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Mann ist kein Material : Wir müssen über Thomas Mann reden

Thomas Mann, wie Armin Mueller-Sathl ihn 2001 in Heinrich Breloers „Die Manns“ spielte. Was ist in dem Glas? Holundersaft kann es nicht sein. Bild: WDR/Sibylle Anneck

Was andere über Thomas Mann schreiben, wird immer banaler und langweiliger. Schon wieder erscheint ein Roman über den Schriftsteller. Schuld an der Tendenz zur reinen Oberfläche sind Breloers Doku-Dramen.

          Wer will sich eigentlich noch alles an Thomas Mann vergreifen? Einmal Heinrich Breloers Doku-Dramen auf den Leim gegangen - es ist nie wiedergutzumachen: Am Ende glauben die Leute wirklich, „die Manns“ wären so etwas wie die deutschen Kennedys, und deshalb wäre es auch von Interesse, in welchem Hotel sie gewohnt haben, welche Zigarren der Alte raucht, wann er ins Bett geht, wie es mit der Verdauung klappt und so weiter. Nichts gegen Biographien; aber was sich neuerdings in der Buchproduktion breitmacht, ist reine Oberflächlichkeit, bieder und geistfern.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Nachdem erst unlängst Inge Jens ihren Ruf mit einem faden Buch über Thomas Manns Schreibtisch aufs Spiel gesetzt hat, erscheint jetzt, ebenfalls bei einem seriösen Verlag (Aufbau), wieder ein Thomas-Mann-Roman: „Der Brief des Zauberers“ von der Rechtsanwältin Britta Böhler, die sich in den Niederlanden einen Namen als mutige, scharfsinnige Strafverteidigerin gemacht hat. Das Buch wagt einen vielversprechenden Zugriff auf eine entscheidende Scharnierstelle im Leben Thomas Manns: jenen in der „Neuen Zürcher Zeitung“ gedruckten offenen Brief an deren Feuilleton-Chef Eduard Korrodi vom 3. Februar 1936, der ein fast dreijähriges Schweigen des vorübergehend nach Zürich Exilierten zu den Vorgängen „im Reich“ beendete, den offiziellen Bruch mit dem Regime markierte und naturgemäß gewaltige Wirkung erzielte. Die Sache ist bekannt.

          Handlungsarmut ist ein Problem

          Die Romanautorin wird sich gesagt haben, dass sie trotzdem einmal richtig ausfabuliert werden darf. Ging es ihr wie Thomas Mann mit Goethe und dessen Interesse an der biblischen Josephsgeschichte? Sie wird das geflügelte Goethe-Wort, man fühle sich „berufen, sie ins einzelne auszumalen“, kennen. „Er schiebt die Schublade schnell wieder zu und nimmt den Federhalter aus dem Etui. Heute ist ein besonderer Tag, am Nachmittag hat er den Brief fertiggestellt, das muss festgehalten werden ... Die Tage reihen sich aneinander, die Zeit fließt dahin, Woche um Woche, an den Sonntagen ist die Datumszeile rot markiert.“ So, in einer nicht zu entwirrenden Melange aus auktorialem Erzählen, innerem Monolog und erlebter Rede, geht das zweihundert Seiten lang.

          Wozu soll das gut sein? Offensichtlich orientiert sich Britta Böhler an den immer wiederkehrenden, höchst alltäglichen Lebenssituationen, wie sie uns aus den Tagebüchern vertraut sind: Einschlafen, Aufstehen, Schreibtischsitzungen, Mahlzeiten, Spaziergänge - was ein Schriftsteller dieser Art so erlebt beziehungsweise eben nicht erlebt. Dass dessen Romane und Novellen jeden Regisseur wegen ihrer spezifischen Handlungsarmut vor ein Problem stellen, mag jeder, der sich nicht der Mühe des Lesens unterziehen will, bedauern. Dass jetzt aber auch das gleichfalls nicht besonders „abenteuerliche“ Leben selbst zu romanhafter Umsetzung reizen soll, ist bemerkenswert und reicht über die Frage literarischer Selbstüberschätzung noch hinaus.

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