28.05.2005 · Deutschlands berühmtester Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wird 85 Jahre alt. Zu seinem Geburtstag erscheint sein Hauptwerk in einer erweiterten Ausgabe.
Von Volker WeidermannEs ist der 13. August 1955. Marcel Reich-Ranicki sitzt im polnischen Seebad Ustka in einem Strandkorb und liest Goethe-Gedichte. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die Ostsee liegt ruhig und weit und schön vor ihm. Da kommt ein blondes, junges Mädchen im blauen Rock mit zwei Kuverts in der Hand über den Strand zu ihm gelaufen. Sie lächelt so heiter und fröhlich, daß der Mann im Strandkorb sicher ist, die Kuverts könnten nur gute Nachrichten enthalten. Einer der Umschläge enthält einen Brief aus der Schweiz. Katia Mann, die Ehefrau Thomas Manns, entschuldigt sich, daß sie leider für ihren Mann antworten müsse, der im Krankenhaus liege, zum Glück aber schon auf dem Weg der Besserung sei.
Der andere Umschlag enthält ein Telegramm vom Polnischen Rundfunk: „Thomas Mann gestern gestorben. Stop. Erbitten Nachruf fünfzehn Minuten, möglichst noch heute.“ Heute ist sich Marcel Reich-Ranicki zunächst gar nicht mehr ganz sicher, was er damals empfand und ob er in diesem Moment nicht vielleicht sogar etwas mehr an das Mädchen im blauen Rock dachte als an den verstorbenen Schriftsteller. Aber er weiß: „Ich saß etwas hilflos im Strandkorb.“ Und dann erinnert er sich doch an dieses eine Gefühl, das er empfand, als er vom Tode Thomas Manns erfuhr: „Ich fühlte mich verlassen.“
Alle Seiten des Kritikers vereint
Diese Episode erzählt Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiographie „Mein Leben“. Und diese Episode ist jetzt auch in die erweiterte Neuausgabe des Hauptwerks des Literaturkritikers Reich-Ranicki aufgenommen worden. In den Sammelband „Thomas Mann und die Seinen“. In diesem Buch sind alle Seiten des Kritikers vereint: Die Liebe. Die Wut. Der Wille, scheinbar für alle Zeiten festgezurrte Urteile zu überprüfen und zu revidieren. Der Unwille, über wirklich schlechte Bücher nachsichtige Urteile zu fällen. Klarheit. Nachvollziehbarkeit. Ehrlichkeit. Mut zum krassen Fehlurteil. Auch Ungerechtigkeit. Und vor allem aber: Leidenschaft. Engagement. Und Liebe.
Damit ist dieses Buch, heute gelesen, ganz automatisch auch eine Anklageschrift gegen die Literaturkritik, wie sie zur Zeit in Deutschland betrieben wird. Eine Literaturkritik, die die Leidenschaft nicht kennt. Die buchhalterisch und beamtenhaft Buch auf Buch vom Tisch rezensiert, weil es eben gerade ins Haus geschickt wurde oder vor ein paar Wochen, egal, und weil es seit Jahren so gemacht wurde. So entstehen diese ganzen in Routine erstarrten Kritiken, die keiner mehr liest. Ohne Urteilswillen, Urteilskraft. Von Professoren und Gesinnungsprofessoren geschrieben. Die den Frühling nicht kennen. Nicht das Mädchen am Strand. Und nicht das Leben. Die nicht wissen, daß der Beruf des Literaturkritikers der schönste Beruf der Welt ist. Und daß sie eine Verpflichtung haben, gegenüber dem Leser. Eine verdammte Verpflichtung. All das weiß der Autor dieses herrlichen Buches: „Ich hielt es für eine meiner wichtigsten Aufgaben, einen Literaturteil zu redigieren, der nicht bloß von Kollegen und Fachleuten gelesen würde, sondern von möglichst allen, die sich für Literatur interessieren.“ - Was für eine Selbstverständlichkeit! Und: Was für eine notwendige Erinnerung!
Es geht um alles!
Marcel Reich-Ranicki wird am Donnerstag 85 Jahre alt. Und Marcel Reich-Ranicki ist, wie Sie alle wissen, Kolumnist, hier in diesem Feuilleton. Zwei gewichtige Gründe, einem Text über diesen Mann, über ein Buch dieses Mannes in diesem Feuilleton zu mißtrauen. Denn erstens sagt man zu Geburtstagen ohnehin nur Artigkeiten. Und zweitens einem Mitarbeiter in der Öffentlichkeit erst recht. Trotzdem ist an diesem Text hier nichts geschmeichelt. Nichts gelogen, umgebogen, nichts geschönt.
Dieses Buch lehrt uns, was lesen heißt. Und lieben.
Es ist nicht mehr als eine Aufsatzsammlung. Fünfundzwanzig Texte über die Mitglieder der Familie Mann, davon allein achtzehn, die sich mit Thomas Mann beschäftigen. Halt! Ich sehe Sie schon gähnen. Falsch gegähnt. Es geht um alles.
Thomas Mann, der Freundesfresser
Es geht um die Geschäfte Thomas Manns. Wie er sich ein Leben lang von seinem Verleger Gottfried Bermann Fischer übers Ohr gehauen fühlte. Wie er die kleinste falsche Rechnung schon ahnte, bevor der arme Bermann sie überhaupt niederschreiben konnte, es geht um Thomas Mann, den Freundesfresser, der schon früh Menschen so lange an sich band, wie sie ihm nutzen konnten, wie den Jugendfreund Otto Grautoff, es geht um Tonio Kröger, die „Jahrhunderterzählung“, das Leiden am Leben, das Ausgeschlossensein, geht um die frühen Novellen, die späten Romane, immer wieder um die Tagebücher, die letzte Liebe Thomas Manns, sein Nachleben, seinen Tod. Und eben jenes Gefühl des Verlassen-Seins danach. Und das Sich-Annähern an einen Verstorbenen durch Lesen und durch Schreiben.
Und es geht um die Familie, die er die deutschen Windsors nennt, um ihre Familienmitglieder, die er natürlich alle als Kreisende um die kalte Sonne Thomas Mann begreift, alle aus ihrem Verhältnis zum Nobelpreisträger heraus erklärt und versteht. Er ist am Literarischen ebenso wie am Persönlichsten interessiert, und als sich Michael Mann, ein weiterer unglücklicher Sohn, am Silvesterabend in seinem Haus in der Nähe von San Francisco erschoß, nachdem er das Jahr über die ersten Tagebuchbände Thomas Manns aus den Jahren 1918-1921 zur Veröffentlichung vorbereitet hatte, erfährt Reich-Ranicki es von Golo Mann als erster und ist auch der einzige in Deutschland, der einen Nachruf auf Michael schreibt. Je länger man in diesem Buch liest, desto mehr hat man den Eindruck, der Autor selbst sei ein Familienmitglied der Manns. Ein Cousin vielleicht oder sogar auch ein Sohn. Der einzige, der nicht unter dem Vater leidet. Der unbedrängt bewundern darf. Man kann ihn sich jedenfalls gut vorstellen, so auf der Treppe vor dem großen Haus in der Poschinger Straße, im Kreis der Familie Thomas Manns, im Kreise der Seinen. Und lächeln. Und winken.
Reich-Ranicki formuliert verständnisvoll und klar
Die Annahme seiner Familienmitgliedschaft bedeutet natürlich keineswegs, daß in diesem Buch nur Nettigkeiten ausgetauscht würden. Im Gegenteil. Manches Urteil ist viel zu streng. Seine Kritik am „Doktor Faustus“ zum Beispiel ist stark überzogen, auch wenn es natürlich stimmt, daß die Konstruktion des Romans, der die Machtübernahme der Nazis in Deutschland als teuflisch-künstlerische, unausweichliche Notwendigkeit darstellt, sehr zweifelhaft ist und die zentrale Rolle der Zwölftonmusik, die sich der Autor wegen eigener Unkenntnis von Adorno hineinschreiben lassen mußte, den Roman entscheidend schwächt, könnte Reich-Ranicki hier die Bedeutung dieses letzten, großen, deutschen Universalromans des vorigen Jahrhunderts unterschätzen. Aber um solche Etikettierungen schert sich Reich-Ranicki ohnehin nicht. Im Gegenteil. Er zitiert zustimmend August Wilhelm Schlegels Diktum: „Das gewagteste Unternehmen der Kritik scheint der Widerspruch gegen eine durch lange Verjährung befestigte Meinung über Kunst- und Geisteswerke zu sein.“ Sein Urteil über die meisten Bücher Heinrich Manns ist gnadenlos: Das eine Buch („Die Jagd nach Liebe“) ist „eine einzige Entgleisung“. Er wütet: „Das schlägt dem Faß den Boden aus!“ Die wichtigsten Kennzeichen seiner Essays seien „majestätisches Pathos, verschwenderische Rhetorik, hämmernder Rhythmus und die hemmungslose Lust an großen Worten“. Doch trotz all der Kritik, all dem Ärger über das Ungenügen Heinrich Manns, von dem eigentlich nur der „Zola“-Essay, „Der Untertan“ und „Professor Unrat“ Gnade finden, fühlt er sich, als er vom Tode Heinrich Manns erfährt, „zu meiner eigenen Überraschung tief betroffen“. Er gehörte eben auch fest mit zur Familie. Zu den Seinen.
Auch an den Büchern von Klaus Mann läßt er im Grunde kein gutes Haar. Aber er beschäftigt sich mit dessen Seelenleid wie mit dem eines Bruders. Und formuliert so scharf und treffend, knapp, verständnisvoll und klar, daß man einen solchen Kapitelauftakt, einmal gelesen, wohl nie mehr vergißt: „Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn Thomas Manns. Also war er dreifach geschlagen.“ Und dann beginnt die Ausführung. Und man will alles, alles wissen.
„Es ist ja alles gut und schön...“
Gegen Ende des Buches schildert Reich-Ranicki ein merkwürdiges Erlebnis. Es geht um Golo Mann. Der Sohn, der im Wettbewerb der größten Opfer Thomas Manns immer schon den ersten Platz für sich reklamierte, der Reich-Ranicki einmal am Telefon sagte, er habe immer den Tod des Vaters gewünscht. Dieser Golo Mann also, dessen Grab sich heute auf demselben Friedhof befindet wie das von Thomas Mann, aber am äußersten anderen Rand, wie um den Vater noch im Tode zuzurufen, „siehst du, wie ich deine Ferne suche, siehst du, wie ich unter dir gelitten habe!“, dieser Golo Mann schrieb einmal an Reich-Ranicki. Es sei ja alles gut und schön, was er über die Familie schreibe, über Klaus und vor allem über Thomas, allein, es fehle die Sympathie. Es fehle die Liebe in diesen Texten.
Was für ein absurder Vorwurf. Ein Vorwurf, der nur dann ein Körnchen Wahrheit enthält, wenn man Reich-Ranicki vollends als Familienmitglied akzeptiert hat und die mitunter einfließende Kritik, die notwendige Distanziertheit des Kritikers als Angriff auf die Familiensolidarität deutet. Vielleicht hat Golo Mann als Bruder zu ihm gesprochen.
Danke und Herzlichen Glückwunsch!
Denn an Liebe fehlt es nie in diesem Buch. Und nicht an Offenheit. Es ist vielleicht das ehrlichste Buch von Marcel Reich-Ranicki. Eines, das oft mehr von ihm erzählt vielleicht als seine Autobiographie. Er schreibt es selbst, an einer Stelle. Schreibt von dem aufschreckenden Erlebnis beim Lesen der Tagebücher Thomas Manns: „Die Begegnung mit uns selber.“ Und er fährt fort: „So können wir uns in Thomas Mann erkennen, obwohl und weil er ein Fürst des Lebens und ein König im Reich der Literatur war. Von unserem Elend und unserem Hochmut, von unserer Verletzbarkeit und unserem Egoismus, unseren Minderwertigkeitsgefühlen und unserem Größenwahn, unserer Sehnsucht nach der Liebe und unserer Angst vor dem Tod.“
Das Buch trägt die Widmung „Für T. R.-R.“. Für Teofila. Seine Frau, seit über sechzig Jahren.
Es ist ein Liebesbuch. Ein Buch vom Leben. Ein Buch, das lehrt, was Lesen ist.
Danke Marcel Reich-Ranicki!
Und: Herzlichen Glückwunsch!
Volker Weidermann Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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