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Lyriker Hans-Jürgen Heise ist tot : Besitzungen in Untersee

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Vom Ostseestrand nach Süden gedacht: Hans-Jürgen Heise, einer der bedeutenden deutschen Dichter der Gegenwart, ist im Alter von 83 Jahren gestorben.

          Als es Hans-Jürgen Heise Ende der Fünfziger als Lektor an die Kieler Universität verschlug, hatte er, obwohl jung an Jahren, bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Die Mutter verlor er früh; die Kindheit verbrachte er in seiner Geburtsstadt, dem pommerschen Bublitz, später in Berlin, wo er auch die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs erlebte. Nach Kriegsende schrieb er für die Wochenzeitung „Sonntag“ und versuchte, sich als Lyriker einen Namen zu machen, geriet aber aufgrund seiner oppositionellen Haltung schon bald mit der DDR-Obrigkeit aneinander und musste unter abenteuerlichen Umständen in den Westteil Berlins fliehen, wo man ihn zunächst für einen Spion hielt.

          In Kreuzberg führte Heise das unstete Leben eines Bohèmiens, schrieb unregelmäßig für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und betrieb ein reges Selbststudium, vertiefte sich in Philosophie, Psychoanalyse und Astronomie. Neben vielen Gedichten entstanden zu dieser Zeit zwei Romanfragmente und zahlreiche Kurzgeschichten - kaum etwas blieb davon erhalten. Erst an der Ostsee wurde er, wer er war. Hier verwarf Heise sein dichterisches Frühwerk und heiratete nach dem frühen Tod seiner ersten Frau die Lyrikerin Annemarie Zornack, mit der er Reisen nach Spanien und Südamerika unternahm. Kiel war Heise, der spanische Gedichte übersetze und in Federico García Lorca alsbald seinen „Wegweiser“ fand, zeit seines Lebens ein „Fenster nach Süden“.

          Gen Süden gedichtet

          Die Stellung an der Universität verlieh ihm die für sein poetisches und essayistisches Wirken nötige Sicherheit und Unabhängigkeit, nicht nur finanziell. Den Gruppen und Grüppchen, in denen sich Deutschlands Nachkriegsliteraten zusammenrotteten, ging er aus dem Weg. 1961 debütierte er mit dem Gedichtband „Vorboten einer neuen Steppe“. Seine dichterische Stimme war reich an pointierten Metaphern, zugleich nah am alltäglichen Konkreten und in Gedanken immer gen Süden gerichtet, wohl wissend, dass dieser von der Kieler Förde aus gar nicht so unerreichbar fern ist: „Dem Longdrink der Ostsee / fehlt ohnehin nichts / als ein Spritzer Angostura.“

          Gleichberechtigt neben Heises Gedichten steht sein umfangreiches essayistisches Schaffen, Wechselwirkungen und gegenseitige Bereicherung nicht ausgeschlossen. Die Essays über Dichter und Dichtung kreisen wiederholt um die bedrohte Position des Poetischen im „Würgegriff der Technik“, wogegen es die „Natur als Erlebnisraum der Dichtung“ zu verteidigen gelte. Seine Gedichte, heißt es an einer Stelle, seien „Wahrnehmungen, Anmutungen, Erlebnisvertiefungen, Fantasieübertragungen, Verwandlungen. Sie stellen sich nicht in Form von Gedanken ein, sondern in Gestalt von Bildern, die sogleich da sind, ohne diskursive Vorgabe“.

          Von jener Unbedingtheit unmittelbarer Sinnlichkeit zeugt noch die 2012 erschienene Sammlung „Letzter Aufruf für Mr. H.“, die Essenz aus mehr als zwanzig Gedichtbänden. Am 13. November ist Hans-Jürgen Heise, wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von dreiundachtzig Jahren in Kiel verstorben.

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