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Veröffentlicht: 23.12.2013, 16:21 Uhr

Manifest des Akzelerationismus Die Revolution soll sich beeilen

Eine neue linke Theorieströmung will den Kapitalismus beschleunigen und dadurch zerstören. Der Sammelband eines Verlags aus Berlin gibt die Richtung vor.

von Cord Riechelmann

Das Problem mit dem Kapitalismus ist, dass man im Unterschied zur Sonne für ihn kein Verfallsdatum angeben kann. Die Sonne wird, sagt die Physik, in fünf Milliarden Jahren, wenn in ihrem Zentrum der Wasserstoff verbraucht ist, sich zu einem riesigen roten Wolkenmonster aufblähen und dabei auch die Erde verschlucken. Spätestens dann werden das Leben und die Erde im Stockdunkeln verschwunden sein.

Für den Kapitalismus gibt es aber keine Physik. Denn obwohl der Kapitalismus eine hochabstrakte Angelegenheit ist, sind seine Bewegungsformen durch und durch irrational kontaminiert. Der Kapitalismus ist ein tobender Exzess, dessen Macht nicht auf Stabilität beruht, sondern es vielmehr vermochte, alle bisherigen Katastrophen zu seinen Gunsten auszunutzen. Auch deshalb wird er sich nie von selbst erledigen. Der Kapitalismus strebt nicht wie die Sonne seinem eigenen Ende entgegen, er macht immer weiter, und das immer schneller.

Der spekulative Realismus als Grundlage

Eine Tatsache, die die Kritiker des Kapitalismus von Karl Marx bis zu den französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari genauso in den Bann der Faszination gezogen hat wie der durchgeknallte Manager Johann Holtrop den Schriftsteller Rainald Goetz. Beschleunigung ist geil! Umso schneller eine Krise die nächste jagt, umso besser auch für die Kritiker des Kapitals, könnte man meinen. Jedenfalls solange die Kritiker jung sind und sich mit W-Lan-Anschluss im abstrakten Globalen so zu Hause fühlen können wie einst Gottfried Benns Radardenker über seinem Zeitungs- und Illustriertenmeer. Deshalb ist auch nur logisch, dass die neueste Mode linker Theorie auf den Namen Akzeleration, also Beschleunigung hört.

„Akzeleration“ heißt auch ein gerade auf Deutsch im Merve-Verlag erschienener kleiner Sammelband, den der Literaturwissenschaftler Armen Avanessian herausgegeben hat. Avanessian hat bereits den im letzten Jahr, ebenfalls bei Merve erschienenen, Reader „Realismus Jetzt“ besorgt, der die wichtigsten Autoren der philosophischen Strömung des spekulativen Realismus versammelt. Grob kann man über diese Verbindung die neuen Akzelerationalisten als eine aus dem spekulativen Realismus hervorgegangene Richtung kartographieren.

Sie wollen nicht warten

Während es den spekulativen Realisten um ein Denken „jenseits des Menschen“ geht, das aus der von Kant festgestellten Beobachterabhängigkeit der Wahrnehmung der Wirklichkeit ausbrechen will, geht es den Akzelerationalisten um einen spekulativen Blick auf zukünftige politische Systeme. Ihr Ärger richtet sich dabei nicht nur auf die überall zu beobachtende Lethargie der Linken, wenn es um Utopien oder Zukunftsentwürfe allgemein geht. Sie wenden sich auch, obwohl unausgesprochen, von den Konzepten älterer linker Theoretiker wie Giorgio Agamben und Alain Badiou ab.

Für Badiou wie Agamben ist die Revolution immer ein unvorhersehbares und damit unberechenbares Ereignis. Letztlich kann man sie als politisches Subjekt nicht machen. Man kann sie nur erwarten und sich für den Moment des Einbruchs des Ereignisses der Revolution vorbereiten, um das Ereignis nicht zu verschlafen, wenn es kommt. Das ist eine Position, die jungen Menschen, wenn sie gerade anfangen wollen, noch nie gereicht hat. Und daraus ziehen auch die Akzelerationalisten ihre Kraft.

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