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Literaturmuseum der Moderne Denken Sie an Marbach!

Im neuen Literaturmuseum der Moderne in Marbach strahlt die Geistesgeschichte unseres Landes. Mit der Geistesgegenwart aber könnte das Archiv seine Probleme bekommen. Schuld ist der Computer.

© DLA-Marbach, www.dla-marbach.de Vergrößern Galerie des Literamuseums der Moderne (Limo) von David Chipperfield mit Blick auf den Neckar

„Neuerdings sterben wir nur noch.“ Enzenbergers berühmter Poesieautomat hat diesen Satz ausgeheckt und zeigt ihn auf einer Anzeigetafel, wie sie sonst auf Flughäfen rattern, im Zwischengeschoß des neuen Literaturmuseums der Moderne. Die dichtende Maschine, der Text, der sich selbst schreibt: Für die Philosophie ein Gedankenspiel, für leibhaftige Lyriker ein ironisches Experiment, für das bedeutende Literaturarchiv in Marbach selbst ein Albtraum. Denn in Schillers Geburtsort braucht man den Schriftsteller.

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Hier wird gesammelt, was Dichter und Denker dieses Landes hinterlassen: Über 20 Millionen Blatt Handschriften, dazu Erstausgaben und Buchbestände - und viele, viele Gegenstände des alltäglichen oder ungewöhnlichen Gebrauchs. Schriebe der Text sich wirklich selbst, dem Literaturarchiv ginge der Nachschub aus.

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Dabei ist neben dem Schiller-Nationalmuseum, einem Prachtbau von 1903, und den ungleich schmuckloseren Lager-, Verwaltungs- und Gästegebäuden auf der Schillerhöhe gerade erst ein neuer Museumsbau entstanden, der die schönsten Stücke aus dem großzügig über die Datumsgrenzen lappenden 20. Jahrhundert zeigen wird. Eine der bedeutendsten literaturgeschichtlichen Sammlungen, ein einzigartiges Museumskonzept in einem kunstvoll kargen Gebäude - die Eröffnung an diesem Dienstag abend ist ein kulturelles Ereignis. Es lockt sogar den Bundespräsidenten an den Neckar.

limo2 © DLA Vergrößern Der Landsberger Poesieautomat von Hans Magnus Enzensberger

Unverstellter Blick

Vom strahlenden Schiller-Nationalmuseum aus gesehen, wirkt das Literaturmuseum der Moderne hinter einer kantigen Säulenreihe und haushohen Türen aus elegantem Tropenholz wie ein eingeschossiger Zweckbau. Zwei weitere Geschosse hat der Architekt David Chipperfield darunter in den Neckarhang gedrückt. Im untersten schimmern im schonenden Halbdunkel die lichtscheuen Exponate des Museums.

Auch hier zeigt sich das wohltuende Konzept der Marbacher, ihren atemberaubenden Besitz ohne Effekthascherei zu inszenieren. Man setzt allein auf die Wirkung des Exponats. Zwar steht jedem Besucher ein multimedialer Museumsführer zur Verfügung, auf dem sich alle erdenklichen Informationen zur Ausstellung abrufen lassen: lesbare Textfassungen der oft unleserlichen Manuskripte, Erläuterungen zu Leben und Werk der zuweilen unbekannten Autoren, Anekdoten zu den immer wieder kuriosen Gegenständen, die in Marbach verwahrt und gezeigt werden. Wer allerdings auf diese technische Zurüstung verzichtet, steht den Exponaten ohne jede Hilfestellung gegenüber. „Benn 1947“, „Kieler Leihbibliothek 1933“ oder „Strittmatter 1987“ - mehr ist neben den Ausstellungsstücken nicht zu lesen. Die Wirkung ist umso stärker, verstellen doch keine Erklärtexte den Blick auf das Wesentliche: einen Ärztekalender Gottfred Benns mit der kuriosen Werbehalbseite „Proben und Literatur für Ärzte kostenlos“, ein verkohltes Buch, das in letzter Sekunde der nationalsozialistischen Bücherverbrennung entrissen worden sein muß, und einen alten Atari, auf dem Thomas Strittmatter seinerzeit geschrieben hat.

Elektronische Zukunftssorgen

Das sind noch nicht die Glanzlichter der Ausstellung, aber sie stehen in chronologischer Folge neben den Manuskripten von Kafkas „Der Proceß“ und Döblins „Berlin Alexanderplatz“, neben Zettelkästen von Blumenberg und Benn, neben Relikten von Jaspers, Heidegger, Mann und Grass. Aus den Schlaglichtern verschiedener Intensität und Farbe, die sie auf einen Autor und seine Zeit werfen, durch ihre offensichtlichen und oft genug auch erst auf den zweiten Blick erkennbaren Verbindungen, durch ihre schiere Strahlkraft entsteht beim Gang durch die Glasvitrinenfluchten ein beeindruckendes geistesgeschichtliches Panorama.

Die Geschichte leuchtet im Marbacher Literaturmuseum der Moderne. In der Gegenwart allerdings wird der Bestand schon deutlich dünner. Und Strittmatters früher Atari verweist auf ein Problem, das Handschriftenarchive mit der jüngsten Literatur haben werden: Tragbare Computer heißen nicht nur „Notebooks“, sie sind auch weitgehend an die Stelle früherer Notizbücher getreten. Romane, auf dem Computer geschrieben, liegen nur noch in der endgültigen Version vor, und bei jedem Speichern geht verloren, womit sich Germanisten früherer Generationen ganze Doktorarbeiten lang beschäftigen konnten.

Daß die jüngere Autorengeneration in der Ausstellung bislang nur durch Erstausgaben vertreten ist, mag seine Gründe haben. Es muß immerhin ein beklemmendes Gefühl sein, die eigenen Utensilien neben denen von Brecht, Hesse oder Zuckmayer zu wissen. Wir möchten sie dennoch dazu aufrufen, schon beim Tagesgeschäft auch ein wenig an die Nachwelt zu denken: Seien Sie selbstverliebt! Schreiben Sie mehr mit der Hand! Drucken Sie Ihre Texte auf Schmierpapier mit originellen Rückseiten! Umgeben Sie sich mit kuriosen Dingen! Denken Sie an Marbach! Nicht, daß es nachher wirklich heißt, neuerdings werde nur noch gestorben.

Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 07.06.2006, 07:09 Uhr