http://www.faz.net/-gqz-7koiy

Manifest des Akzelerationismus : Die Revolution soll sich beeilen

  • -Aktualisiert am

Eine neue linke Theorieströmung will den Kapitalismus beschleunigen und dadurch zerstören. Der Sammelband eines Verlags aus Berlin gibt die Richtung vor.

          Das Problem mit dem Kapitalismus ist, dass man im Unterschied zur Sonne für ihn kein Verfallsdatum angeben kann. Die Sonne wird, sagt die Physik, in fünf Milliarden Jahren, wenn in ihrem Zentrum der Wasserstoff verbraucht ist, sich zu einem riesigen roten Wolkenmonster aufblähen und dabei auch die Erde verschlucken. Spätestens dann werden das Leben und die Erde im Stockdunkeln verschwunden sein.

          Für den Kapitalismus gibt es aber keine Physik. Denn obwohl der Kapitalismus eine hochabstrakte Angelegenheit ist, sind seine Bewegungsformen durch und durch irrational kontaminiert. Der Kapitalismus ist ein tobender Exzess, dessen Macht nicht auf Stabilität beruht, sondern es vielmehr vermochte, alle bisherigen Katastrophen zu seinen Gunsten auszunutzen. Auch deshalb wird er sich nie von selbst erledigen. Der Kapitalismus strebt nicht wie die Sonne seinem eigenen Ende entgegen, er macht immer weiter, und das immer schneller.

          Der spekulative Realismus als Grundlage

          Eine Tatsache, die die Kritiker des Kapitalismus von Karl Marx bis zu den französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari genauso in den Bann der Faszination gezogen hat wie der durchgeknallte Manager Johann Holtrop den Schriftsteller Rainald Goetz. Beschleunigung ist geil! Umso schneller eine Krise die nächste jagt, umso besser auch für die Kritiker des Kapitals, könnte man meinen. Jedenfalls solange die Kritiker jung sind und sich mit W-Lan-Anschluss im abstrakten Globalen so zu Hause fühlen können wie einst Gottfried Benns Radardenker über seinem Zeitungs- und Illustriertenmeer. Deshalb ist auch nur logisch, dass die neueste Mode linker Theorie auf den Namen Akzeleration, also Beschleunigung hört.

          „Akzeleration“ heißt auch ein gerade auf Deutsch im Merve-Verlag erschienener kleiner Sammelband, den der Literaturwissenschaftler Armen Avanessian herausgegeben hat. Avanessian hat bereits den im letzten Jahr, ebenfalls bei Merve erschienenen, Reader „Realismus Jetzt“ besorgt, der die wichtigsten Autoren der philosophischen Strömung des spekulativen Realismus versammelt. Grob kann man über diese Verbindung die neuen Akzelerationalisten als eine aus dem spekulativen Realismus hervorgegangene Richtung kartographieren.

          Sie wollen nicht warten

          Während es den spekulativen Realisten um ein Denken „jenseits des Menschen“ geht, das aus der von Kant festgestellten Beobachterabhängigkeit der Wahrnehmung der Wirklichkeit ausbrechen will, geht es den Akzelerationalisten um einen spekulativen Blick auf zukünftige politische Systeme. Ihr Ärger richtet sich dabei nicht nur auf die überall zu beobachtende Lethargie der Linken, wenn es um Utopien oder Zukunftsentwürfe allgemein geht. Sie wenden sich auch, obwohl unausgesprochen, von den Konzepten älterer linker Theoretiker wie Giorgio Agamben und Alain Badiou ab.

          Für Badiou wie Agamben ist die Revolution immer ein unvorhersehbares und damit unberechenbares Ereignis. Letztlich kann man sie als politisches Subjekt nicht machen. Man kann sie nur erwarten und sich für den Moment des Einbruchs des Ereignisses der Revolution vorbereiten, um das Ereignis nicht zu verschlafen, wenn es kommt. Das ist eine Position, die jungen Menschen, wenn sie gerade anfangen wollen, noch nie gereicht hat. Und daraus ziehen auch die Akzelerationalisten ihre Kraft.

          Weitere Themen

          Nudeln leicht von der Hand Video-Seite öffnen

          Frankfurter Buchmesse : Nudeln leicht von der Hand

          Auf der Frankfurter Buchmesse gibt es nicht nur Bücher zu sehen, auch Gourmets kommen auf ihre Kosten. Wer zum Beispiel Nudeln selbst machen möchte, kann zuschauen, wie ein Meister aus China das macht.

          Topmeldungen

          Jamaika-Koalition : Der Grünstreifen am Horizont

          Vor vier Jahren haben die Grünen ihre Chance auf eine Beteiligung an der Regierung vertan. Diesmal wollen sie ernsthaft verhandeln. Das geht nur, wenn die Parteilinken mitmachen. Doch, sind die dazu bereit?
          Die britische Regierungschefin Theresa May und der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bei ihrem Treffen in Brüssel.

          Treffen von May und Juncker : Jetzt aber flott!

          Das Stocken der Brexit-Verhandlungen sorgte zuletzt für viel Kritik. Nun machen Jean-Claude Juncker und Theresa May Dampf. Bis Dezember soll ein Plan für die Scheidung stehen.
          Jordi Ciuxart, Vorsitzender des katalanischen Kulturvereins Omnium Cultural, und ANC-Chef Jordi Sànchez vor dem Gerichtstermin in Madrid.

          Krise in Katalonien : Führende katalanische Separatisten inhaftiert

          Die spanische Staatsanwaltschaft hat zwei katalanische Separatistenführer festnehmen lassen. Auch gegen Polizeichef Josep Lluís Trapero wurde Untersuchungshaft beantragt, er kam gegen Kaution jedoch vorerst frei.
          „Es war eine Landtagswahl“: Merkel am Montag in Berlin

          Nach der Niedersachsen-Wahl : Runter vom Baum und Schwamm drüber

          Die Parteien, die eine schwarz-gelb-grüne Bundesregierung bilden wollen, haben bei der Niedersachsen-Wahl alle verloren. Angeblich schadet das nichts. Denn nach der Wahl ist vor der Sondierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.