Auf der Tagung der Gruppe 47 im November 1960 in Aschaffenburg habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Noch wusste ich nicht, wie er heißt, noch wusste ich nicht, ob er schreiben kann. Aber ich war sicher, dass er aus der Provinz kam, und er war mir, ich weiß nicht, warum, gleich sympathisch. Provinz? Das klingt ironisch, kritisch, hochmütig. Nichts davon habe ich empfunden. Der stille Mann aus dem Saarland schien mir auffallend bescheiden. Und er wusste genau, was er wollte. Kurz: Ludwig Harig gefiel mir von Anfang an, aber zunächst gab es Kummer mit ihm.
Die experimentellen Texte, die er auf der Tagung der Gruppe 47 vorlas, waren nicht gut. Einige der Anwesenden sagten dies, wie es bei der Gruppe 47 üblich war, sehr deutlich. Auch ich war, wenn ich mich recht erinnere, nicht gerade zurückhaltend. Nachher nickte mir der Chef der Gruppe, Hans Werner Richter, zustimmend zu und meinte: „Das war nichts wert, aber aus dem Harig wird noch etwas werden.“
Romane, wie ihm der Schnabel gewachsen war
Ja, geworden ist aus ihm, der heute vor achtzig Jahren in Sulzbach an der Saar geboren wurde, ein Schriftsteller, der sich von seinen frühen, experimentellen Texten nie distanziert hat, doch einen anderen Weg gegangen ist. Er wurde ein poeta doctus, ein gebildeter Künstler, der sich allmählich mit allen Wegen und Irrwegen des modernen Romans vertraut machte. Aber er kümmerte sich in seiner schriftstellerischen Praxis um die ästhetischen Theorien überhaupt nicht, er hat, kurz gesagt, den modernen Roman ignoriert.
Seine Freunde vermerkten nicht ohne Verwunderung, seine Prosa sei jetzt in der Nachfolge solcher als altmodisch geltender Schriftsteller zu sehen wie Jean Paul oder Gottfried Keller oder Wilhelm Raabe. War dies eine programmatische Hinwendung zur traditionellen Literatur? Nein, ich glaube, dahinter verbarg sich vor allem das dringende Bedürfnis, für seine großen epischen Mitteilungen Leser zu finden, seine Leser tatsächlich zu erreichen. So schrieb er seine Romane, wie ihm der Schnabel gewachsen war - und das ist in der Regel empfehlenswert und immer sehr schwierig.
Für ihn ist der Krieg beides zugleich
Harig hatte erkannt, dass die starke Seite seines künstlerischen Talents das Erzählen ist: Aus einem, der, wie Dürrenmatt sagte, bloß Stil getrieben hat, wurde jetzt ein Mitteiler. Denn wer erzählt, der zählt auf, und wer aufzählt, der teilt etwas mit. Die Mitteilung ist stets das Fundament der Epik. Was hat Ludwig Harig mitzuteilen?
Im Mittelpunkt seines Romans „Ordnung ist das ganze Leben“, 1986 erschienen, steht der Vater des Autors, ein braver und bornierter Kleinbürger, geboren 1886. Das Kaiserreich hat ihn erzogen, zumal das Heer, in dem er stolz und gern gedient hat. Doch nicht dieser Krieg von 1914 bis 1918 interessiert den Autor Ludwig Harig, sondern das Kriegserlebnis seines Vaters. Für ihn ist der Krieg beides zugleich: eine Steigerung des Lebens und freilich auch die Aufhebung der Ordnung.
Anders als die anderen: nachsichtig und liebevoll
In der Weimarer Republik wird die Ordnung langsam wiederhergestellt. Der Malermeister Harig, den das Militär geprägt hat, fügt sich wieder in das zivile Leben ein. Er liebt das Tanzen, aber auf dem Tanzboden benimmt er sich wie auf dem Exerzierplatz. Gern wäre er des Kaisers loyaler Soldat geblieben. Doch mit den Nazis wollte er nichts zu tun haben, der Gefreite missfiel ihm. Indes trat er, da es geschäftlich von Vorteil war, der NSDAP bei - ein Mitläufer also war er, einer von Millionen, die Hitler nicht gewollt, aber ermöglicht haben, ihn und alle seine Verbrechen. Sein Sohn sagt es knapp: „Vater hat es in ganz Deutschland gegeben.“
Harig macht es anders als die meisten in den zwanziger Jahren geborenen Autoren, die sich dieses Themas angenommen haben. Den Vater behandelt er, obwohl doch allerlei gegen ihn spricht, nachsichtig und liebevoll, sich selber dagegen beurteilt er schonungslos, obwohl er doch einen mildernden Umstand ins Feld führen könnte: Schließlich war er 1945 noch nicht achtzehn Jahre alt.
Wie er auf seine Weise dazu beigetragen hat
Er zeigt uns, wie er von der Fahne mit dem Hakenkreuz verführt und verzaubert wurde, wie ihn die nationalsozialistische Erziehung in ein Wesen verwandelte, das auf die Welt nahezu automatisch reagierte. Er erzählt uns, wie man den Halbwüchsigen beibrachte, die Juden, die sie überhaupt nicht kannten und von denen sie nichts wussten, zu hassen und ihre Ermordung zu ersehnen. Er berichtet uns, wie er auf seine Weise dazu beigetragen hat - nämlich mit einem gründlich vorbereiteten und alle antisemitischen Klischees genüsslich wiederholenden Referat.
Das Buch beginnt mit seinem ersten Schultag. Konventionell ist dieser Auftakt dennoch nicht. Harig beschreibt, wie die Jungen auf der Treppe Fühlung nehmen und „paarweise aneinandergeschweißt“ werden: „Alle zusammen waren wir die Meute, die ihr Opfer braucht.“ Und da ist es schon: ein Schüler, der weder klüger noch dümmer, weder stärker noch schwächer war und dem doch gleich die Rolle des räudigen Schafes zufiel. Denn „er war anders und hieß René“. Ein Franzose, ein Jude, ein Zigeuner? Wir erfahren es nicht, die Person ist belanglos, weil austauschbar.
Damals war er wahrhaft glücklich
Nur auf den Mechanismus kommt es an, der dem Einzelnen die Zugehörigkeit zur Gruppe verwehrt und ihn damit abstempelt und verdammt. „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ - der Titel dieser Episode ist zugleich der Titel des ganzen Romans aus dem Jahre 1990: Die Geschichte des Vaters wird fortgesetzt und ergänzt - mit der Geschichte des Sohnes.
Damals, als Harig in der Jungvolkuniform kräftig trommeln und auch noch ein Fähnchen mit dem Hakenkreuz schwenken durfte - nicht irgendwo, sondern auf dem Sulzbacher Marktplatz, wo die Eltern und die Nachbarn zuschauten -, da war er wahrhaft glücklich.
Eine Fahne - was ist das? Unter Brüdern: ein farbiges Tuch, im Grunde höchst überflüssig und auf jeden Fall weniger nützlich als ein Waschlappen. Nur kann dieses Tuch die Phantasie der Menschen auf ungeahnte Weise anregen und ihren Verstand ganz und gar außer Kraft setzen. Sehr bald wird der junge Harig von der Fahne verführt und verzaubert. Und dazu trägt ein Film bei, der eine Generation beeindruckt hat. Harig zeigt, wie dieser Film, „Hitlerjunge Quex“, eine „betörende Heiligengeschichte“, auf die Jugend wirkte.
Von der Familienchronik zum Deutschland-Epos
Gesungen wird natürlich viel, indes: Die Verse aus dem evangelischen Gesangbuch und jene aus dem Jungvolkliederbuch verschmelzen ineinander, so dass schließlich niemand mehr weiß, an wen die Worte „Führ uns an der Hand bis ins Vaterland!“ denn gerichtet sind - ob an Jesus Christus oder an Adolf Hitler. Der Ruf „Sieg Heil“, was sollte der bedeuten: „War es der Sieg, der das Heil bringen würde? War es das Heil, das den Sieg bedingen würde?“
Harig erinnert sich an den Missbrauch des Adjektivs „heilig“, mit dem die unterschiedlichsten Vokabeln - vom „Frühling“ bis zum „Vaterland“ - gedankenlos versehen wurden. Woher das kam, sagt er allerdings nicht, aber manche von uns Älteren können es nicht vergessen. Das hat mit seinem Singen der Hölderlin getan. Wie auch immer: Aus Ludwig Harigs saarländischer Familienchronik, die in ein Deutschland-Epos übergeht, können wir viel lernen.
Ludwig Harigs Werke
Ludwig Harig machte zunächst als sprachexperimenteller Autor im Umfeld der „Stuttgarter Schule“ Max Benses auf sich aufmerksam. Er verfasste Textcollagen und Hörspiele. 1986 begann er seine autobiographische Romantrilogie mit „Ordnung ist das ganze Leben“. Zuletzt erschienen 2006 seine Fußballsonette „Die Wahrheit ist auf dem Platz“ und in diesem Frühjahr der Roman „Kalahari“, beides bei Hanser, wo auch eine Werkausgabe erscheint. Harig wurde mit dem Böll-Preis, dem Hölderlin-Preis sowie dem Preis der Frankfurter Anthologie geehrt.