Home
http://www.faz.net/-gr0-6uq33
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Madoff-Skandal Ein sehr gutes Gefühl

 ·  Wie lebt es sich unter Superreichen? Bernie Madoffs Schwiegertochter hat über ihr Leben in einem Kreditkartenhaus einen präzisen Bericht verfasst. Er endet mit einem kalten Entzug.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Wie lebt es sich im Geld? Nicht mit einem guten Gehalt oder einem ansehnlichen Vermögen, sondern in einer Umwelt, in der die Milliarden einfach da sind, wie Berge in den Alpen. Wie ist das, wenn jener Stoff, dem der Rest der Menschheit so brav nachhechelt, das eigene Leben sanft umhüllt? Macht er das Leben leichter? Verändert er den Umgang, den die anderen mit einem pflegen? Und welchen Blick hat man auf die Welt, wenn man sie hinter einem Vorhang aus sanft plätschernder Liquidität betrachtet?

Dafür, dass das obere Prozent, die Reichen unter den Reichen, gerade so sehr die Weltpolitik und die öffentliche Phantasie beschäftigt, wissen wir ziemlich wenig davon. Dabei müssen wir dringend etwas über sie lernen, nicht zuletzt, um zu vermeiden, dass sich ein Schlamassel wie die seit Jahren unsere Lebenswelt unterminierende Krise wiederholt.

In den Vereinigten Staaten ist eben ein Buch erschienen, das auch als eine Sozialgeschichte der Wall-Street-Eliten gelesen werden kann. Geschrieben hat es eine junge Frau, die einst das Glück hatte, den begehrtesten Mann Manhattans zu daten, ihn später heiratete und zwei Kinder mit ihm bekam. Durch die Ehe mit dem zehn Jahre älteren, geschiedenen Mark, der in der Firma seines Vaters arbeitete, wurde sie Teil des feinsten und angesehensten Clans der ganzen Geldwelt, jener Familie, die ihren guten Namen auch der allseits so bewunderten Firma gegeben hatte: Madoff Securities.

Behalt deine Million!

Das Buch selbst ist keine große Literatur und hat keine Scoops zu bieten, aber in seiner Wut und seiner Präzision ist es doch das Buch der Stunde. Denn die Mechanismen, mit denen Madoff das Leben seiner Familie untergrub, bis alles einstürzte, gleichen denen, mit denen die großen Geldhäuser in ihrem wunderbaren Treiben und Trachten nun das Leben von Staaten und Gesellschaften bedrohen. Der Titel passt perfekt zu unserer Gegenwart: „The End of Normal“.

Insofern ist Stephanie Madoff Mack eine wunderbare Quelle: Sie verfolgt keine radikale politische Agenda und hatte für ihren Schwiegervater, der zugleich der Arbeitgeber ihres Mannes war, nichts als Bewunderung übrig. Sie wurde von Bernie und seiner Frau Ruth schnell als vollwertiges Familienmitglied anerkannt und aufgenommen, mit allem was dazugehört. Und bei den Madoffs gehörte immer Geld dazu, das war ja das Geschäft der Familie: Aus Geld mehr Geld zu machen. So wurde eines schönen Tages Stephanies geliebter Stiefvater Marty von Bernie Madoff empfangen, ein Termin, auf den selbst die größten Namen Hollywoods Monate warten mussten, wenn er denn überhaupt bewilligt wurde. Marty wollte sein Geld bei Madoff anlegen, aber es gab ein peinliches Problem: Er hatte nur eine Million. Wie so oft lehnte Madoff ab - der Fonds sei schon geschlossen, fand aber dann doch einen Weg: „Ich tue doch alles für meine Mischpoche!“ So überwies der Vater der Braut seine Ersparnisse dem König Midas der Wall Street und hatte ein gutes Gefühl.

Kauf den ganzen Laden!

Marty war ein berühmter Anwalt gewesen, wird im Buch als kluger Kopf und weise abwägender Zeitgenosse geschildert. Es gab bei Madoff Securities keine Superrenditen mit heißen Hebeln, sondern eine familienfreundliche, beständige Wertanlage, die schön zuverlässig zwischen acht und zwölf Prozent brachte. Heute wissen wir, dass Martys Million direkt zur Kasse ging, wo sie als angebliche Rendite in Wahrheit nie getätigter Investitionen an ältere Anleger ausgezahlt wurde. Es war alles ganz einfach, darum musste Madoff sich sehr kompliziert geben. Nie durfte sich jemand Notizen machen, nie gab er über seine Anlagestrategie Auskunft. Wenn Anleger etwas Schriftliches haben wollten, ließ er nachschauen, welche Papiere er vor welcher Zeit hätte kaufen müssen, um ungefähr auf die gewünschte Ausschüttung zu kommen - rückwärts spekulieren ist auch viel stressfreier.

Stephanie beschreibt das Leben mit den Madoffs, wie wir es aus romantic comedies kennen: rundum schimmernd, die Welt leuchtet durch einen Filter aus Gold. Es herrscht eine spektakuläre Großzügigkeit: Trifft Bernie seine Schwiegertochter in einem Laden, begibt er sich direkt zur Kasse und hinterlegt seine Kreditkarte mit der Ansage: „Was sie berührt, ist gekauft!“ Zu den Festen der Firma sind alle Kinder aller Angestellten geladen, dann fährt schon mal der LKW eines Spielzeugkaufhauses vor, und alle dürfen sich bedienen. Es war keine vulgäre Verschwendung wie bei Trump und Co., sondern eine familiäre und betont elitäre. Gepflegt wurden insbesondere die Beziehungen zur jüdischen Gemeinde, zu Elie Wiesels Stiftung beispielsweise, obwohl Stephanie keine Zeichen besonderer Religiosität bei Bernie erkennen kann. Ab und zu sehnen sich Stephanie und Mark nach guter Luft vom Meer, daher kaufen sie ein Anwesen auf Nantucket oder fliegen auf die Karibikinsel St. Barths. Damit haben sie dann, mit dem Loft in Manhattan und dem Haus in Connecticut, vier Wohnsitze, was in der Familie nicht als exzessiv gilt, eher wie der Unterhalt eines Schrebergartens.

Verdächtig war eigentlich nur eines: Das viele Geld war nicht hart verdient. Bernie und seine Frau beendeten jeden Werktag am Nachmittag, um gemeinsam ins Kino zu gehen. Stephanies Ehemann war selten später als fünf zu Hause und kümmerte sich dann nicht mehr um die Kurse oder die Geschäfte. Zwar stand er jeden Tag früh auf, um die Zeitungen zu lesen und Artikel an Freunde zu schicken, doch was die dann in ihrer Mailbox fanden, waren Theaterkritiken oder Restaurantempfehlungen. Es wurde nicht geschwitzt und nicht geflucht, sondern freihändig ausgegeben, bald galten die Madoffs als die Schlauesten der Wall Street und Vorbilder in ihrer Lebensführung; Familie und Sport hatten Vorrang, nicht Koks und Callgirls.

Träum was Süßes!

Vor dem Einsturz des Betrugs drehte sich die Familie weitgehend um sich selbst, kleine Konflikte und Gemeinheiten zwischen erster und zweiter Frau, seltsame Einflussnahmen der Schwiegermutter, solche Sachen. Um die zu besprechen, wurden Profis engagiert. Überhaupt wurden für alle Fragen und Fälle des Lebens externe Berater herangezogen - außer natürlich, wenn es um das Geschäft der Firma ging; denn dann wäre ja direkt die Polizei gekommen. Soll ein Kinderzimmer eingerichtet werden, beginnt das mit einer Teambesprechung, an der ein halbes Dutzend Menschen teilnimmt, von der Innenausstatterin bis zum Malermeister. Gibt es Streit mit der Exfrau, werden die Therapeuten und Mediatoren in Bewegung gesetzt. Kinderpsychologe, Analytiker, Familientherapeut - das ist die Trias, die das Familienleben auch in Detailfragen übersieht, etwa wenn die Entscheidung ansteht, was die Kinder zu Chanukka bekommen sollen. Zu ihnen gesellen sich Coaches, Ärzte, Anwälte und diverses Hauspersonal, es sind mehrere Teams, die die Leichtigkeit des Lebens garantieren sollen.

Und dann ist alles aus. Die Söhne schöpfen Verdacht, weil der Vater so abwesend ist und plötzlich 140 Millionen Dollar an Boni auszahlen will. Damit bestätigt sich scheinbar eine Vermutung, die sie seit Monaten hegen: Bernie ist krank, hat nur noch wenig Zeit.

Wie alle anderen lagen sie falsch, die Wahrheit war zugleich unvorstellbar und simpel. Das Geld hatte Bernie vor den einfachsten Fragen abgeschirmt. Offenbar haben die Söhne, die beide fast zwanzig Jahre lang im nicht kriminellen Zweig der Firma tätig waren, den Vater nie gefragt, wie er seine stetigen Renditen erzielte. Bernie trug ein wissendes Lächeln als Dauermaske. Ein einziges Mal, schreibt Stephanie, habe sie bemerkt, wie er die Fassung zu verlieren drohte. Es war am Abend ihrer Hochzeit. Bernie saß abseits auf einem Stuhl, schaute auf die Tanzfläche und lächelte versonnen. In einem Anfall von Überschwang zog die Braut ihn zu sich und nötigte ihn zu einigen Tanzbewegungen. Vielleicht war es das, was sein Gesicht zu einer panischen Grimasse entgleisen ließ, vielleicht war es der Song, den sie spielten: „Sweet Dreams Are Made of This“.

Als der Traum geplatzt war, übernahmen die Anwälte und PR-Berater das Leben von Stephanie und Mark Madoff. Ihr Mann überstand die Belastungen, die Schande nicht, er nahm sich das Leben. Es gehört zu den eindrucksvollen Zügen der Autorin, dass sie diese Tat nicht erklärt, sondern deutlich verurteilt. Wie Bernie seine Söhne, so habe auch Mark seine vier Kinder in Furcht und Schrecken zurückgelassen. Als man ihr die Nachricht von seinem Selbstmord überbringt, denkt sie: Das werde ich dir nie verzeihen. Stephanie schreibt ihrem Schwiegervater einen Brief in den Knast. Sie versucht, ihm moralisch zu kommen, ihn zu verletzen und zu bitterer Selbsterkenntnis zu bewegen. Und scheitert. Wie jeder große Betrüger ist Madoff ein Narziss mit sadistischen Zügen. Er freut sich, ihr mitteilen zu können dass er sich bester Gesundheit erfreue, im Gefängnis mit Respekt behandelt werde und ganz allgemein guter Dinge sei.

Mit Cash narkotisiert

So sind diese Memoiren ein Emanzipationsbuch geworden, die Geschichte eines unfreiwilligen, dramatischen Abschieds von einer abgeschirmten Familie und deren Geld. Nicht erhellen kann sie, wie Madoff genau vorgegangen ist, das ist bis heute nicht geklärt. Offen ist auch die Frage, ob er überführt worden wäre, wenn er nicht gestanden hätte. Denn der Unterschied zwischen Madoffs Unternehmung und der seiner Kollegen bei Bear Stearns oder Lehmann Brothers war minimal. Bei den Häusern, die legal untergegangen sind, bekamen die Kunden Papiere für ihr Geld - Titel, deren Wertlosigkeit den Händlern bekannt war. Bei Madoff bekamen sie für ihr Geld denselben Gegenwert, also nichts, aber kein Papier.

Betrug oder Pleite, das war eine Frage des Datums. Und natürlich durfte nie jemand Fragen stellen. Nur deswegen floss all das Geld; nicht allein die Familie und die Mitarbeiter, auch die Zwischenhändler, die Investorenbeschaffer und Werber wurden mit Cash zugleich narkotisiert und euphorisiert. Und weil alle ahnten, dass Madoff nicht ganz legal handelte, aber diese Tricks ihnen und nur ihnen zugutekamen, sorgten sie für noch mehr Investoren, wie die brave Stephanie, die ihren Stiefvater anschleppte.

Am Ende steht für die ganze Familie der kalte Entzug vom Geld und die verallgemeinerbare Lehre, dass das Normale das Perverse war.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

Jüngste Beiträge