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Nachruf auf Marcel Reich-Ranicki Ein sehr großer Mann

 ·  Marcel Reich-Ranicki ist tot. Der größte Literaturkritiker unserer Zeit verkörperte, in Verfolgung und Ruhm, das zwanzigste Jahrhundert. Er war ein permanenter Protest gegen Langeweile und Mittelmaß. Niemand vermochte einer ganzen Gesellschaft die Bedeutung von Literatur so zu vermitteln wie er.

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© Röth, Frank Vergrößern Marcel Reich-Ranicki (1920-2013)

Um 14 Uhr hatte ich ihn noch besucht. Sein Sohn Andrew war an seinem Bett im Pflegeheim, wo er seit Tagen, seit Wochen war. Marcel Reich-Ranicki erkannte einen.Und es war keine Einbildung, sondern, nach einhelligem Zeugnis aller Umstehenden, unverkennbare Tatsache, dass er sich mit interessiertem Blick aufzurichten versuchte, als ich ihm sagte, ich hätte sensationelle Nachrichten aus dem literarischen Betrieb. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

Doch zwei Stunden später kam die Nachricht, dass Marcel Reich-Ranicki, der große Kritiker in der Geschichte der deutschen Literatur und der größte unter seinen Zeitgenossen und Nachgeborenen, gestorben war.

Es ist unmöglich, so zu tun, als könnte man ihm trauernd abgeklärt nachrufen. Wie oft haben wir mit ihm nicht über Nachrufe, die anderen galten, geredet? Ich weiß genau, was er von Nachrufen erwartet. In dem Augenblick, da ich dies schreibe, höre ich seine Stimme: „Herrgott, Sie müssen zeigen, was der Kerl taugte, nicht, wo er zur Schule ging!“ Überhaupt machte er sich geradezu operative Gedanken über das Verhältnis von Tod und Kritik. Bücher von über Achtzigjährigen wurden grundsätzlich nicht verrissen. „Ich will nicht, dass wir einen Tag später den Nachruf bringen müssen“, lautete die meistens recht fröhlich vorgebrachte Begründung.

Immer noch auf eine Verabredung warten

Ich weiß, was er erwarten würde. Natürlich würden ihn Superlative in diesem Nachruf nicht stören: der Größte, Wichtigste, Witzigste, Gefährlichste – und der Witz ist ja, das würde auch alles stimmen. Vielleicht hätte er gefordert, dass man einen Nachruf auf ihn vorbereitet hätte, wie er das selbst als Literaturchef zu tun pflegte. „Ich will keinen Nervenkrieg“, sagte er dann. Aber bei denen, die ihm wichtig waren und die ihm ans Herz gewachsen waren, tat er das nicht. Er schloss sich dann ein und schrieb seine emphatischsten Stücke. Wir alle merkten, dass die rhetorische Floskel in diesen Fällen wirklich stimmte: die Toten, Wolfgang Koeppen oder Siegfried Unseld, fehlten ihm von da an unablässig. Noch Jahre später kam er auf sie zurück, wie einer, der immer noch auf eine Verabredung wartet, die niemals eintreffen wird.

Und so geschieht es uns nun mit ihm. Dass er nicht mehr da ist, nie wieder nach Neuigkeiten fragen wird, nie wieder seine Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreiben wird, nie wieder poltert oder rühmt oder – ja, auch das war eine Essenz seines Wesens – liebt: All das ist jetzt nur als eine Abwesenheit und Verwaisung zu verbuchen.

Wir werden lesen, und zu Recht lesen, dass mit ihm eine Epoche zu Ende geht. Richtig deuten können wird man lange nicht, was das für eine Epoche war. Mehr jedenfalls als das „Literarische Quartett“ und F.A.Z. und Gruppe 47 und deutsche Nachkriegsliteratur. Dieser Mann war in Verfolgung und Ruhm die Personifikation des zwanzigsten Jahrhunderts.

Die Traumatisierung ausquartiert

Da lebte eben noch in Frankfurt am Main ein Mensch, der sich als blutjunger Mann voller Lust und Lebensfreude in die Literatur des Landes und die Kultur der Weimarer Republik vergrub; einer, der das alles wirklich liebte und zum Leben brauchte. Doch gleichzeitig ein Junge, der als Jude mit jedem Geburtstag ein Jahr tiefer in die Epoche des Nationalsozialismus hineinwuchs.

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