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Marcel Reich-Ranicki Ein Zuhause aus Stimmen, Bildern, Versen und Romanen

 ·  Vor fast siebzig Jahren wurde ihm in Berlin die Zulassung zum Studium verweigert - er war Jude. Jetzt hat die Freie Universität Berlin Marcel Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde verliehen.

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In dem Band „Marcel Reich-Ranicki. Sein Leben in Bildern“ ist neben dem Reifezeugnis des Schülers Marceli Reich ein kleines, etwas vergilbtes Papier abgebildet. Es zeigt in reinlicher Handschrift den Satz: „Ich bitte um die Aufnahme als ordentlicher Student an die Philosophische Fakultät der ,Friedrich-Wilhelms-Universität' zu Berlin.“ Darunter steht die Adresse des Verfassers. Weiter unten liest man, in grober Sütterlinschrift und doppelt unterstrichen, die Antwort der Universität auf den Antrag: „Abgel. 7. 4. 38“. Und knapp darüber, mit weichem Bleistift eingetragen, ein Kürzel, drei Buchstaben mit einem Punkt dahinter: „jüd.“ Jüdisch. Deshalb abgelehnt, mit Unterschrift und Stempel.

Marcel Reich-Ranicki durfte 1938 in Berlin nicht Literatur studieren, und er hat auch später nicht Literatur studiert. Statt dessen hat Reich-Ranicki die deutsche Literatur als Kritiker geprägt und verwandelt wie kein anderer Kritiker vor ihm, und dafür hat ihm die Berliner Universität nun die Ehrendoktorwürde verliehen. Freilich nicht die Friedrich-Wilhelms-Universität und auch nicht ihre Nachfolgerin, die Humboldt-Universität Unter den Linden. Sondern die Freie Universität in Berlin-Dahlem, die Neugründung der Nachkriegsjahre. Von der Humboldt-Universität, erzählte Reich-Ranicki am Montag morgen bei einer Pressekonferenz vor der Verleihung, habe es auf entsprechende Anregungen hin vor Jahren einen mündlichen Bescheid gegeben. Er lautete: nein.

Sein Werk ist getan, die Arbeit nicht zu Ende

Marcel Reich-Ranicki ist fünfundachtzig Jahre alt, dies ist seine siebente Ehrendoktorwürde; seine erste hat er 1972 in Uppsala erhalten. Zu den bekannteren bisherigen Ehrendoktoren der Freien Universität Berlin gehören Fritz H. Landshoff und Hermann Kesten, die Leiter der Exilverlage Querido und Allert de Lange, die 1982 geehrt wurden. Der deutsche Universitätsbetrieb läßt sich Zeit, bevor er seine Arme für die Vertriebenen öffnet. Ein Lebenswerk muß abgeschlossen sein, ehe es die Alma mater in Gnaden annimmt. Reich-Ranickis Werk ist zwar getan, aber seine Arbeit noch lange nicht zu Ende; im Augenblick redigiert er die Kanon-Ausgabe der größten deutschen Essays.

Daß zu diesen auch Aufsätze von Joachim Fest und Martin Walser gehören, ist für den Herausgeber selbstverständlich, für einige Journalisten aber gleich ein öffentliches Versöhnungsangebot. Tatsächlich hat Reich-Ranicki in Berlin erklärt, er werde, falls er Walser auf der Weidendammer Brücke über die Spree so in die Arme laufe, daß ein Ausweichen für keinen von beiden in Frage komme, den Schriftsteller vielleicht zu einem Schnaps einladen; und er sei nach wie vor zu einem Gespräch mit Fest bereit, obgleich dieser vor kurzem in Frankfurt grußlos an ihm vorbeigegangen sei. Zwei Begegnungen, zwei Versöhnungen im Nebel des Konjunktivs.

Als Freund des Publikums

Daß es eine „Ungeheuerlichkeit“ gewesen sei, das Immatrikulationsgesuch des Wilmersdorfer Abiturienten Marcel R. abzulehnen, erklärte der Präsident der Freien Universität am Anfang des Festakts am Montag abend. Ungeheuerlich, das sagt sich heute leicht; und auch, daß „nach siebenundsechzig Jahren“ nun etwas von dem, was geschehen ist, gutgemacht sei. Wie aber das Ungeheuerliche wirklich ausgesehen hat, jedenfalls in seiner Berliner Variante, vor der Deportation, vor dem Getto und dem Massenmord, davon erzählte Marcel Reich-Ranicki in seiner Dankrede, die er im Sitzen und ohne Manuskript hielt, als Freund, nicht als Lehrer des Publikums. Er erzählte davon, indem er es aussparte. Statt dessen sprach er von dem, was der Diktatur und ihren Häschern entging, vom Trost der Kultur.

„Ich bin als Kritiker von der Kultur der Weimarer Republik geprägt.“ Aber nur eine einzige Theateraufführung, Fehlings „Wilhelm Tell“, hat Reich-Ranicki noch vor der Machtergreifung Hitlers gesehen; fast alle seine Jugendbegegnungen mit Theater, Oper, Literatur spielen im „Dritten Reich“. Aber der Geist der zwanziger Jahre glühte im Berlin der dreißiger Jahre nach, in Büchern, Platten, Programmheften: „Ich hörte die Stimmen von Marlene Dietrich, Lotte Lenya, Richard Tauber, Ernst Busch... ich verliebte mich in das Theater und die Literatur, sogar in einzelne Schauspielerinnen.“

Sein Schicksal gespiegelt

Wer Reich-Ranickis Kritikerpassion für das gereimte Gedicht, den klassischen Roman, die strenge und kanonische Form richtig begreifen will, muß die Theatererfahrungen des Schülers Marcel nachvollziehen, die Abende in Hilperts Deutschem Theater und bei Gründgens am Gendarmenmarkt, an denen die deutsche Klassik vor dem Ausgegrenzten als Heimat, als bessere Gegenwelt aufstieg. Anders als alle Nachkriegsgenerationen hat er das Klassische nicht als Zwangsjacke, sondern als Lebensmittel im Reich des Terrors erlebt. Deshalb auch sein Plädoyer für Gustaf Gründgens, der das nazistische Ideal des Herrenmenschen als morbider, grüblerischer, lesesüchtiger Hamlet auf der Bühne widerlegte: „In dieser dekadenten Figur sah ich mein Schicksal gespiegelt.“

Nicht der zaghafte und wirkungslose politische Protest, sondern der „Kräftezuwachs“, den er durch die Bühne und die Bücher empfing, zählte für den Schüler aus Wilmersdorf - „daß man sich etwas weniger einsam und unglücklich fühlte“. Daß Literatur auch eine Gegenmacht zu den herrschenden Mächten sein kann, erfuhr er Anfang 1937 durch den Brief Thomas Manns, mit dem dieser auf die Aberkennung seiner Ehrendoktorwürde durch die Universität Bonn reagierte. Er wurde im kleinen Kreis verlesen, ein Ruf aus der freien Welt ins Reich der Unfreiheit. Der Kritiker ist ihm bis heute gefolgt.

Dies alles kann man in ähnlicher Form auch in Reich-Ranickis 1999 erschienener Autobiographie „Mein Leben“ nachlesen, aber wer es in jenem Universitätshörsaal in Berlin-Dahlem vernahm, wird es dennoch nicht vergessen. Daß ein Kritikerleben Geschichte macht, ist selten; daß es, wie das von Marcel Reich-Ranicki, die Epochen, die es umspannt, zugleich symbolisch kommentiert, ist einmalig. Die ungeliebte Hauptstadt der jungen Berliner Republik könnte einen Repräsentanten wie ihn gut gebrauchen - nun hat sie ihn wenigstens als Ehrendoktor. Warum er in der Nachkriegszeit so selten in Berlin gewesen sei, wurde der Geehrte am Montag gefragt. Er antwortete, dort habe sich eben niemand für seine Tätigkeit besonders interessiert. Das hat sich geändert. Und auch für die Humboldt-Universität ist es ja noch nicht zu spät.

Quelle: F.A.Z., 11.01.2006, Nr. 9 / Seite 31
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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