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Madame Bovary, neu übersetzt Ein Gesellschaftsfeind nimmt Rache

Dieser Autor verachtete die bürgerliche Gesellschaft zutiefst. Deshalb war sein Roman genau die Zumutung, für die der Staatsanwalt ihn hielt: Zur Neuausgabe von Gustave Flauberts „Madame Bovary“.

© Archiv Vergrößern Gustave Flaubert, Daguerreotypie von 1846

Es muss eine Zumutung ganz besonderer Art gewesen sein, als Gustave Flaubert 1849 seine Freunde Louis Bouilhet und Maxime Du Camp einlud, um ihnen die erste Fassung seines Romans „Die Versuchung des heiligen Antonius“ vorzulesen. In voller Länge, versteht sich. Und es ist ein schönes Beispiel dafür, dass Freunde einander die Wahrheit sagen sollten, denn nach stunden- und tagelangem Zuhören wollten sie sich mit ihrer Meinung nicht länger zurückhalten.

Sie hatten sich derart gelangweilt, dass sie Flaubert rieten, vom heiligen Antonius abzulassen und sich stattdessen ein „sujet terre à terre“ zu suchen, etwas Bodenständiges, etwas von dieser Welt. Die Einwände seiner Freunde müssen so vehement wie überzeugend gewesen sein, denn Flaubert folgte ihnen aufs Wort und wandte sich einem Stoff zu, der heute zu den bekanntesten der Weltliteratur zählt.

Es handelte sich um eine Zeitungsgeschichte, die in diesen Jahren von sich reden machte: Der Fall der Delphine Delamare, die in dem normannischen Dorf Ry bei Rouen mit einem unbedeutenden Landarzt verheiratet war, aus Langeweile die Ehe brach, Schulden machte und sich 1848 im Alter von 26 Jahren vergiftete.

Eine schonungslose Entlarvung

Fast fünf Jahre lang arbeitet Flaubert Tag für Tag mit unendlicher Mühe und Geduld an der Formung des, wie es in vielen Darstellungen heißt, „banalen“ Stoffes. Ein verräterisches Adjektiv. Banal kann diesen Stoff nur finden, wer glaubt, die Kunst, die Literatur müsse, wo nicht Erhabenes, zumindest Erhebendes zum besten geben. Dieser Gemeinplatz ist der geistige Nährboden für den Skandal, den das Buch bei seinem Erscheinen verursachte, und die Anklage, die es verbieten wollte.

Fünf Jahre arbeitet Flaubert mit größter Hartnäckigkeit tagtäglich an diesem Roman, der darüber hinaus auch die Erfindung eines neuen literarischen Programms ist: ein aus der Abkehr von der Romantik entstandener Realismus, der auf eine schonungslose Entlarvung der Gegenwart zielt.

Beinahe täglich gibt Flaubert in unzähligen Briefen über diese Arbeit Auskunft. Er schreibt, er korrigiert, korrigiert wieder, er liest laut, er brüllt, was er geschrieben hat, aus dem Fenster und korrigiert noch einmal. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz, Szene für Szene. Noch in der letzten Fassung vor Drucklegung des Buches, nach Hunderten von Korrekturgängen, nimmt er hie und da letzte, winzige Veränderungen vor.

Die Vorhersehbarkeit aller Gefühle

Die Briefe seien jedem zur Lektüre empfohlen, der glaubt, Literatur sei in erster Linie eine Frage der Inspiration. Die meisten von ihnen sind an Louise Colet adressiert, eine Lyrikerin und seine engste literarische Vertraute in diesen Tagen. Seine Figuren seien ihm zuwider, teilt er ihr mit. Man könnte fragen: Warum schreibt er dann nicht über andere? Die Antwort lautet: Weil es ihm notwendig erscheint.

Allen Figuren Flauberts in „Madame Bovary“ ist mehr oder weniger zu eigen, was ihm als der Fluch seiner Epoche erscheint: die Floskelhaftigkeit des Denkens, die Vorhersehbarkeit der Gefühle, das Fehlen jeglicher Originalität, die Oberflächlichkeit und, am allerschlimmsten, das Fehlen jedes Bewusstseins davon, dass es so ist.

Dieses Verdikt trifft keineswegs nur den gehörnten Einfaltspinsel Charles. Es trifft genauso auf den notorischen Gewinner Homais zu, den Apotheker, der, wie der letzte Satz des Romans zu berichten weiß, schließlich das Kreuz der Ehrenlegion erhalten haben soll. Was für ein Hohn! Vor allem er ist so ein Meister des geborgten Denkens.

Doch auch Emma Bovary opfert ihr Leben uneigentlichen Gefühlen, von denen sie glaubt, sie müsse sie empfinden, weil sie das bei den Romantikern gelesen hat. Ihre Sehnsucht nach Inbrunst lässt sie, auch vor sich selbst, verzweifelt vorgeben, Inbrunst zu empfinden. Aber es bleibt eine unwahre Pose. Flaubert hatte recht, es war dies der Fluch der Epoche. Und obwohl er sie zutiefst verachtete, ging er doch hinaus, um jedes noch so nichtig erscheinende Detail zu studieren und zu beschreiben.

Hier schreibt ein Feind der Gesellschaft

Das Ergebnis, der Roman, lässt am Ende keinen Zweifel. Hier schreibt ein Feind der Gesellschaft. Doch Flaubert ist kein politischer Feind. Er hasst das Bürgertum nicht wie ein Umstürzler. Er hasst es vom Standpunkt eines verhinderten Romantikers aus, der sich der akribischsten realistischen Methode bedient, um sein Personal in jedem Sinne des Wortes vorzuführen, als handle es sich bei dem Roman um einen literarischen Racheakt.

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Veröffentlicht: 25.12.2012, 09:26 Uhr