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Luftalarm in Tel Aviv Wegrennen vor der Angst

Wie erklärt man seinen Kindern einen Bombenalarm in der eigenen Stadt? Aus einem ganz normalen Tag wurde ein Schreckenserlebnis: Eine Geschichte aus Tel Aviv.

© dapd Vergrößern Israelische Abwehrraketen hinterlassen ihre Spuren am Himmel über Tel Aviv

Es ist Freitagmittag, das Wochenende beginnt. Mitte November ist es in Tel Aviv noch heiß, die Straßen sind voller Leute. Zum Mittagessen wollte ich Fisch machen, ein Bier dazu trinken und dann einen langen Mittagsschlaf halten. Die Woche war lang und ermüdend.

Meine Frau Rachel und ich waren gerade dabei, unseren jüngsten Sohn Boaz vom Kindergarten abzuholen. Die Kinder haben Lieder gesungen, um den Beginn des Sabbat zu feiern, ein Kind hat zwei Kerzen angezündet. „Hör mal“, sagte Rachel, „eine Sirene.“ Ich hatte es gar nicht mitbekommen. Dann sah ich, wie die Autos mitten auf der Straße anhielten und alle zu Schutzräumen rannten. Die Mädchen sind allein zu Hause, wir müssen schnell zu ihnen.

Tapfere Mädchen

Es ist ihr erster Alarm, sie sollen jetzt nicht allein sein. Ich fahre noch etwas länger als zulässig, dann steigen wir aus und rennen. Rachel und der Kleine betreten ein Nachbarhaus, um dort Schutz zu suchen. Ich renne weiter. Hoffentlich wissen die Mädchen, was zu tun ist und geraten nicht in Panik. Zwischen den Häusern sehe ich das Meer, heute ist es ruhig und schön. Ich bin fast zu Hause. Eine alte Frau fragt mich von ihrem Fenster aus, was los sei, aber ich habe keinen Atem, um ihr zu antworten.

Dann knallt es. Er ist stark und ganz nah. Als ob etwas wirklich Schweres neben uns zu Boden gegangen wäre. Sonst hört man nichts, die Straße ist leer und ruhig. Ich halte Ausschau nach Zeichen, Rauchsäulen oder so, aber ich erkenne keine. Was zum Teufel murmele ich im Selbstgespräch. Ich eile zu unserem Wohnhaus, drei Stockwerke hoch ist es, das Treppenhaus jetzt voller Nachbarn. Das Gebäude ist alt, der Schutzraum ist winzig und voller Möbel, die frühere Mieter zurückgelassen haben. Meine Töchter, acht und elf, warten vor unserer Wohnungstür. Seid ihr ok?, frage ich, sie bejahen stolz, nur ein wenig erschüttert. Tapfere Mädchen.

Kommunikation per Raketen

Ich bitte sie dort zu warten und renne wieder auf die Straße, um Rachel und Boaz abzuholen. Sie sind immer noch in dem Nachbargebäude. Die bedeutende israelische Dichterin Lea Goldberg lebte dort in den dreißiger Jahren, nachdem sie aus Europa geflohen war. Der Junge muss pinkeln. Ich trage ihn nach draußen, an einen Baum. Jetzt hört man keine Sirenen mehr, wir wissen nicht, ob es Verletzte gab. Rachel schaut mir in die Augen. „It is terrible“, sagt sie auf englisch, damit der Junge es nicht versteht.

Jetzt ist es erst mal vorbei. Rachel umarmt die Mädchen. Es geht darum, sie zu schützen, nicht wieder so hilflose Eltern zu sein.

Ich nehme den Fisch aus dem Kühlschrank und erhitze das Öl, um ihn zu braten. Die Mädchen bestellen Pommes frites. Der Junge macht das Geräusch der Sirene nach. Die Bewohner der Kibbuzim und Dörfer in Südisrael leben mit dem Schrecken dieser Raketen und des Alarms seit Jahren, was beschweren wir uns da.

Das alte Küchenradio meldet, dass die Rakete im Meer vor Tel Aviv versunken ist. Hoffen wir, dass sie beim nächsten Mal nicht besser zielen. Wir teilen dieselbe Küste, denselben Landstrich. Und wir kommunizieren nur per Raketen.

Ausflug in ein Krisengebiet

Wir setzen uns zum Essen. Die Fische sind wirklich gut. Das sollte die ruhigste Stunde der ganzen Woche sein. „Warum tun die das?“, fragt Jasmin. Rachel lächelt traurig. Es ist mein Job, ihr zu antworten. „Sie wollen unser Land, weil sie glauben, wir haben es ihnen genommen.“ In dieser Lage hat sie das Recht auf eine einfache Antwort, ich kann ihr nicht mit dem komplizierten Bullshit kommen. Das Radio meldet nun, dass unsere Luftwaffe Ziele in Gaza angreift. „Die armen Leute“, sagt Rachel. Sie ist Kinderärztin, es gehört zu ihrem Alltag, Patienten zu behandeln, die aus Gaza rübergefahren werden. Sie kennt die Kinder und ihre Mütter sehr gut.

Wenn sie jetzt an deren Leid denkt, mit diesen fürchterlichen Geräuschen und keinen Schutz nirgends, nicht für sie, nicht für uns, ist das schon Verrat? „Bescheuerte Männer“, sagt sie, jetzt ganz zornig.

Am Nachmittag machen wir einen Fahrradausflug, man kann die Kinder nicht lange zu Hause eingesperrt lassen. Es ist wie ein Ausflug in ein Kriegsgebiet, alle Sinne sind darauf gerichtet, die nächste Sirene zu hören, den nächsten Einschlag. Wir fahren am Ben-Gurion-Boulevard entlang, da gibt es einen schönen Fahrradweg. Boaz verlangt ungeduldig nach einem Eis. Hier hat die Stadt an jeder Ecke eine Narbe. Das Café, in dem wir das Eis kaufen, ist nicht so voll wie sonst. Die Kinder wählen ihre Geschmacksrichtung. Wir haben das alles schon einmal durchgemacht, aber die Kinder haben das nicht verdient.

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Wir kommen dann zum großen Platz, an dem der Radweg endet. Seit 1995 ist er nach Rabin benannt. Dort wurde er ermordet, im Anschluss an eine riesige Friedenskundgebung. Rachel und ich waren an jenem Abend auch dabei, es kommt mir vor wie vor tausend Jahren. Rabin hatte es wirklich versucht. Diese Monster haben ihn ermordet, bevor er es vollenden konnte. „Fahrt schon mal vor“, bittet uns Rachel, „ich komme in einer Minute nach.“ Es wird schon dunkel. Als sie uns einholt, sehe ich, dass sie geweint hat. Wir beeilen uns, nach Hause zu kommen und rüsten uns für eine lange Nacht.

Aus dem Englischen von Nils Minkmar.

Yishai Sarid ist Rechtsanwalt und Autor des Politthrillers „Limassol“.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 19.11.2012, 11:11 Uhr