http://www.faz.net/-gqz-10sij

Marcel Reich-Ranicki im Interview : „Ich konnte es nicht mehr aushalten“

  • Aktualisiert am

„Ich bin nicht nach Köln gefahren, um Krach zu schlagen”: Marcel Reich-Ranicki bei der Ankunft am Coloneum Bild: dpa

Er kam, um einen Ehrenpreis in Empfang zu nehmen, sah, was bei der Fernsehpreis-Gala in Köln geboten wurde - und verzweifelte. Marcel Reich-Ranicki im F.A.Z.-Interview über die Gründe seines Wutausbruchs bei der Preisverleihung.

          Er kam, um einen Ehrenpreis in Empfang zu nehmen, sah, was bei der Fernsehpreis-Gala in Köln geboten wurde und verzweifelte. Marcel Reich-Ranicki im F.A.Z.-Interview über die Gründe seines Wutausbruchs bei der Preisverleihung.

          Was war das beim Fernsehpreis: ein spontaner Wutanfall von Ihnen oder der Ausbruch des ganzen Unmuts, der sich an vielen Fernsehabenden bei Ihnen aufgestaut hat?

          Eines ist sicher: Ich bin nicht nach Köln gefahren, um Krach zu schlagen. Es war eine ganz und gar spontane Reaktion.

          Was hat Sie so wütend gemacht?

          Wütend gemacht hat mich, dass fast alle preisgekrönten Darbietungen auf einem erbärmlichen Niveau waren.

          Was war so erbärmlich daran?

          Ich saß in der ersten Reihe und je länger die Sache dauerte, desto mehr war ich ermüdet. Ich fand es empörend, dass ich während dieses langen Abends die ganze Zeit auf einem harten Stuhl sitzen musste und man mich bis zum Schluss warten lassen wollte. Nachdem ich schon rund zwei Stunden ausgeharrt hatte, sagte mir der Intendant Schächter, es dauere noch fünfzehn Minuten, dann nochmal fünfzehn Minuten, dann sprach er von dreißig Minuten. Da wollte ich weg, ich wollte gehen. Ich konnt‘s nicht mehr aushalten.

          Das ist das eine. Jetzt zum anderen, den erbärmlichen Darbietungen. Ich sage ja nicht, dass alles schlecht war, was da ausgezeichnet wurde, überhaupt nicht. Aber auch die guten, vielleicht sogar sehr guten Produktionen, die einen Preis erhielten, wurden auf eine Art und Weise präsentiert, die ihre Qualität überhaupt nicht erkennen ließen. Ein Beispiel: Eric Fiedler bekam einen Preis für seine Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“. Das soll ein guter, sehr beachtlicher Film sein. Aber man sah nur einen ganz kurzen Ausschnitt, der überhaupt nichts von dieser Qualität sichtbar machte. So ging es den ganzen Abend, und zwischendurch immer wieder Köche, nichts als Köche. Es war schrecklich.

          Das hat Sie so aufgebracht? Die Köche?

          Ja, natürlich, die auch. Aber vor allem: Es war alles so unglaublich langweilig.

          Und das hat Sie überrascht?

          Nein, eigentlich nicht. Aber überrascht und gefreut hat mich die Reaktion des Publikums auf meine Rede. Ich glaube, am stärksten war der Beifall, als ich sagte, dass Arte ein ganz anderes, ein sehr beachtliches Programm hat. Leider bin ich dann auf einen Skandal nicht weiter eingegangen, auf den Skandal nämlich, dass Kultur und Bildung an diesem Abend kaum erwähnt wurden. Kultur kommt im deutschen Fernsehen so gut wie gar nicht mehr vor.

          Hat Ihnen Ihr Freund Thomas Gottschalk nicht leid getan? Immerhin gehört er seit kurzem zu den Mitarbeitern der „Frankfurter Anthologie“.

          Er hat wie immer glänzend reagiert: Als ich sagte, dass ich diesen Preis nicht annehmen kann und diesen schrecklichen Gegenstand, für den ich keine Worte finde, erst recht nicht haben möchte, da hat er mich sehr freundlich unterbrochen und vorgeschlagen, dass die Intendanten, die diesen Abend veranstaltet haben, mit mir über das ganze Problem der Kultur und Bildung im deutschen Fernsehen diskutieren sollten.

          Der ZDF–Intendant Schächter bekommt eine schallende Ohrfeige von Ihnen und spricht anschließend von einer „Sternstunde des Fernsehens“. Was werden Sie ihm und seinen Kollegen sagen?

          Das spricht für und nicht gegen Schächter. Noch einmal, ich hatte während des ganzen Abends das Gefühl: Ich gehöre hier nicht hin, das alles hat mit meinem Beruf nichts zu tun.

          Ihr Beruf ist die Literaturkritik. Seit über fünfzig Jahren tragen Sie nach Kräften dazu bei, dass über den Zustand und die Qualität der deutschen Literatur diskutiert wird. Wird womöglich über den Zustand unserer Fernsehprogramms zu wenig diskutiert, weil wir keine funktionierende Fernsehkritik haben?

          Ja. So ist es.

          Wird Ihr Kölner Auftritt eine Debatte über das Fernsehen zur Folge haben?

          Ich glaube schon, dass es eine Debatte über das Niveau unserer Programme geben wird. Aber dass die so nötige Programmänderung bevorsteht, das glaube ich leider nicht – es sei denn, unser Publikum, das bessser ist als sein Ruf, nimmt sich der Sache ernsthaft an und wird nicht aufhören, von Intendanten und Programmleitern zu verlangen, was ihm vorenthalten wird: ein anspruchsvolles Fernsehprogramm.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach den Kongresswahlen : Die Politik der lahmen Enten

          „Lame Duck Session“ heißt es in Amerika, wenn eine Partei vor Beginn der neuen Legislaturperiode noch schnell versucht, ihre politischen Projekte zu retten. Die Republikaner versuchen das nun in mehreren Staaten.

          Diesel-Fahrverbote : Städte gegen Video-Kontrollen

          Das geplante Gesetz zur Video-Überwachung von Diesel-Fahrverbotszonen erntet Kritik von den betroffenen Städten. Verkehrsminister Scheuer geht seinerseits in die Offensive: Er will die Positionen von Messstationen überprüfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.