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Marcel Reich-Ranicki : Mein Freund Siegfried Lenz

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Zwei Weggefährten Bild: picture-alliance / dpa

Im Herbst 1957 reist Marcel Reich-Ranicki von Polen nach Deutschland und trifft Siegfried Lenz. Sofort entsteht ein Vertrauensverhältnis. Zum achtzigsten Geburtstag von Lenz blickt Reich-Ranicki in Dankbarkeit zurück.

          Es ist schon lange her, vor bald einem halben Jahrhundert war es, im Herbst 1957. Damals haben wir, Siegfried Lenz und ich, uns zum ersten Mal gesehen. Ich war aus Warschau, wohin ich 1938 aus Berlin deportiert wurde, in die Bundesrepublik gekommen - nur für einen kurzen Besuch. Ich wollte mich nach neuer deutscher Literatur umsehen, über die ich in polnischen Zeitschriften zu berichten plante und die sich vielleicht für die Übersetzung ins Polnische eignen würde. So lautete der offizielle Zweck meiner Reise.

          Aber dieser Besuch hatte noch einen anderen, einen ganz privaten und heimlichen Zweck: Ich war entschlossen, Polen zu verlassen. Das allerdings durfte niemand dort wissen oder auch nur vermuten. Ich wäre sofort in Ungnade gefallen. Zunächst mußte ich erkunden, ob es möglich wäre, mich zusammen mit meiner Frau und meinem Sohn in der Bundesrepublik niederzulassen - und ob ich Chancen hätte, hier, etwa in Hamburg oder in München, weiterhin meinen Beruf auszuüben, also mich als Kritiker zu betätigen und damit den Lebensunterhalt der kleinen Familie zu verdienen.

          Sehr jung, sehr blond und ziemlich schüchtern

          Meine Reise durch die Bundesrepublik begann in Hamburg. Gleich rief mich jemand in meinem Hotel an: Er sei vom Norddeutschen Rundfunk gebeten worden, ein Funkgespräch mit mir zu machen. Die Bitte war mir höchst willkommen. Denn ich hatte kein Geld: Der mir in Warschau für diese Reise genehmigte Betrag in Westmark war sehr dürftig. Er reichte für kaum mehr als für einige Übernachtungen in billigen Hotels.

          Literarischer Sprinter und Langstreckenläufer

          Vor dem Haus des Senders in der Rothenbaumchaussee, wo ich am nächsten Tag warten sollte, kam ein Mann auf mich zu, sehr jung, sehr blond und ziemlich schüchtern. Er eben sollte mich für den Funk interviewen. Ob so ein Anfänger es einigermaßen schaffen würde? Denn die Aufgabe war heikel: Ich durfte ja kein Wort sagen, das in Warschau hätte mißfallen können. Schon eine Bemerkung, es sei, beispielsweise, keine glückliche Lösung, daß Breslau und Stettin jetzt zu Polen gehörten, hätte mir viel Kummer bereiten können. Um es gleich zu sagen: Der junge Mann machte es routiniert und vorzüglich und hatte auch die Güte, das Interview in die Länge zu ziehen, was mein Honorar auf erfreuliche Weise erhöhte.

          „Das Schnitzel war hervorragend“

          Kaum war die Aufnahme beendet, da fanden wir uns wieder auf der Rothenbaumchaussee und gingen trotz der kühlen Witterung ein wenig spazieren. Ganz nebenbei und, wie mir schien, vertraulich sagte mir der junge Mann, er habe schon zwei oder drei „Büchlein“ geschrieben und nicht ganz ohne Echo publiziert. Daß das dritte dieser Bücher („So zärtlich war Suleyken“) ein regelrechter Bestseller war, verschwieg er. Ich bat ihn, seinen Namen, den ich nicht verstanden hatte, zu wiederholen. Er hieß Siegfried Lenz.

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