http://www.faz.net/-gqz-88vl3

Mankells letztes Buch : Unbegreiflich, aber nicht zu ändern

Henning Mankell Bild: dpa

„Treibsand“, Henning Mankells letztes Buch, darf man als seine Memoiren lesen. Es ist ein Sammelsurium von Erinnerungen, Gedanken und Appellen. In Axel Milbergs Lesung entfaltet das besonderen Reiz.

          Henning Mankell war mit dem Zug unterwegs, als er zufällig in der Zeitung einen Artikel las: Irgendwo in den Tiefen Finnlands sei eine Höhle zur Endlagerung von radioaktivem Müll bestimmt worden, wobei „Endlagerung“ heißen sollte: mindestens für die nächsten 100 000 Jahre. Der Artikel, so schreibt der Autor der Wallander-Krimis in seinem gerade als Buch und auch als Hörbuch erschienenen letzten Werk „Treibsand“, stand auf einer der hinteren Zeitungsseiten, nach diversen Berichten über Prominente, das Wetter und schnelleres Abnehmen in vierzehn Tagen. Vierzehn Tage - das sei so der zeitliche Horizont, den der Mensch normalerweise überblicke, schreibt Mankell ohne Groll. Er selbst nahm seit seiner Krebserkrankung eher die 100 000 Jahre in den Blick.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn im Angesicht seines nahenden Todes hat sich der schwedische Schriftsteller der Zukunft zugewandt. Sein Buch „Treibsand“, das Mankells Freund, der Schauspieler Axel Milberg, mit genau jenem Ton staunender Naivität eingelesen hat, der auch den Text durchzieht, ist ein Sammelsurium von Erinnerungen, Gedanken, Recherchen und Appellen, als deren roter Faden sich die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Atommüll erweist. Das mag skurril wirken, ist aber insofern nicht überraschend, als Mankell immer ein politisch denkender Mensch war, der Anstoß genommen hat beispielsweise an der Fremdenfeindlichkeit in seiner Heimat oder an den Folgen des Bürgerkrieges in Moçambique, wo er lange lebte.

          Leben als Überlebenskunst

          In „Treibsand“, das man nicht nur wegen Mankells Tod vor wenigen Tagen als seine Memoiren lesen darf, lässt er sich von diesem Interesse mal hierin, mal dorthin leiten - auf die Osterinseln mit ihren rätselhaften Steinskulpturen, nach Kreta und Malta und von dort zurück in die letzte Eiszeit, die ihn vor allem interessiert, weil er sich von ihr ausgehend vorzustellen versucht, wie eine nächste Eiszeit aussehen könnte. Die Unbegreiflichkeit ist sein großes Thema: Wie wäre es, wenn ein dreißig Meter hoher Eisberg über Schweden läge? „Es reicht, etwa drei Kilometer spazieren zu gehen und sich dabei vorzustellen, man würde die ganze Zeit die Treppe hinaufsteigen.“ Dass sich das wohl kaum jemand vorstellen kann, ist dabei der entscheidende Punkt. Denn was allein hilft, ist Phantasie. Sie sei notwendig „für Überleben“, schreibt Mankell an anderer Stelle. Überhaupt sei Leben im Grunde „nichts anderes als Überlebenskunst“. Und dass dies natürlich längst nicht mehr nur politisch zu verstehen ist, liegt auf der Hand.

          Von welcher Seite er das Problem der Endlagerung atomaren Mülls also betrachtet, sprich: Welches Beispiel er auch bemüht, um diesen Zeitraum von 100 000 Jahren zu begreifen - er wird stets gewahr, dass seine Ausflüge in die Geschichte nur Hilfskonstruktionen sind, die eine Annäherung bieten, aber nicht mehr. In Momenten drohenden Schwindels angesichts dieser Undurchdringbarkeit von Zeit und Raum hilft ihm dann immer wieder ein Blick auf ein Foto, das ihn selbst als neun Jahre alten Jungen zeigt und Anlass zu Anekdoten aus seiner Kindheit bietet. Mit ihnen „kehrt die Kraft zurück“, verrät er und: „Die Suche nach dem Überblick kann wohl weitergehen.“ Diese Suche macht Mankell immer wieder staunen. Die Unverdrossenheit, mit der er sie begeht, aber erstaunt seine Hörer.

          Weitere Themen

          Ticktack, ihr Trottel!

          Christian Y. Schmidts Roman : Ticktack, ihr Trottel!

          Früher hätte er solchen Typen gleich ins Gesicht gespuckt: Christian Y. Schmidts herzverheerend schöner Verwirrroman „Der letzte Huelsenbeck“ über den tragisch unvermeidlichen Hirnschaden des Älterwerdens aller Unangepassten.

          „Hier ist noch Alles möglich“ von Gianna Molinari Video-Seite öffnen

          1 Buch, 1 Satz : „Hier ist noch Alles möglich“ von Gianna Molinari

          Ein Wolf wurde gesichtet. In einer Fabrik. Eine junge Frau wird als Nachtwächterin eingestellt. - Warum die traurige Geschichte, die mit großem Witz erzählt wird, ein großartiges Psychogramm schafft und der Roman ein erstaunliches Debüt ist, beschreibt Andreas Platthaus.

          Bioabfall? Her damit!

          Selbst kompostieren : Bioabfall? Her damit!

          Kann ich deinen Müll haben? Der eine braucht mehr Kompost für seinen Garten, der andere will den Bioabfall unkompliziert los werden: Eine App bringt beide zusammen und tut was für die Umwelt.

          Topmeldungen

          Auch an dem spektakulären Bankraub in Berlin soll ein Mitglied des Clans beteiligt gewesen sein.

          Razzia in Berlin : Münzraub, Bankraub, Geldwäsche

          In Berlin geht die Polizei geht gegen eine arabische Großfamilie vor. Den Mitgliedern wird eine ganze Bandbreite von Straftaten zur Last gelegt. Auf die Schliche kamen ihr die Ermittler durch eine unvorsichtige Handlung.

          Putin vs. Trump : Russland stößt amerikanische Staatsanleihen ab

          Das dürfte Donald Trump nicht gefallen: Russland wirft seit einiger Zeit seine amerikanischen Staatsanleihen auf den Markt. Damit will Putin vom Dollar unabhängiger werden – und Trump unter Druck setzen.

          Neue Phase der Verhandlungen : EU-Kommission legt Szenarien für Brexit vor

          Brüssel nahm zu Theresa Mays Brexit-„Weißbuch“ Stellung: Es soll „keine Schlupflöcher an den Außengrenzen“ geben. Mays neuer Minister für den EU-Austritt Dominic Raab hat zudem erstmals an den Gesprächen mit der EU teilgenommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.