08.12.2004 · STOCKHOLM, 8. DezemberDiesmal zogen Horace Engdahl, weitere Mitglieder der Schwedischen Akademie und der Preisträger des Literaturnobelpreises nicht wie üblich feierlich aus der Mitteltür heraus zu andächtigem Schweigen ein.
Von Robert von Lucius, StockholmDiesmal zogen Horace Engdahl, weitere Mitglieder der Schwedischen Akademie und der Preisträger des Literatur-Nobelpreises nicht wie üblich feierlich aus der Mitteltür heraus zu andächtigem Schweigen ein. Engdahl, Sekretär der Akademie, stand herum und plauderte mit dem Organisator des Abends, räusperte sich dann und sagte nur wenige Sätze: Dies sei die traditionelle Lesung zum Literaturnobelpreis, aber so ganz traditionell sei sie doch nicht.
Im Vorjahr sprach er getragen, diesmal mit ironischem Unterton von der Prinzessin, die von einem anderen Planeten grüße: Elfriede Jelinek werde nicht selber sprechen, ihre Worte aber könne man dank des schwedischen Fernsehens hören und sehen, die ihre Rede über Worte, Sprache und das Abseits in ihrem Heim aufgezeichnet hatte.
Auf drei Großbildschirmen übertragen
Alles war ein wenig anders. Die Sitzreihen im Prachtsaal des ersten Stocks der "Börse" unter zwölf Kristallüstern waren nicht zur Mitte hin ausgerichtet, sondern wie in einem Kinosaal auf drei Großbildschirme hin; diese standen vor vergoldeten Halbsäulen und der Fensterreihe, die auf den Stortorget, den wohl schönsten und intimsten Platz der Stockholmer Altstadt, hinausging.
Während die Sitzplätze sonst zu dem begehrtesten der Stockholmer Gesellschaft zählen, waren diesmal nicht alle besetzt. Einige der großen Verleger der Stadt fehlten, dafür waren mehr junge Menschen und - mehr Frauen da. Die Eintrittskarten waren diesmal nicht nur über die Akademie, die Nobelstiftung oder das Außenministerium zu erhalten, sondern auch bei der besten Buchhandlung der Stadt. Selbst die Kleiderordnung schien weniger förmlich. Die fünfzehn aktiven Akademiemitglieder haben sonst die besten Plätze. Diesmal boten aber die beiden Reihen direkt vor den Schirmen, die für die Akademie und die Nobelstiftung reserviert waren, nicht den günstigsten Blickwinkel.
Auch die Kennerin hat's nicht gewußt
Zu den Zuhörern, die Jelineks Werk schon lange schätzen, zählt die Literaturhistorikerin Ebba Witt-Brattström, die sich um die feministische Literatur in Schweden sehr verdient gemacht hat: Sie ist mit Horace Engdahl verheiratet, der offen bekannte, Jelineks Bücher erst in den letzten beiden Jahren gelesen zu haben. Aber auch Frau Witt-Brattström wird den Namen des Nobelpreisträgers nicht vor der Verkündung gewußt haben.
Bis zu einem Donnerstag Anfang Oktober ist er eines der bestgehüteten Geheimnisse der Hauptstadt. Gerade erst hat die Akademie ihre Sicherheitsregeln weiter verschärft; Kandidatennamen etwa dürfen in E-Mails nur verschlüsselt genannt werden, alle schriftliche Unterlagen werden nach den Beratungen eingesammelt und vernichtet.
Zwischen Andacht und Unverständnis
Die meisten Zuschauer schauten fast durchgehend auf die Leinwand, obwohl wohl nur die Älteren unter ihnen des Deutschen hinreichend kundig waren, um die Feinheiten der Variationen in Jelineks Zwiesprache mit der Sprache zu begreifen. Dabei war der Text vorher auf schwedisch, englisch, französisch und deutsch verteilt worden. Während ihrer Rede schaute Elfriede Jelinek nur selten und kurz auf und blickte in die Kamera, die zwischen Großaufnahme und Totale variierte. Das Manuskript hatte sie sinnreich hinter einer Partitur auf einem Notenständer versteckt. Dahinter stand sie, zu ihren Füßen ein Tischchen mit ungeöffneten Briefen, hinter sich ein einer Landkarte ähnelndes Bild in Senfgelb und tiefem Blau.
Das Publikum schien zwischen der dem Anlaß und ihren Worten geschuldeten Andacht und einem Anflug von Unverständnis zu schwanken. Süffig sei das gewesen, aber nicht ganz leicht oder verständlich, meinte der eine hinterher, eine andere monierte, man habe sich über ihre schönen Wortbilder nicht so recht freuen können, weil sie das so nüchtern-trocken vorgetragen habe. Der Spätnachmittag endete rascher als üblich, zumal Engdahl und andere zum Nationaltheater "Dramaten" eilten, wo direkt danach den ganzen Abend über Jelinek debattiert wurde.
Kein gemeinsames Photo der drei Preisträgerinnen
Daß Elfriede Jelinek nicht kam, wurde in Schweden bedauernd, aber ohne Kritik oder gar Häme kommentiert. Ihre Begründung, sie leide an "sozialer Phobie", an "Agoraphobie", der Unfähigkeit, an Orten mit vielen Menschen zu sprechen, wurde akzeptiert. Auch der Preisträger des Vorjahres, John Coetzee, meidet Menschen, vor allem, wenn es sich dabei um Journalisten handelt, aber er kam, gab sich vier Tage lang charmant und gelassen und nahm den Preis entgegen. Auf der Bühne des Konzerthauses am Freitag aber wird Elfriede Jelineks Stuhl leer sein, während Horace Engdahl die Begründung der Preisvergabe verliest.
Die schwedischen Zeitungen bedauerten, daß es so nie ein gemeinsames Photo der drei Frauen unter den zwölf Preisträgern dieses Jahres geben werde. So viele Frauen waren noch nie dabei. Elfriede Jelinek ist übrigens der erste Preisträger seit Samuel Beckett 1969, der aufgrund eigenen Entschlusses nicht nach Stockholm kam: Alexander Solschenizyn und Boris Pasternak waren von den sowjetischen Machthabern an der Ausreise gehindert worden, Jaroslav Seifert und Nagib Mahfus jeweils erkrankt.
Stockholm im Jelinek-Fieber
Trotz der Abwesenheit der Hauptfigur scheint Stockholm im Jelinek-Fieber. Am Donnerstag abend sendete das schwedische Fernsehen ein halbstündiges Porträt, gefolgt von einer Fernsehübertragung ihres Stückes "Prinzessinnendrama", das derzeit auf der Galeasen-Bühne gezeigt wird und wegen des großen Andrangs bis ins nächste Jahr verlängert wurde.
Beim "Dramaten-Abend" verlas eine Schauspielerin einen Essay, den Jelinek eigens für diesen Anlaß schrieb. Buchläden stellen im Schaufenster ihre Werke aus. Ins Schwedische waren sie schon vorher übersetzt worden, ihr Verlag legte aber rasch drei Bücher neu auf. Da hatten die Schweden die Nase vorn. Denn weder in Norwegen noch in Finnland lag bei der Vergabe eines ihrer Bücher in Übersetzung vor, und in Dänemark nur "Lust", das jetzt neu aufgelegt wurde.
Robert von Lucius Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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