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Marcel Beyer „Der goldene Vogel“ von den Brüdern Grimm

09.01.2006 ·  Marcel Beyer ist vor allem von der Figur des Fuchses fasziniert, wenn er sein Lieblingsmärchen vom „Goldenen Vogel“ liest. Denn dieser ist von einer menschlichen Regung getrieben und mehr als nur ein Gehilfe.

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Windgebeugt steht er da, mit wehenden Kleidern, auf seinen Wanderstab gestützt, das Gesicht halb abgewandt, inmitten der grau in grau hingetuschten Nebel- oder Schneelandschaft: ein 1848 vom bald neunzigjährigen Hokusai gezeichneter Fuchs, der uns Betrachter wohl wahrnimmt, aber doch in eine andere Welt zu schauen scheint.

Dieses undurchdringliche, dabei keinerlei Furcht einflößende Wesen habe ich vor Augen, wenn ich das Märchen vom „Goldenen Vogel“ lese, wobei mir alles Gold - die Äpfel, das Pferd und sein Sattel, das Schloß und der Vogel mit seinem Käfig, die es nacheinander herbeizuholen oder im Gegenteil zurückzulassen gilt - wie austauschbare Stücke einer Wunderkammer vorkommen, während der Fuchs, anfangs wie nebenbei als Wundertier am Wegrand aufgetaucht, ins Zentrum der Geschichte rückt.

Kein bloßer Hilfsgeist

Hochmut und Hinterlist sind diesem Fuchs fremd, er ähnelt eher jenen schwachen, sanften Tieren, die das christliche Mitgefühl des Menschen mit der Kreatur auf die Probe stellen. Der Königssohn hat ihn verschont und dafür guten Rat erhalten, ist auf dem Schwanz des Fuchses von Ort zu Ort getragen worden, „daß die Haare im Wind pfiffen“, und stürzt doch nur immer tiefer ins Unglück, weil er den Rat nie ganz befolgt.

Der Fuchs ist jedesmal zur Stelle, und irgendwann wird uns klar, wir haben nicht einen bloßen Hilfsgeist vor uns, der gehorchen muß - hier wirken andere Kräfte, der animistische Fuchs wird von einer menschlichen Regung getrieben.

Der Fuchs als treuer Partner

Tatsächlich sagt er: „Ich sollte dich nur deinem Unglück überlassen, aber ich habe Mitleiden mit dir.“ Man fühlt sich an die Szene aus einem japanischen Puppenspiel erinnert, da eine junge Frau Gestalt und Kräfte eines Fuchses annimmt, um über den gefrorenen See zu jagen und so ihren Geliebten aus einem Hinterhalt zu retten. Ja, man wünscht sich, unser Prinz werde am Ende den treuen Fuchs zur Frau nehmen, aber dann gibt es längst die märchenübliche Prinzessin, und für den Fuchs ist kein Platz mehr in der Geschichte.

Mal muß er sich in den Bruder der Prinzessin verwandeln, mal verschwindet er einfach von der Bildfläche, nachdem der Königssohn ihn, seinem letzten Wunsch gemäß, erschossen und ihm Kopf und Pfoten abgehauen hat. Da gleitet er in seine Welt zurück und steht, in einen dunklen Mantel gehüllt, auf den Hinterläufen, sein Kopf und seine Lunte leuchten in der hingetuschten grauen Landschaft: Könnte man doch in die Haut dieses Fuchses fahren!

Marcel Beyer, geboren 1965, lebt in Dresden. Die Grimmschen Kinder- und Hausmärchen gibt es als dreibändige Ausgabe bei Reclam für 29,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 09.01.2006, Nr. 7 / Seite 33
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