst lesen wollte. Und wenn er verriss, dann derart entschieden und total, dass man wiederum wissen wollte, ob ein Buch wirklich derart miserabel sein konnte. Mit anderen Worten: Marcel Reich-Ranicki personifizierte nicht nur die Literaturkritik, sondern er stiftete gerade durch seine unbedingte Subjektivität zum Lesen an, zum Mitdenken und zum Miturteilen.

          Nicht in seiner Wirkung, aber in seiner Absicht ist er dabei gern unterschätzt worden. Unter dem Vorwurf der Theoriefeindlichkeit und der Theoriefremdheit hat er gelitten. Öffentlich darauf geantwortet hat er nur ein einziges Mal, nämlich als ihm 2007 die Ehrendoktorwürde der Berliner Humboldt-Universität verliehen wurde – nicht polemisch, sondern lässig. Was keiner seiner Gegner begriffen habe: dass er sich immer die größte Mühe gegeben habe, „die Theoriefremdheit vorzuspielen“. Seine Arbeit sollte durch die Theorie nicht „belastet“ werden. „Ich habe das nicht erfunden. Ich habe das gelernt.“ Mit Alfred Kerr, Kurt Tucholsky und Alfred Polgar wusste er sich im Bunde in seinem Bekenntnis zum leidenschaftlichen Subjektivismus. Das war für ihn nicht nur die Pflicht, sondern auch das Privileg des Kritikers.

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