10.10.2008 · In seinem Werk mischt sich Zivilisationskritik mit den Traumresten des untergegangenen französischen Kolonialreiches: Dafür erhält Jean-Marie Gustave Le Clézio den Nobelpreis für Literatur.
Von Joseph HanimannSollte die etwas klassisch verkrustete Idee einer Weltliteratur noch eine Zukunft haben, dann vielleicht so wie bei diesem Autor. Insofern steht ihm der Nobelpreis gut. Von der Herkunft, von den Wohn- und Schreiborten, von den Einflüssen, Themen und Stilrichtungen her ist bei Jean-Marie Gustave Le Clézio die ganze Welt gegenwärtig, zwischen Indischem Ozean, wo sein englischer Vater herkam, Schwarzafrika, wo dieser dann lebte, dem Mittelmeer, wo er selbst aufwuchs, und Frankreich, Nordamerika oder Mexiko, wo er lange lebte.
Seine gut drei Dutzend Romane, Erzählungen, Kindergeschichten, Essays und weniger leicht definierbare Genres berichten von entlegenen Mythen, konkreten Geschichtsereignissen und persönlichen Erinnerungen in einer Art, die keiner bestimmten Schule zugeordnet werden kann. Der heute achtundsechzigjährige Le Clézio ist der ruhige, untypische, doch keineswegs publikumsscheue Einzelgänger der französischen Literatur.
Ein Reisender
Dabei begann sein Eintritt in die Literaturszene 1963 mit einem Paukenschlag. Das Manuskript „Procès-verbal“ (Das Protokoll), eine Auflehnung des gut Zwanzigjährigen gegen die Literatur und die Welt überhaupt, wurde von Gallimard angenommen und erhielt zwar nicht den erhofften europäischen Formentor-Preis (den bekam Uwe Johnson), aber immerhin den Prix Renaudot. Lauter noch war es bei Le Clézios Entritt ins Leben zugegangen. Der 1940 Geborene wuchs in Nizza unter dem Bombenhagel der letzten Kriegsjahre auf. Sein englischer Vater lebte als Tropenarzt in Nigeria und Kamerun, wo er ihn erst als Siebenjähriger auf einer Reise kennenlernte. Ein Reisender ist Le Clézio seitdem geblieben.
Aller Voraussicht nach wird am Donnerstag der Literaturnobelpreis verliehen. Welche Bedeutung hat er für Romanautoren, haben wir Marcel Reich-Ranicki gefragt. Und wer soll ihn eher bekommen: Updike oder Roth? Der Kritiker antwortet salomonisch und verrät doch, wen er für eine Spur origineller hält.
Die frühen Bücher „La Fièvre“ (1965), „Terra amata“ (1967), „Le Livre des fuites“ (1969) hüten sich jedoch vor jeder Form von Exotik wie vor der genormten Form des Erzählens mit Anfang und Ende. Sie mischten Geschichten mit Betrachtungen und waren in jenen Jahren zunächst eine scharfe Abrechnung mit der Welt der westlichen Moderne und mit deren Lebensstil. Während des Kriegs geboren und schreibend in die Zerreißprobe des Algerienkriegs hineingewachsen, fehlte es nicht an Konfliktstoff. Während jene Epoche die Auflehnung aber gern in ideologische Systeme schmolz, blieben die Bücher Le Clézios Literatur ohne Außengerüst und altern deswegen umso besser. Auch ideologisch ist dieser Autor ein Nomade geblieben und hat seine geistige Welt stets auf die Fundamente eigener Erfahrung gebaut.
Umsichtige Arbeit an der Kolonialgeschichte
In den siebziger Jahren vertiefte sich der Blick in den Romanen auf die Mythologien vorab afrikanischer und indianischer Kulturkreise, manchmal verwoben mit Einzelfiguren und Episoden der europäischen Geschichte. „Les Prophéties de Chilam Balam“ (1976) und „Trois villes saintes“ (1980) sind Hommagen an versunkene indianische Kulturen. „Désert“ (auf Deutsch: „Wüste“, 1992), „Le Rêve mexicain“ (1988), die mit der Gattin Jémia, einer Mauretanerin, zusammen geschriebenen „Gens de nuages“ (1997) oder „Poisson d'or“ sind Ansätze, die Kolonialgeschichte aus ungewohnten Perspektiven zu erzählen. Vom rousseauistischen Schema der schlimmen Folgen technisch fortgeschrittener Kultur gegenüber den „wilden“ Gutmenschen hat Le Clézio jedoch nie viel gehalten.
Auch in der Auseinandersetzung über die Lasten des Kolonialismus war sein Urteil nuanciert genug, um sich in kein festes Lager eingrenzen zu lassen. Den Kolonialismus, der ihm als Prinzip zutiefst zuwider sei, könne er dennoch nicht einfach nur negativ sehen, erklärte er mitunter auf Kongressen dem verstörten Publikum zu einer Zeit, als das Thema noch kein abgewetztes Streitthema für Rehabilitationsversuche war. Vor einer schlichten Verurteilung der Kolonialvergangenheit bewahrte ihn schon die Existenz seines Vaters, der sich als Arzt in Afrika geistig und körperlich aufgerieben habe - und zwar damals noch ohne das öffentliche Ansehen von Weltorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“.
Das Risiko des Klischees
Mit dem Roman „Onitsha“, der die Reise des siebenjährigen Jungen mit seiner Mutter zum Vater in die rätselhafte, harte, berauschende Welt Afrikas erzählt, begann 1991 eine Phase mehr persönlich angereicherter Erinnerungsbücher, die jedoch nie im Privaten verharren. „Der Afrikaner“, ein Porträt des Vaters, setzte diese Entwicklung vor vier Jahren fort und der in Frankreich gerade erschienene Roman „Ritournelle de la faim“ setzt diese Entwicklung rückläufig fort. Er erzählt die Geschichte der Jugendjahre von Le Clézios Mutter im Paris zwischen Kolonialausstellung und dem Aufstieg Hitlers: eine nach Ravels „Bolero“ komponierte Epochenskizze, durch die über jähe Taktwechsel hin gespenstisch in Zitatbrocken der aufsteigende Antisemitismus tanzt.
Dieses wie verschiedene andere Bücher Le Clézios verlagern Individualerfahrung zeitlich zurück vor die Geburt. Seine Literatur steigt von manchmal diffusen mythologischen Feldern zu zugespitzter Persönlichkeitserfahrung auf, manchmal mit dem Risiko des Klischees. Selbst in „Onitsha“ dröhnen mitunter die afrikanischen Festtrommeln zur Hochzeit etwas zu aufdringlich. Die Überzeugung, dass für das Subjekt die Nacht der Zeugung wichtiger sei als die Stunde der Geburt, wie es in „Der Afrikaner“ einmal heißt, hängt Le Clézios Figuren archetypisch an wie das Donnergrollen dem Blitzschlag. Seine Bücher werden vornehmlich von Kindern, Bettlern, Greisen, Stummen bevölkert: Gestalten, denen das Ich mehr eine Ahnung ist als ein Postulat.
Kosmopolitismus mit Ortsbindung
Zusammen mit wenigen anderen wie Patrick Modiano gehört Le Clézio zu jener untypischen Gattung französischer Autoren seiner Generation, die, fest in der Zeitgeschichte verankert, sich in keine Aktualitätsfalle locken lassen. Engagement trägt hier keine Fahnen. Auch das Französische bedeutet für Le Clézio mehr eine Sprache als eine Nation: ein Medium, mit dem ein verblichenes, problematisches Weltreich seine Restträume positiv austräumt. Einen Nobelpreis rechtfertigt das allemal.
Dass Le Clézios Werk in Deutschland noch allzu beliebig auf verschiedene Verlage verteilt ist, müsste sich nun ändern. Aus der feinen Liebhaberecke, in der der Heidelberger Verlag Wunderhorn soeben den Band „Raga - Besuch auf einem unsichtbaren Kontinent“ ankündigt, wird dieser Autor erst dann endgültig heraus sein, wenn er als Vertreter eines zeitgenössischen Kosmopolitismus mit Ortsbindung, Weitblick und gut recherchiertem Tiefgang, aber jenseits von Gut und Böse erkannt sein wird.
Kurzbiographie:
Jean-Marie Gustave Le Clézio wurde am 13. April 1940 als Sohn einer Französin und eines englischen Mediziners in Nizza geboren. Er wuchs in Requebillière (Alpes-Maritimes) und in Nizza sowie zeitweise in Nigeria auf, wo der Vater im Auftrag der britischen Regierung als Arzt tätig war.
Nach dem Abschluss des Gymnasiums 1950 kehrte Le Clézio nach Nizza zurück und studierte dort Philosophie und Literatur. Eine Dissertation über Lautréamonts „Les chants de Maldoror“ blieb unvollendet. Im Rahmen des Militärersatzdienstes übernahm Le Clézio 1966/1967 Lehrtätigkeiten an Universitäten in Thailand und Mexiko.
Er arbeitete als Lektor in England (Bristol) und in Frankreich (Aix-en-Provence). Bald widmete er sich ausschließlich dem eigenen Schreiben. Bereits mit seinem ersten Roman, „Le procès-verbal“ (1963; dt. 1965), den er noch als Student veröffentlichte, präsentierte er sich nach Meinung der Kritik als eine der erstaunlichsten und eigenwilligsten Begabungen der modernen französischen Literatur.
Seit 1975 ist Le Clézio in zweiter Ehe mit Jemia Jean verheiratet. Die beiden haben eine Tochter.
Bisherige Auszeichnungen: Chevalier de la Légion d'honneur des Arts et des Lettres, Grand Prix Paul Morand (1980), Prix Carlton (1991), Prix international Union latine (1992), Literaturpreis der Stiftung Prinz Pierre von Monaco (1998).