05.07.2004 · Ein dünner Band, gefunden während der Nazi-Zeit in einem Berliner Antiquariat, in dem verramschte Bücher verbotener Schriftsteller hinter der Theke versteckt waren: das Lieblingsbuch Marcel Reich-Ranickis.
Mein Lieblingsbuch soll ich nennen? Also wohl nicht nur ein solches, das ich besonders liebe, denn da gibt es viele, vielmehr eines, das mich mein ganzes Leben lang begleitet, das auf meine Ansichten in Sachen Literatur einen starken, einen prägenden Einfluß ausgeübt hat. Nur wenige Bücher kommen da in Betracht, eines ist ein dünner Band, der sich in meiner Jugend - es war die Zeit des "Dritten Reiches" - nicht leicht auftreiben ließ. Schließlich fand ich ihn in einem Berliner Antiquariat, in dem verramschte Bücher verbotener Schriftsteller hinter der Theke versteckt waren - Bücher von Emigranten, Kommunisten und Juden.
Der Band enthielt Verse, die mich nahezu verzauberten. Warum? Ich weiß es nicht. Das macht eben das Wesen der Verzauberung aus: Da ist eine starke, eine prägende Wirkung, doch deren Ursache läßt sich nicht so rasch erkennen: Die Magie der Dichtung kann man nie ganz erklären.
Die Verse stammen aus der Feder eines Autors, dem der Mißbrauch der Poesie zur Flucht ins Undeutliche und Verschwommene, dieses Erzübel der deutschen Literatur, verhaßt war. Den Lesern, die den Rilkeschen Rhythmus im Blut hatten und die Georgesche Melodie im Ohr, vermochte er zu beweisen, daß der Gesang vernünftig und die Vernunft poetisch sein kann.
So zeigte er, daß die Synthese von Dichtung und Intellekt nicht nur nötig, sondern tatsächlich möglich sei. Seine Verse waren und sind erstaunlich einfach und leicht verständlich und zugleich, ohne die geringste Aufdringlichkeit, wunderbar poetisch - wie es einst, im neunzehnten Jahrhundert, viele Lieder von Heine waren. Kurz gesagt: Sie schienen mir in viel höherem Maße modern als die damals so beliebten Gedichte von Rilke oder George, von Hesse oder Carossa. Der Titel des Buches: "Bertolt Brechts Hauspostille", erschienen 1927.