09.02.2006 · Ein Kavalierskragen gibt sich für seinen Herrn aus und gerät in allerlei Affären, verliebt sich in ein verschämtes Strumpfband, freit ein kesses Bügeleisen: Ludwig Harig über ein Märchen von Andersen.
Noch mein Vater hat hin und wieder einen Kragen getragen. Es war ein Gummikragen, ein Kragen aus dem Leitmaterial des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Gummi, stets mit einem zweifelhaften Ruf belastet, hat nie ein gesellschaftliches Ansehen genossen: Kleppermäntel und Regengaloschen waren daraus gefertigt. Ich staunte über die Strapazierfähigkeit des Gummis, so habe ich Vaters Kragen nicht für verachtenswert gehalten.
Hans Christian Andersen öffnete mir die Augen. Vom ersten Augenblick an imponierte mir der Kavalierskragen, von dem er erzählt, nicht nur seiner Feinheit wegen. Ich bewunderte sein freizügiges Auftreten, so stellte ich mir einen Lebemann vor, der nicht vor jedem erhobenen Zeigefinger zurückschreckt. Er gibt sich für seinen Herrn aus und gerät in allerlei Affären, verliebt sich in ein verschämtes Strumpfband, freit ein kesses Bügeleisen, macht sich an eine neckische Schere heran und kommt am Ende in eine Kiste zu einer richtigen Lumpengesellschaft.
Obwohl der Dichter seine mahnende Stimme gegen den Prahlhans erhebt, der ja zu Recht in die Lumpenkiste geworfen und zu Papier verarbeitet wird: Andersens Kragen ist ein wahrer Geschichtenerzähler, der sich in das Papier verwandelt, worauf seine Lebensgeschichte gedruckt wird. Was gibt es Schöneres, als auf diese Weise in die Unsterblichkeit der Poesie einzukehren! Womöglich kommt mein Hemdkragen, der nie zugeknöpft ist und unverhohlen meine Offenherzigkeit bezeugt, einst auch in die Lumpenkiste und wird zu dem Papier, worauf man meine Lebensgeschichte druckt.
Mein Hemdkragen, Sea Island Cotton, ist aus hundertprozentiger Baumwolle wie der Hemdkragen des dänischen Kavaliers: Was steht der Verwandlung entgegen? Der Dichter hüte sich vor Kunststoffhemden, die auf der Müllverbrennungsanlage landen, wo von ihnen nichts übrigbleibt als Dreck und Gestank.