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Sonntag, 19. Februar 2012
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Marcel Reich-Ranicki im Interview Ohne Berlin wäre ich wohl kein Kritiker

26.01.2007 ·  Siebzig Jahre nachdem er dort vom Studium ausgeschlossen worden war, verleiht die Humboldt-Universität Marcel Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde. Ein Gespräch über seine Jugend, die ersten Kritiken, Günter Grass' SS-Mitgliedschaft und die Einsamkeit.

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„Also los! Die erste Frage!“ Marcel Reich-Ranicki ist ungeduldig. Er sitzt in einem großen, schwarzen Sessel in seiner Frankfurter Wohnung. Der Sessel lässt sich per Knopfdruck summend bequem zurechtstellen. Er blickt auf eine Bücherwand und einen großen Fernseher. Ja, die Fragen der Leser der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (siehe auch: Fragen Sie Reich-Ranicki), die er jede Woche beantwortet, die könne er sich aussuchen, sagt er. „Aber bei Ihnen werde ich mir nichts aussuchen können. Sie werden mich mit schwierigen Fragen quälen.“ Dabei geht es ja einfach nur darum, zu erfahren, wie das war, damals, als der Jude Marcel Reich nicht studieren konnte. Und wie merkwürdig das sein muss, jetzt, an derselben Universität die höchsten Weihen zu erhalten.

Fast siebzig Jahre nachdem Ihnen an der Universität in Berlin, der heutigen Humboldt-Universität, als Jude ein Studienplatz verweigert wurde, verleiht man Ihnen jetzt, am 16. Februar, dort die Ehrendoktorwürde. Was bedeutet Ihnen das?

Diese Nachricht hat mich nicht so sehr stark berührt, und zwar deshalb, weil davon seit Jahren die Rede war. Also schön, gut, jetzt bekomme ich, spät, aber doch, auch noch diesen Ehrendoktor. Es ist der neunte. Den stärksten Eindruck hat auf mich der erste Ehrendoktor gemacht, das war Uppsala in Schweden. Nachher, wenn sich das wiederholt, die Ehrendoktorate - das ist wie mit den Frauen. Man gewöhnt sich dran, und die Wirkung ist nicht so überwältigend groß.

Ein wenig freut es Sie aber doch?

Ja, aber der wichtige Grund ist mein Verhältnis zur Stadt Berlin. Ich war gerade neun Jahre alt geworden, als ich 1929 aus der kleinen polnischen Stadt Wloclawek nach Berlin kam. Ich war nie in Warschau gewesen, nie in einer größeren Stadt. Ich kam nach Berlin und sah lauter Dinge, die für mich total neu waren: die U-Bahn, die Bahnhöfe, die Stadtbahn-Linie, die ganze Architektur. Es war alles vollkommen neu. Vor allem aber: Berlin ist die Stadt meiner ersten großen und für das ganze Leben entscheidenden Begegnung mit der Musik, mit dem Theater, mit der Literatur. Und deshalb bin ich so dankbar für diesen Ehrendoktor. Ich freue mich auch, dass Peter Wapnewski die Laudatio halten wird, von dem ich sehr viel gelernt habe. Da ich nie studieren konnte, habe ich nie gründlich Mittelhochdeutsch gelernt, die Literatur und Sprache des Mittelalters, das habe ich in hohem Maße von Wapnewski gelernt.

Was hatten Sie sonst für Lehrer, damals?

Ich hatte Glück, der Mathematiklehrer war hervorragend, der Geschichtslehrer ein doller Nazi, aber kein uninteressanter Lehrer und der übrigens auch mich gar nicht schlecht behandelt hat. Na ja, und vor allem die Deutschlehrer. Was ich den Deutschlehrern verdanke, ist natürlich die Hinführung zur Literatur. Wenn man jung ist, behält man diese Dinge gut. Ich habe die Sachen bis heute im Gedächtnis. Wie uns der „Prinz von Homburg“ geboten wurde, daran habe ich neulich erst wieder denken müssen, als das Stück hier in Frankfurt aufgeführt wurde - im Regen. Ja, das ganze Stück spielte von der ersten bis zur letzten Zeile im strömenden Regen. Die armen Schauspieler wurden ganz nass. Wozu der Regen nötig war, weiß ich nicht. Ich halte das für blanken Unsinn. Ich leide an diesem Regietheater sehr. Es geht ja nicht darum, dass die Stücke schlecht aufgeführt werden, das Schlimme ist, dass junge Menschen das sehen und glauben, die klassischen Stücke seien Dreck. Die Stücke sind aber kein Dreck. Sie werden nur falsch aufgeführt.

Und wenn Sie aufgebracht aus dem Theater kommen, wünschen Sie sich da nicht, eine Kritik darüber zu schreiben?

Nein, nein. Ich habe in meiner Jugend davon geträumt, Theaterkritiker zu werden. Ich wollte gar nicht so sehr Literaturkritiker sein. Das hing wohl damit zusammen, dass die Rolle der Theaterkritiker im öffentlichen Leben in Berlin in den späten Jahren der Weimarer Republik enorm war: Kerr und Polgar, Siegfried Jacobsohn und Kurt Tucholsky - die hatten einen riesigen Einfluss auf das öffentliche Leben. Das gilt nicht für die Literaturkritiker. Ein so wichtiger Literaturkritiker wie Walter Benjamin war keine sehr bekannte Figur damals. Ich habe sogar angefangen, Theaterkritiken so für mich selber in der Schulzeit zu schreiben.

Warum haben Sie sich eigentlich 1938 um einen Studienplatz beworben? Das war als Jude doch ganz aussichtslos?

Sie haben recht. Es war Unsinn, dass ich in dieser Situation darum gebeten habe, Unsinn, zu dem ich überredet wurde von meinem sehr guten und es gut meinenden Deutschlehrer, und von meiner Mutter.

Die beiden müssen das doch auch gewusst haben. Warum haben sie Sie in eine demütigende Situation geschickt?

Es hat damit zu tun, dass mein Bruder an dieser Universität Zahnmedizin studiert und mitten im Dritten Reich promoviert hat, und er durfte das, weil er, ich auch, polnischer Staatsbürger war. Das, meinte der Deutschlehrer, würde vielleicht die Universität veranlassen zu sagen: Lassen wir den mal. Aber es war falsch, ich hätte mich nicht darum bemühen sollen, geschadet hat es mir damals überhaupt nicht. Ich bin nur nicht aufgenommen worden und musste mich damit abfinden.

Mich erstaunt immer wieder, mit welcher Liebe Sie trotz aller Demütigungen über Berlin reden, die Stadt, aus der Sie eines Morgens aus Ihrer Wohnung heraus deportiert wurden.

Wissen Sie, als ich zum ersten Mal nach dem Krieg, das war im Januar 1946, nach Berlin kam, im Auto aus Polen einfuhr, es war schon dunkel, und ich sah die zerstörte Stadt, da hatte ich nicht die geringste Genugtuung, dass die Stadt zerstört wurde. Im Gegenteil, ich war froh, dass ich endlich wieder Berlin sah und vieles auf Anhieb wiedererkannte, was mir seit meiner Jugend vertraut war. Berlin ist die Stadt, die mich geprägt hat. Wenn ich damals nicht nach Berlin gekommen wäre, ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre. Sehr unwahrscheinlich, dass ich ein Kritiker geworden wäre.

Erstmals als Kritiker gearbeitet haben Sie im Warschauer Getto.

Ja. Das hat sich so ergeben, weil der Musikkritiker krank wurde und ich ihn vertreten musste, das habe ich ein paar Mal getan, und nachher, als er gesund wurde, hat er gesagt: Och, Sie machen das gar nicht schlecht, machen Sie's ruhig weiter.

Ihr Pseudonym war Wiktor Hart. Warum?

Meine ersten Kritiken habe ich mit „wh“ gezeichnet, das waren die Initialen meines Freundes in der Schule, der hieß Wolfgang Hartwig. Später machte ich aus „wh“ Wiktor Hart. Als Erinnerung an meinen Freund. Kurz nachdem ich deportiert wurde, ist er nach Australien emigriert. Er hat sich später nie bei mir gemeldet. Ich habe ihn mit Shakespeare bekanntgemacht und er mich mit Mozart. Er war der zweitbeste Deutschschüler in der Klasse, und dass der beste Deutschschüler in der Klasse ein Jude war und der zweitbeste auch ein Jude - das war den Nazis unter den Lehrern so ganz willkommen nicht.

Das Pseudonym deutet auf frühe Unerbittlichkeit des Rezensenten - schon im Getto.

Ach nein, ich meine, im Getto darüber zu streiten, ob das Tempo des Zweiten Satzes der Fünften von Beethoven richtig oder doch zu schnell war, ist merkwürdig. Aber der beste Dirigent sagte: So schrecklich es ist für uns und unser Dasein, wir müssen uns bemühen, auch unter diesen Umständen gut Musik zu machen.

Sie waren also nachsichtig?

Ja, nicht so hart, das stimmt schon.

Grass hat Ihnen im „Tagebuch einer Schnecke“ das Pseudonym „Zweifel“ gegeben. War nicht so ganz in Ihrem Sinne?

Nein, nein, nein, das Pseudonym „Zweifel“ gefällt mir sehr. Grass war übrigens damals sehr erstaunt, dass ich keine Kritik des „Tagebuchs einer Schnecke“ geschrieben habe. Aber er hat darin so viele Erinnerungen von mir verwertet, da konnte ich nun wirklich nicht darüber schreiben.

Waren Sie von den Enthüllungen jetzt überrascht?

Nein, dass er in der Waffen-SS war, hat mich nicht furchtbar überrascht. Natürlich finde ich, wie viele andere, die Tatsache überraschend, dass er das so lange verheimlicht hat. Aber ihn dafür zu kritisieren ist meine Sache nicht.

Angst hatten Sie vor Grass ja schon bei Ihrer ersten Begegnung.

Angst vor -

Ja, vor der Person Grass. Er hatte etwas Bedrohliches, schreiben Sie in Ihrer Autobiographie, Sie fürchteten, er könnte ein Messer tragen oder eine Pistole.

Vielleicht war es nicht so ganz falsch.

Später, in der Gruppe 47, hatten Sie es ja fast ausschließlich mit ehemaligen deutschen Soldaten zu tun.

Ja. Das war selbstverständlich.

Und es war klar, dass darüber nicht gesprochen wird?

Es wurde überhaupt in der Gruppe 47 über Politik nicht gesprochen. Das hat Hans Werner Richter so angeordnet. Und der wusste, warum. Er hat genau gewusst, wenn über Politik diskutiert wird in der Gruppe 47, wird es zu Krach und Streit kommen. Und die Gruppe 47 wird dann auseinanderfallen.

Der amerikanische Autor Louis Begley sagt ja, er gibt bis heute keinem Deutschen seines Alters die Hand, weil er nicht weiß, was er im Krieg getan hat.

Meine Jugend ist ganz anders verlaufen als die von Begley. Ich habe jahrelang mit Schülern in einer Bank gesessen, die Mitglieder der Hitler-Jugend waren und die uns, die wenigen Juden in der Klasse, sehr gut behandelt haben. Ich habe immer gedacht, als ich im Getto war: O Gott, wie wäre das gut, wenn ich einen meiner einstigen Mitschüler treffen könnte, der würde mir vielleicht in irgendeiner Weise helfen. Ich kam später gar nicht auf die Idee, jemandem nicht die Hand zu geben. Ich kannte ja anständige Leute, die keine Anhänger der Nazis waren oder auch glühende Anhänger der Nazis - ganz unterschiedlich, aber dies hatte auf ihr Verhältnis zu mir oder meinem Schulfreund Wolfgang Hartwig überhaupt keinen Einfluss. Und in der Gruppe 47, also, ich habe mir gar keine Gedanken gemacht, was die Leute im Krieg gemacht haben und ob die Juden erschossen haben. Es war ja unmöglich - ich konnte nicht mit Menschen auf so einer Tagung sitzen und mir Gedanken machen, ob das Deutsch der eben vorgelesenen Romankapitel gut sei oder nicht, und mir gleichzeitig überlegen, wen die ermordet haben.

Sie wollten von Anfang an unbedingt zur Gruppe 47 dazugehören.

Wissen Sie, es wäre vielleicht manches anders geworden, wenn ich fest zur „Zeit“-Redaktion gehört hätte. Aber ich war da ja nur als Schreibender und bin nie zu einer Konferenz gebeten worden. Und ich war natürlich ziemlich isoliert, in Niendorf, wo ich damals wohnte, und hatte wenige, sehr wenige Freunde in Hamburg. Also, irgendwo dazugehören möchte man ja. Ich war ja immer einer, der nie so richtig dazugehörte.

Und bei der Gruppe 47?

Ich wusste schon, dass ich mit meiner ganzen Person diesen Mitgliedern der Gruppe fremd war, fremd sein musste. Wie fremd - dass sie mich rausschmeißen wollten und dass Siegfried Lenz sich dann sehr bemühte, dass ich nicht rausgeschmissen wurde, das alles habe ich erst viel später begriffen.

Gibt es etwas, was Sie bedauern in Ihrem Leben als Kritiker?

Ich weiß schon, dass ich nicht selten Menschen unrecht getan habe. Und das hatte verschiedene Gründe, aber der eine Grund war, ich wollte eine ehrliche Kritik machen. Dass ich manchen Autoren unrecht getan habe bei dieser oder jener Gelegenheit, daran besteht kein Zweifel.

Gibt es heute genug Klarheit in den Literaturteilen, in den Kritiken?

Nein, viele Kritiken sind windelweich geschrieben und immer auch in ähnlichem Umfang. Es sind darunter Bücher, über die man ganz kurz schreiben sollte, weil es nicht nötig ist, so lang zu schreiben und Dinge zu sagen, die auf der Hand liegen.

Woran liegt das? Fehlender Mut, fehlende Entschlossenheit?

Alles zusammen. Und wenn man über einen Roman, über einen Erzählungsband negativ schreibt, hat man oft einen Autor fürs ganze Leben als Feind.

Warum ist gerade der Literaturbetrieb so sehr von Missgunst und Neid beherrscht?

Mein Cousin, einer der bedeutendsten Maler Englands, Frank Auerbach, hat mir mal gesagt: Die Situation eines Schriftstellers ist ganz anders als die eines Malers. Jeder Schriftsteller muss für sein Buch viele Abnehmer finden. Ich brauche für jedes Bild nur einen Käufer, das beglückt mich. Vielleicht lebt es sich einfacher, wenn man immer nur einen Käufer braucht.

Zurzeit sind deutsche Romane so erfolgreich wie lange nicht. Daniel Kehlmanns Roman hat sich fast eine Million Mal verkauft. Was halten Sie von ihm?

Kehlmanns Erfolg freut mich außerordentlich. Es ist ein Beweis, dass die unterhaltsame Literatur immer mehr Leser findet. Unterhaltsame Literatur, nicht Unterhaltungsliteratur! Unterhaltungsliteratur nennt man jene, die um des Erfolges willen auf Biegen und Brechen das Publikum unterhalten will. Aber die unterhaltsame versucht das, was sie bietet, in einem Roman so zu erzählen, dass dieser Roman die Leser unterhält. Ich habe immer daran geglaubt, dass der Roman entstanden ist, um das Publikum zu unterhalten.

Interview: Volker Weidermann

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.01.2007, Nr. 3 / Seite 25
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