15.07.2004 · Von "Dichtung und Wahrheit" sollte man die Finger lassen, wenn man die Fünfzig noch nicht überschritten hat. Dann aber kann man den Ton der Erfahrung schätzen, nie verklärend, aber auch niemals nur kritisch um des Effekts willen.
Von "Dichtung und Wahrheit" sollte man die Finger lassen, wenn man die Fünfzig noch nicht überschritten hat. Dann aber kann man den Ton der Erfahrung schätzen, nie verklärend, aber auch niemals nur kritisch um des Effekts willen.
Bald hat man an der Beobachtung der deutschen Verhältnisse in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts Gefallen gefunden, ob sie nun einer Landschaft gilt, einem Gewerbe, den Freundinnen und Freunden oder einem Kunstwerk. Und wer von der Szene in Gottscheds Leipziger Haus, in der der kahle Lehrer der Deutschen seinem Diener, der die Perücke zu spät gebracht hat, unbefangen eine Ohrfeige verabreicht, nach Straßburg und zu Herder kommt, der hat gemerkt, was es heißt, wenn eine neue Epoche heraufzieht.
"Garstiger Mensch, wie erschrecken sie mich!"
Und doch scheinen die Studenten sich über zweieinhalb Jahrhunderte zu ähneln. So versteift sich der Leipziger Freund Behrisch darauf, unbedingt und immer in grauer Kleidung auszugehen, beachtet dabei aber alle Schattierungen dieser Farbe. Und plötzlich bemerkt man, wieviel hier, gerade bei den Liebeskomplikationen, von der Kleidung und damit vom allerseltsamsten Theater abhängt. Als Goethe zum ersten Mal nach Sesenheim kommt und Friederike kennenlernt, hat er sich verkleidet und umfrisiert. Am nächsten Tag reitet er wieder hin, diesmal hat er mit einem Bekannten namens Georges die Kleidung gewechselt.
Friederike hält ihn für Georges, Goethe bittet sie um Verzeihung. "Garstiger Mensch, wie erschrecken sie mich!" sagt sie nach einem tiefen Atemzug, der fassungslos die erwachende Liebe andeutet. Ein Freund weist uns auf einen Satz Mephistos hin, der aus dieser Sphäre stammt: "Seht mir nur ab wie man vor Leute tritt: / Ich komme lustig angezogen, / So ist mir jedes Herz gewogen; / Ich lache, gleich lacht jeder mit." Theater und Metamorphose - in "Dichtung und Wahrheit" zeigt sich, daß sie auf die Liebeswerbung zurückgehen.