11.05.2003 · Alexander Kluge erhält den Georg Büchner-Preis
Von Jürgen KaubeEine ebenso überraschende wie richtige Entscheidung. Mit Alexander Kluge ehrt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung einen Autor, der sich eigentümlich in jener Reihe von Lyrikern, Romanciers und Dramatikern ausnimmt, die diesen wichtigsten deutschen Literaturpreis bereits bekommen haben. Denn Kluge ist nichts von alledem. Er ist aber auch nicht das, was man einen Verfasser wissenschaftlicher Prosa nennen könnte, einen Essayisten, einen Historiker oder gar einen Sachbuchautor. Wahrheitssuche ist eine Variable seiner Schriften, nicht ihr Programm. Sein Werk ist Literatur - daneben und für lange Zeit sogar vorrangig Film und Fernsehen -, aber eine Literatur, die sich nicht der Unterscheidung von Fiktion und Tatsache fügt. Mit Alexander Kluge wird zum ersten Mal in der Geschichte dieses Preises ein Autor geehrt, für dessen Erzählform ein Name so leicht nicht zu finden ist.
Kein Zufall deshalb, daß die Titel vieler seiner Bücher eine Gattungsbezeichnung gleich mitliefern. "Lebensläufe" (1962), "Schlachtbeschreibung" (1964), "Lernprozesse mit tödlichem Ausgang" (1973) oder im Untertitel von "Unheimlichkeit der Zeit": "Neue Geschichten", zuletzt sogar "Basisgeschichten". All diese Sammlungen von unerhörten Begebenheiten vorzugsweise aus der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, sind zuletzt umgearbeitet und ergänzt in das Kompendium der "Chronik der Gefühle" (2000) eingegangen. Wettermeldungen, Funksprüche, Kriegsepisoden, Berichte von Beischlafdiebinnen, Schwachstellen-Forschern und Heidegger auf der Krim - wären auch nur zwei der Zeilen, die Kluge je geschrieben hat, gereimt, so könnte man ihn den seltsamsten Balladendichter der Deutschen nach Schiller und Fontane nennen. So aber muß man von ihrem einstweilen letzten Paraboliker sprechen. Geschichte ohne Oberbegriff, heißt es einmal, wolle er erzählen.
Der Chronist, sagt ein vielzitiertes Wort, erzählt die Dinge unabhängig davon, ob sie wichtig oder unwichtig erscheinen. Kluge überbietet es, indem er sie erzählt, unabhängig davon ob sie wahr oder gelogen sind. Den ausgebildeten Juristen, der 1958 als Assistent von Fritz Lang zum Film kam, muß an diesem Medium gerade dessen Indifferenz gegen jene Unterscheidung interessiert haben. Daß der Medienpolitiker Kluge inzwischen auch im Fernsehen eine derart große Wirkung getan hat, daß es auch hier kaum mehr möglich ist, das genaue Maß seines Einflusses als Produzent und Rechteinhaber herauszufinden, komplettiert diesen Eindruck.
Die Mischform aus Erfundenem und Tatsächlichem, die ihn interessiert, hat er sich nicht nur aus poetischem Kalkül gesucht. Wenn Thukidydes sagt, der Krieg verwirre alle Begriffe und löse sie von den Dingen, weil im Krieg alles Lüge wird, dann bezeichnet dies auch den Einsatzpunkt des Autors, der die Unterscheidung von Tatsache und Erfindung ein hinderliches Marschgepäck für Partisanen findet. Im Jahr 1932 in Halberstadt geboren, war Kluge alt genug, um mitzubekommen, was "Stalingrad" hieß, alt genug auch, die Bombardierung der Städte und das Warten im Luftschutzkeller bewußt zu erleben. Der Krieg wurde früh zum Paradigma der Katastrophen, denen dieser Autor die größte Aufschlußkraft für die Geschichte zuschreibt.
Im Jahr 1975 veröffentlicht Kluge "Gelegenheitsarbeit einer Sklavin: Zur realistischen Methode", eine Sammlung von Drehbüchern, deren Titel sich wie eine eigensinnige Inversion der Dialektik von Herr und Knecht bei Hegel liest. Die Einsicht des Klassikers, daß nicht den Herren, sondern den Sklaven die Geschichte gehört, weil sie es sind, die ihren Stoff durchwühlen und ihre Anstrengung durchleiden müssen, wird festgehalten. Aber die Arbeit, durch die Kluges Helden die Geschichte zufällt, ist keine heroische, imposante, sondern eine Gelegenheitsarbeit, ihre Prosaform weder Tragödie noch Epos, sondern Novelle, Sage, Märchen, Kalendergeschichte und Anekdote. Das tapfere Schneiderlein interessierte Kluge stets mehr als Odysseus, der Argonaut mehr als der Atride. Und schließlich: Kein Sklave, sondern eine Sklavin führt bei ihm in die realistische Methode ein. Trotz all der Feuerlöschkommandanten, Funker, Oberleutnants, derer in seinen Lebensläufen und Schlachtbeschreibungen gedacht wird, war Kluges Werk stets der Ökonomie in jenem älteren Wortsinn verpflichtet, der Hauswirtschaft bedeutet:
Historisierung des Privatlebens ist seine Methode, weil er tief daran glaubt, daß auch die Gesellschaft einen riesigen Seelenhaushalt besitzt, die intime Liebe so sehr wie Politik und Wirtschaft auf Tauschvorgängen beruht. Gefühlskunde, wie sie von der bewunderten Prinzessin von Cleves und bei Jane Austen entwickelt wurde, bildet für ihn darum auch den Schlüssel zu Krieg, Technik, Arbeit, das Gefühl, nicht der Begriff sei der Partisan im Krieg der Rationalitäten. "Geschichte und Eigensinn" war 1981 der große, zusammen mit Oskar Negt geschriebene Entwurf einer solchen Wärmelehre und Erfahrungsseelenkunde des zwanzigsten Jahrhunderts.
Unter den Intellektuellen jener Generation haben nur Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas es noch vermocht, die deutschen Nachkriegsgeschichte derart kontinuierlich zu begleiten. Enzensberger beweglich auf den Pfaden der intellektueller List und Habermas stetig auf denen der Moral. Mit Alexander Kluge zeichnet die Akademie für Sprache und Dichtung einen Autor aus, dessen Erzählform im Sinne der Verbindung beider Haltungen, der beweglichen wie der stetigen, im besten Sinne als Moralistik bezeichnet werden kann.