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Literaturnobelpreis : Wer wird denn hier eigentlich geehrt?

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Chronistin einer russischsprachigen Welt jenseits von Putin: Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch Bild: Isolde Ohlbaum/laif

An diesem Donnerstag erhält Swetlana Alexijewitsch den Literaturnobelpreis in Stockholm: Ihre weißrussische Heimat reagiert gespalten auf die Auszeichnung – zu groß ist die Übermacht des Nachbarn.

          Die ersten Reaktionen in Belarus auf die Nachricht, dass der Nobelpreis für Literatur 2015 an Swetlana Alexijewitsch geht, waren beschwingt, wenngleich ein durch und durch belarussischer Zweifel blieb. Sollte das kleine Land mit zehn Millionen Einwohnern, zwei Staatssprachen, einem Langzeitdiktator mit uniformiertem Sohn und zwei konkurrierenden Wikipedia-Versionen für Belarussisch eine Schriftstellerin hervorgebracht haben, deren Bücher das Nobel-Komitee zum wichtigsten Lebenswerk des Jahres kürte? Ungläubig reiben Minsker Intellektuelle sich die Augen: Ja, ihre Gesellschaft besitzt mit Alexijewitsch eine Chronistin, die jenen eine Stimme gibt, die man sonst nicht hört.

          In Belarus, wo die Autorin in einer belarussisch-ukrainischen Familie aufwuchs, wurden ihre russisch geschriebenen Werke seit dem Erstarken der autoritären Herrschaft von Aleksandr Lukaschenka nicht verlegt. Staatliche Stellen können mit ihrer Dokumentarprosa ebenso wenig anfangen wie die national argumentierenden Aktivisten der Opposition. Die einen sehen das Erbe der Sowjetunion beschmutzt, den anderen ist Alexijewitschs Werk zu wenig auf Belarus fokussiert. Die russischen Originalausgaben ihrer Bücher werden in der gesamten ehemaligen Sowjetunion gelesen. Sie wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt.

          Dennoch wurde die Autorin seit Mitte der neunziger Jahre weit mehr in Deutschland wahrgenommen als daheim. Ihr „Tschernobyl. Chronik der Zukunft“ machte eine neue Dimension menschlichen Lebens und Sterbens nach der Reaktorkatastrophe erfahrbar. Für die Leute in Belarus war diese Erfahrung aufgrund der Umsiedlung Hunderttausender Opfer der Reaktorkatastrophe aus der radioaktiven Zone im Südosten des Landes ohnehin präsent. Ihr Alltag war der Stoff für die Prosa, die Alexijewitsch notierte und verdichtete.

          Belarussisch als Literatursprache?

          Die Autorin lebte mehr als zehn Jahre in der Emigration. Doch sie kehrte immer wieder zurück in die postsowjetische Vergangenheit ihrer Protagonisten. Dass in der Gegenwart Russlands, aber auch in Belarus neue kulturelle Formen entstanden, die sich jenseits der gescheiterten Utopie weiterentwickeln, ist für ihr in Stockholm geehrtes Werk nicht relevant. Schon 2013 verursachte Swetlana Alexijewitsch nach der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels einen Skandal bei der belarussischsprachigen Elite. Gegenüber dieser Zeitung sagte sie, einem sowjetischen Argumentationsmuster folgend, Belarussisch eigne sich aufgrund seiner bäuerlichen Herkunft nicht als Literatursprache. Das war ein Affront für diejenigen, die munter und frech auf Belarussisch schreiben.

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