28.11.2005 · So traurig ist kein anderes Märchen. Alles, was im alten Deutschland dunkel und finster war, verfehlt, grausam, vom Unglück verfolgt, findet hier ein Echo: „Die Gänsemagd“ der Brüder Grimm.
So traurig ist kein anderes Märchen. „O du Falada, da du hangest“ - so spricht die Magd zu dem Pferdekopf, der am Tor angenagelt ist. Nicht an irgendeinem Tor. Die Stadt hat ein besonderes, „ein großes finsteres Tor“, da muß die Gänsemagd morgens und abends durch. Und es antwortet nicht der Pferdekopf allein, sondern alles, was im alten Deutschland dunkel und finster war, verfehlt, grausam, vom Unglück verfolgt.
Die Welt des Büchnerschen „Woyzeck“ und des Anton Reiser findet hier ein Echo: „O du Jungfer Königin“ - denn die Gänsemagd mit dem goldenen Haar ist in Wahrheit eine Königstochter, die um Erbe und Mann betrogen werden soll, die aber alles demütig und still erträgt und an deren Stelle nun ein anderer sprechen muß, das treue Pferd - „O du Jungfer Königin, da du gangest, wenn das deine Mutter wüßte, ihr Herz tät' ihr zerspringen.“
Auch wenn das Märchen, nach dem ewigen Gesetz der Gattung, gut ausgeht - die unendliche, nicht zu stillende Wehmut bleibt, das Pferd wird nicht mehr heil. Der Dichter Gerald Zschorsch hat mich darauf gebracht, daß der Name „Falada“ fortlebt: in dem Schriftsteller Hans Fallada, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß. Er wird kaum zufällig diesen nom de plume gewählt haben: Als junger Mensch hatte er mit seinem Freund einen Doppelselbstmord geplant. Der Freund starb, Fallada überlebte.
Und wer das Märchen von der Gänsemagd im Ohr hat, der hört sein Echo auch in Falladas Geschichten von Deutschland, wo es in der Weimarer Republik am finstersten war: in dem Reportage-Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“; in dem Buch zur Wirtschaftskrise „Kleiner Mann, was nun?“ und im Gefängnisbericht „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“.