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Marcel Reich-Ranicki Nichts als Poesie

30.12.2005 ·  Hoch über der Stadt steht auf einer Säule die Statue des glücklichen Prinzen. Von dort oben muß er sehen, wovon er zu Lebzeiten nichts wußte: alles Elend seiner Stadt. Oscar Wildes „Der glückliche Prinz“ ist Marcel Reich-Ranickis Lieblingsmärchen.

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Vor siebzig Jahren - das ist kein Druckfehler, es sind tatsächlich siebzig Jahre - hat mich Oscar Wildes Märchen „Der glückliche Prinz“ gerührt und entzückt. Vielleicht habe ich es gerade deshalb nie wieder gelesen.

Offenbar fürchtete ich, die abermalige Lektüre könnte mich enttäuschen. Es war wohl die gleiche Angst wie jene, die manch einer empfindet, wenn ein Treffen mit einer Geliebten aus frühen Jahren bevorsteht.

Nun ja, heute spüre ich es: Dieses Märchen nähert sich der Sentimentalität. Gleichwohl ist es herrlich geblieben. Was wird erzählt? Hoch über der Stadt steht auf einer Säule die Statue des glücklichen Prinzen.

Wunderbar musikalische Sprache

Von dort oben muß er, den man mit Gold und Edelsteinen verziert hat, sehen, wovon er zu Lebzeiten nichts wußte: alles Elend seiner Stadt. Da er dies nicht ertragen kann, verzichtet er auf die kostbaren Steine und bittet eine Schwalbe, sie den Armen zu bringen. Um dies tun zu können, verschiebt sie ihren Herbstflug nach Ägypten. Was weiter geschieht, mag jeder selber lesen, am besten im englischen Original.

Anders als in nicht wenigen deutschen Märchen, etwa in denen der Brüder Grimm, gibt es bei Wilde keine bösen oder gar grausamen Motive. Geschrieben in einer kunstvoll einfachen, einer klaren und durchsichtigen, einer wunderbar musikalischen Sprache, sind es liebevolle Märchen, zart und anmutig.

Er habe sie, heißt es, zuerst seinen Kindern erzählt. Doch haben sie, gleichsam im Fluge, die lesende Menschheit bezaubert. Der „Glückliche Prinz“ - das ist nichts als Poesie in Prosa, vollkommene Poesie.

Oscar Wildes Märchen und Erzählungen gibt es im Insel-Verlag als gebundene Ausgabe für 8,50 Euro.

Die bisher erschienenen Beiträge zu unserer Weihnachtsserie finden Sie unter www.faz.net/lieblingsmaerchen.

Quelle: F.A.Z., 31.12.2005, Nr. 305 / Seite 41
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