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Marcel Reich-Ranicki : Hilde Domin: Außerhalb jeder Regel

  • Aktualisiert am

Hilde Domin im Jahre 1995 mit Marcel Reich-Ranicki Bild: picture-alliance / dpa

Mit der Kraft zum Optimismus: Hilde Domin ging immer ihren eigenen Weg, trotzig und eigensinnig. Marcel Reich-Ranicki zum Tode der Lyrikerin, die sich nicht beirren ließ.

          Hilde Domin war - wie sie selber freimütig feststellte - „außerhalb jeder Regel“. In der Tat ist sie mit anderen deutschen Dichterinnen unserer Zeit nicht vergleichbar, immer ging sie ihren eigenen Weg, trotzig und eigensinnig.

          Sie hat zur Fortsetzung und Intensivierung unseres Gesprächs über die Literatur viel beigetragen - mit Essays zur Theorie der Dichtung und mit wichtigen Anthologien, mit temperamentvollen Ansprachen auf Kongressen und auch, nicht selten, mit heftigen Leserbriefen.

          Ungewöhnliches Glück

          Doch vor allem war Hilde Domin Lyrikerin. Wo ist ihr Platz in der Geschichte der deutschen Literatur? Wir haben in der Poesie zwei große Ströme - den feierlichen, priesterlichen, sakralen von Hölderlin bis zu Stefan George und Paul Celan und den weltlichen und rationalen, der der Logik mehr als den dunklen Trieben verbunden war, den Strom also, für den Schiller und Heine stehen und Brecht. Goethe übrigens gehört hierhin und dorthin, er vereint (wie kein anderer) beide Ströme. Und Hilde Domin?

          Sie hatte im Leben ungewöhnliches Glück: Sie hat in ganz jungen Jahren Erwin Walter Palm kennengelernt und mit ihm beinahe ihr ganzes Leben verbracht. Er war ein glänzender Kenner der Literatur, ein Archäologe und Kunsthistoriker und ein vorzüglicher Berater der Gattin, auf die er bisweilen sanft bremsend zu wirken vermochte. Und zweitens: Die Jüdin Hilde Domin hatte das Glück, die Zeit des „Dritten Reiches“ geradezu in einem Paradies zu verbringen. Sie lebte in einer fremden Welt, in der sie aber schreiben, dichten und lehren konnte. Sie war Lektorin an einer Universität in der Dominikanischen Republik.

          Widerspruch und Widerstand

          Was schrieb Hilde Domin im Exil, wo sie zu dichten anfing? Ihre früheste Poesie ist Widerspruch und Widerstand, Prüfung und Protest, Revision und Rebellion. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland bleibt ihre Dichtung Widerspruch und Rebellion - gegen Hartherzigkeit und Gleichgültigkeit, gegen Opportunismus und Konformismus. Sie ließ sich nicht beirren, sie hatte die Kraft zum Optimismus. In ihren besten Gedichten verband sie die Vorliebe für die knappe und prägnante, die schmucklose und weitgehend auf Metaphern verzichtende Sprache mit gedanklicher Klarheit.

          Hilde Domins Poesie ist kühl und ruhig und auf eindrucksvolle Weise souverän, was nicht immer für ihre Prosa gilt. Auch diese ist hochherzig, doch neigt sie bisweilen zu jener Euphorie, die nicht jedermanns Sache ist. Falsch und bedauerlich ist es, daß man Hilde Domin oft auf Protestgedichte festgelegt hat. Man sollte ihre vor vierzig, ja fünfzig Jahren entstandenen Liebesgedichte nicht vergessen. Wie auch immer: Zur sakralen, zur priesterlichen Dichtung gehörte sie nie.

          Und nicht vergessen sollte man, was für Hilde Domin das „Jude-Sein“ bedeutete - keine Glaubensgemeinschaft und keine Volkszugehörigkeit, vielmehr eine Schicksalsgemeinschaft: „Ich habe sie nicht gewählt wie andere Gemeinschaften. Ich bin hineingestoßen worden, ungefragt wie in das Leben selbst.“

          Quelle: F.A.Z., 24.02.2006, Nr. 47 / Seite 35

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