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Littell in Syrien Whisky, Waffen, Syrien

 ·  In seinen „Notizen aus Homs“ will Jonathan Littell neutraler Reporter sein. Doch der Autor erliegt der Kriegsromantik und der Versuchung, sich selbst zu stilisieren.

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© REUTERS Da war Littell schon wieder weg: Syrische Rebellen in Homs

„Dies ist ein Dokument, kein literarisches Werk“, heißt der allererste Satz in Jonathan Littells neuem Buch „Notizen aus Homs“. „Es handelt sich um die - treuestmögliche - Transkription zweier Notizhefte, die ich auf einer heimlichen Syrienreise im Januar dieses Jahres geführt habe.“ Jonathan Littell, Autor des viel diskutierten Romans „Die Wohlgesinnten“ über den SS-Offizier Maximilian Aue, in Amerika geboren, in Frankreich aufgewachsen und mit seiner Familie gerade in Spanien zu Hause, war also als Reporter unterwegs. Und das nicht zum ersten Mal. Littell ist bekannt dafür, ein erfahrener Berichterstatter aus Krisengebieten zu sein.

Aus Georgien zum Beispiel, wohin er im Jahr 2008 für die französische Tageszeitung „Le Monde“ reiste und ein „Georgisches Reisetagebuch“ verfasst hat. Oder aus Tschetschenien, wo er, wie in Bosnien, Afghanistan und Kongo, für die humanitäre Hilfsorganisation „Action Contre la Faim“ gearbeitet hat: „Tschetschenien, Jahr III“ hieß der essayistische Bericht, den er nach erneuten Reisen vor drei Jahren über das System des Präsidenten Ramsan Kadyrow schrieb. Es war die brillante Analyse eines mächtigen Klans.

Rückhaltlose Unterstützung

In Syrien aber ist diesmal etwas anders: Es herrscht Bürgerkrieg, und Littell gerät mitten in diesen Krieg hinein - als Kriegsberichterstatter. Wieder ist er für die Zeitung „Le Monde“ unterwegs, die ihm vorschlägt, mit einem Fotografen und Dolmetscher zusammenzuarbeiten, der schon einmal dort gewesen ist und die Lage besser einschätzen kann. Um der Kontrolle und den Einschränkungen der syrischen Regierung zu entgehen, denen ausländische Journalisten ausgesetzt sind, wenn sie eines der schwer zu bekommenden Pressevisa erhalten, lassen sie sich mit Unterstützung der Freien Syrischen Armee von einem Schleuser, der sich „Der Zorn“ nennt, illegal über die Grenze bringen.

Es ist eine umständliche Aktion, bei der nie ganz klar ist, ob sie am Ende nicht mitten durch ein Minenfeld führen wird. Und es dauert eine Weile, bis die beiden ihr Ziel erreichen: Homs, Hochburg der Aufständischen gegen das Regime von Baschar al-Assad. Fünfzehn Tage bleibt Littell dort, vom 16. Januar bis zum 2. Februar 2012. Nur einen Tag nach seiner Abreise gerät die Lage in Homs völlig außer Kontrolle, als die Streitkräfte der syrischen Regierung mit Panzern gegen die Rebellen vorrücken, sie unter massiven Beschuss setzen, bombardieren und ein Blutbad anrichten. Mani, der Fotograf, ist zu dieser Zeit noch in der Stadt und tagelang nicht zu erreichen.

„Ich möchte den zahlreichen Syrern, zivilen Kämpfern wie Soldaten der Freien Armee, die uns - spontan und oftmals unter Lebensgefahr - geholfen haben, meine große Dankbarkeit und Bewunderung aussprechen“, schreibt Jonathan Littell im Vorwort seiner „Notizen“ und macht auch sonst keinen Hehl daraus, dass er die Sache der syrischen Opposition und insbesondere die der Freien Syrischen Armee rückhaltlos unterstützt. Jedenfalls gibt es keine besonderen Gesten der Distanzierung: Mit den Aufständischen der Armee verbringt er die fünfzehn Tage. Sie besuchen die Krankenstationen des Untergrunds, die Demonstrationen auf den Straßen. „Alle hier haben eine Geschichte, und sobald sie einen Ausländer sehen, wollen sie sie ihm erzählen“, heißt es an einer Stelle. Und so schreibt Littell auf, was er sieht, was er hört und was man ihm erzählt, wobei er Fakten durchaus zu überprüfen versucht.

Er protokolliert die Diskussionen über Waffenpreise, er sammelt Zeugenaussagen über Folterungen, die gar nicht abreißen wollen und sein Buch zu einer Bestandsaufnahme grausamster und schockierendster Misshandlungen werden lassen. Er referiert politische Diskussionen wie jene mit Abderrazzaq Tlass, junger Mann, Bart, Trainingsanzug und Leiter des Militärrats von Baba Amr, einem Stadtviertel von Homs, der eine Intervention der Nato will: „Wenn es keine Militärintervention der Nato gibt, werden wir in der ganzen muslimischen Welt den Dschihad ausrufen. Aus der ganzen muslimischen Welt werden dann Gruppen kommen. Und es wird Krieg gegen die Ungläubigkeit geben, der sich dann nicht mehr auf die syrische Frage beschränkt. Die Dinge werden uns entgleiten. Und der Kampf gegen Israel wird wieder aufgenommen werden“, sagt er.

Kriegsromantik und Ästhetisierungen

Doch lässt Littell solche Stimmen nicht unkommentiert („naiv“, findet er es, dem Westen so drohen zu wollen). Er holt Gegenpositionen ein von jenen, die - mittendrin - für die kommunistische Sache kämpfen. Er zitiert andere, die konfessionell motivierte Übergriffe fürchten, da die alawitische Gemeinschaft das Regime uneingeschränkt unterstützt. Vor allem aber - und das findet man so direkt in seinen Reportagen zum ersten Mal - ergreift er zwischendrin selbst das Wort: „Ich: Was ihr meiden müsst, ist die Versuchung der Radikalisierung. Die Ungeduld der Militärs, die Versuchung des Dschihad.“

Man hat die Reportagen Jonathan Littells bislang gerne als nüchterne Konkurrenz zu den engagierten Interventionen des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy gelesen: Wo der Philosoph mit Pathos nicht sparte, war der Schriftsteller berühmt für seine Lakonie, für seine Demut und Zurückgenommenheit. Littell selbst scheint auf diese Abgrenzung besonderen Wert zu legen, wenn er im Interview mit dem „Spiegel“ mit einem Seitenhieb auf Lévy noch einmal betont, dass das „Pathos der Freiheit und das philosophische Drumherum“ ihn wenig beschäftigten und er zwischen seiner „Meinung als Citoyen und Zeitgenosse“ und seiner „Arbeit als Schriftsteller und Berichterstatter“ unterscheide.

Er kann das natürlich behaupten. Gerne auch immer wieder. Auf die „Notizen aus Homs“ trifft es trotzdem nicht zu. Jonathan Littells Protokolle sind, bei allem Bemühen um eine „treuestmögliche Transkription“, voller Kriegsromantik, eingestreuter Ästhetisierungen und Selbststilisierungen. Das fängt damit an, dass er auch aufschreibt, was er nachts träumt: „Schwere Träume, sehr komplex, ich treffe schüchtern Michel Foucault, der nicht in der allerbesten Verfassung, aber noch am Leben ist, und versuche, ein Mittagessen mit ihm zu organisieren.“ Oder: „Traum: Mein Freund E. kontaktiert mich in Panik. Er muss wegen Besitzes von Marihuana ins Gefängnis. Er hat einen Nachbarn, dessen After mitten auf dem Rücken sitzt und der nur im Liegen neben einem türkischen Klo scheißen kann.“ Man mag das interessant finden: Da ist einer in Syrien und träumt von Foucault und türkischen Klos. Innerhalb des gesamten Berichts wirkt es allerdings seltsam funktionslos und kokett.

Angestaubte Männerromantik

Und das ist nicht alles. Was einem beim Lesen vor allem nicht entgeht, ist, wie enorm empfänglich Littell für die Romantik des revolutionären Kampfgeistes ist: Wenn die Männer der Freien Armee um einen Ofen herumsitzen, von ihren Heldentaten erzählen, arabische Gedichte rezitieren und Littell dabei, als Einziger, Whisky trinkt, dann scheint ihm das sehr zu gefallen. Genauso wie das Fachsimpeln über Waffen oder die Tatsache, „nach so vielen Jahren wieder in einer Bude voller junger Kämpfer und Kalaschnikows zu schlafen“. Das ist echte Männerromantik, wie man sie auch bei Ernst Jünger finden könnte, genauso übrigens wie die Kampfszene, in der in einer lebensgefährlichen Situation jeder an den Waffen ist und allein Jonathan Littell über sein Notizheft gebeugt notiert: „Es ist immer noch so grau. Die Sonne hängt über den Gebäuden, eine blasse Scheibe, die im Nebel glänzt. Der etwas graue Geschmack des Krieges.“ Dass es von dieser Szene ein Foto gibt, welchesLittell zur Veröffentlichung freigegeben hat, zeigt nur, wie sehr er sich in dieser Rolle zu gefallen scheint.

So ruft Jonathan Littell uns gleich im ersten Satz zu: „Dies ist keine Literatur!“ - und tritt in die Tradition von Kriegstagebüchern wie Jüngers „Stahlgewitter“. Wobei schon der Wunsch nach Authentizität, nach der „treuestmöglichen Transkription“, in diese Tradition gehört, die gerne vorgibt, den Krieg zu zeigen, „wie er ist“, so als könnte man ihn in irgendeiner Weise objektivieren. Besser werden die Reportagen durch diese Anleihen bei Jünger nicht. Vielmehr gleicht das romantisierte Bild der Freien Syrischen Armee einer Geste der Umarmung und der Verbrüderung, mit der Littell seine journalistische Distanz aufgibt und das Handeln der Oppositionellen an keiner Stelle auch nur in Zweifel zieht.

Littell hat sich weit vorgewagt. Er hält sich zu Recht zugute, über einen Moment Bericht zu erstatten, „der quasi ohne Zeugen von außen stattgefunden hat: die letzten Tage der Erhebung eines Teils der Stadt Homs gegen das Regime Baschar al-Assads“. Über die Bedingungen des Sprechens über den Krieg, die Instrumentalisierung von Nachrichten, das perfide Spiel mit angeblichen Wahrheiten, durch die der Krieg sich vor unseren Augen in einen konfessionellen Bürgerkrieg verwandelt, reflektiert er aber kaum. Man hätte sich das gewünscht. Gegen die Unmittelbarkeit des Geschehens und die Träume von türkischen Klos sind solche Reflexionen für ihn aber wahrscheinlich nur das, was er abschätzig „das philosophische Drumherum“ nennt.

Jonathan Littell: „Notizen aus Homs“. Aus dem Französischen von Dorit Gesa Engelhardt. Hanser Berlin, 240 Seiten, 18,90 Euro. Das Buch erscheint am 27. August, ist als E-Book für 14,99 Euro aber schon jetzt erhältlich.

Quelle: F.A.S.
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