05.04.2006 · Nicht nur für das Vorhaben, eine Ausgabe der Zeitschrift „Volltext“ zu finanzieren, steht der Literaturfonds in der Kritik. Der Lektor der mächtigsten Förderinstitution im Literaturbetrieb ist an einigen Projekten selbst beteiligt.
Von Felicitas von LovenbergDie Idylle auf der Darmstädter Mathildenhöhe, wo der Deutsche Literaturfonds hinter beschaulicher Jugenstilfassade residiert, ist einer hektischen Betriebsamkeit gewichen. Was als persönliche Attacke auf Gunther Nickel, den für Gutachten und Projekte zuständigen Lektor der Einrichtung, begann und in eine Diskussion um die großzügige Förderung einer kostenlosen Sonderausgabe der Zeitschrift „Volltext“ durch den Fonds überging, entwickelt sich zu einer grundsätzlichen Stilfrage für die ganze Institution.
Konkreter ausgedrückt: Ist zu beanstanden, daß der Deutsche Literaturfonds seit 2004 unter anderem ein Seminar zur Literatur- und Theaterkritik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz fördert, das von Gunther Nickel geleitet wird? Und muß man von einem „Gschmäckle“ sprechen, wenn der Fonds die von Gunther Nickel und Alexander Weigel herausgegebene und im vergangenen Herbst im Wallstein Verlag erschienene fünfbändige Edition der „Gesammelten Schriften“ Siegfried Jacobsohns mit fast hunderttausend Euro unterstützt hat?
Zentrale Funktion der bestens ausgestatteten Institution
Gunther Nickel, Jahrgang 1961, ist ein angesehener und vielseitiger Literaturwissenschaftler mit einer stattlichen Publikationsliste. Bevor er 2002 zum Literaturfonds kam, arbeitete er acht Jahre lang in der Handschriftenabteilung des Literaturarchivs in Marbach; seit 2003 ist er zudem als Privatdozent für Neuere deutsche Literaturgeschichte in Mainz tätig.
Mit seinem Wunsch, in der literarischen Welt zu wirken, dürfte Nickel die Stelle am Literaturfonds geradezu als Geschenk erschienen sein. Keine andere Institution im Land verfügt über größere Mittel, um die deutschsprachige Gegenwartsliteratur „überregional, marktunabhängig und jenseits politischer Vorgaben“ zu fördern. Zweimal im Jahr entscheidet das Kuratorium über alle eingegangenen Anträge auf Grundlage von Exposés und Arbeitsproben. Eine besondere Bedeutung kommt den Gutachten zu, mit denen der Lektor dem Kuratorium die Einschätzung erleichtern soll.
Die sieben stimmberechtigten Kuratoren vertreten jene literarischen Verbände und Einrichtungen, die den Fonds 1980 gegründet haben: den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, den Deutschen Bibliotheksverband, den Freien Deutschen Autorenverband, den Verband deutscher Schriftsteller, das PEN-Zentrum und die Verwertungsgesellschaft Wort. Zusätzlich nehmen an den Sitzungen jeweils ein Abgesandter der beiden Zuwendungsgeber, der Kulturstiftung des Bundes und des Ministeriums für Kultur und Medien, beratend teil sowie ein Mitglied des Vorstands und der Geschäftsführer des Fonds und der - ebenfalls nicht stimmberechtigte - Lektor selbst.
Offenbar haben sich die Gepflogenheiten geändert
Geschäftsführer Bernd Busch verteidigt Nickel gegen den von Ulrich Janetzki (LCB) erhobenen Vorwurf der „Selbstbedienung“ und weist darauf hin, daß die Mitwirkung an vom Fonds geförderten Seminaren „zu den Dienstpflichten des Lektors“ gehört, für „die er keine zusätzliche Entlohnung erhält“. Offenbar haben sich die Gepflogenheiten geändert.
Denn Frauke Meyer-Gosau, Vorgängerin von Nickel beim Literaturfonds und heute Redakteurin der Zeitschrift „Literaturen“, erzählt, daß sie zu ihrer Zeit zwar geförderten Seminaren teilgenommen hat, jedoch niemals als Dozentin, sondern als Beobachterin. Da das Kuratorium stets penibel darauf geachtet habe, daß Entscheidungen „personenunabhängig“ gefällt wurden, sei es auch nicht Usus gewesen, Anträge anzuregen oder einzelne Personen oder Einrichtungen zu ermutigen, sich um Beihilfe zu bewerben - geschweige denn durchblicken zu lassen, daß ein Antrag nicht mit der Befürwortung des Lektors rechnen dürfe.
Frauke Meyer-Gosau verwundert vor allem die geringe Zahl von Anträgen. Weil früher etwa tausend Bewerbungen im Jahr eingingen, dürfen sich mittlerweile nur noch Autoren bewerben, die mindestens schon ein Buch veröffentlicht haben. Daraufhin sei die Zahl der Anträge zwar deutlich zurückgegangen, aber daß es jetzt im Schnitt nur zwischen 130 und 160 Bewerbungen sind, über die das Kuratorium beraten muß, wie Nickel sagt, findet sie erstaunlich wenig - vor allem angesichts der Tatsache, daß der Etat von ehedem rund einer Million Mark auf eine Million Euro aufgestockt wurde.
Wie Gunther Nickel den Markt verzerren will
Der Literaturbetrieb ist klein, jeder kennt hier jeden. In dieser „unvermeidlichen Grauzone“ dürfe sich der Darmstädter Lektor, so glaubt auch Frauke Meyer-Gosau, als Person nicht zu sehr „aus dem Fenster lehnen“. Jede Form der Förderung ist auf gewisse Weise wettbewerbsverzerrend. Umso wichtiger ist es, daß der Lektor sich weder mit einem Verleger noch mit einem Agenten verwechselt. Gunther Nickel definiert seine Position gänzlich anders: „Wir wollen den Markt verzerren“, sagt er, deshalb fördere man ja nicht Dieter Bohlen, sondern Norbert Gstrein. Es sei jedoch wichtig, die Kriterien dieser Auswahl immer wieder zu befragen und zu überprüfen.
So habe er Weihnachten in Wien im Gespräch mit Thomas Keul, Chefredakteur von „Volltext“, die Idee zur Kooperation entwickelt, die man dann „im Dialog fortgeschrieben“ habe. Das Kuratorium hat die Unterstützung gebilligt - „Volltext“ wird ohnehin bereits im zweiten Jahr vom Literaturfonds gefördert. Erwähnenswert ist auch, daß die PR-Agentur Hanne Knickmann die Anzeigen-Akquise für „Volltext“ betreibt, wenngleich ausdrücklich nicht für die Sondernummer. Hanne Knickmann ist übrigens die Lebensgefährtin von Gunther Nickel.
Diener oder Herrscher - der Lektor hat die Wahl
Nickel bekennt, er sei „fassungslos“ angesichts der Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben werden: „Es ist doch so: Wenn ich einfach still in meinem Kämmerlein säße, hätte ich meine Ruhe und niemand würde über mich reden.“ Seine Mitarbeit bei „Volltext“ habe er für die Dauer des Projekts bereits niedergelegt. Auf der Internetseite der Zeitschrift und anderenorts wird Nickel von Autoren wie Sybille Lewitscharoff, Georg Klein, Michael Kleeberg und Robert Menasse vehement verteidigt. Den lautstarken Protest vor allem von Seiten der Literaturhäuser erklärt Nickel sich mit den Plänen Netzwerkes, eine eigene Zeitschrift herauszubringen. Wenn man dort also auf die vielen, am Minimum existierenden Literaturzeitschriften hinweise, die durch die „Volltext“-Kooperation weiter an den Rand gedrängt würden, müsse man ihnen ja nicht durch einen weiteren Titel Konkurrenz machen.
Frauke Meyer-Gosau zufolge ist die Position des Lektors auch deshalb nicht leicht, weil sie eine Existenz in „splendid isolation“ fordert. In der Diskrepanz zwischen der Darmstädter Zurückgezogenheit und dem erklärten Ziel des Literaturfonds, das Neuste und Aktuelle zu fördern, habe aber auch stets ein „bestürzend guter Sinn“ gelegen, der genau darin besteht, sich nicht zu sehr unters Literaturvolk zu mischen, um marktunabhängig zu bleiben. Ob der Lektor des Deutschen Literaturfonds eine dienende oder eine herrschende Position innehat, entscheidet der jeweilige Amtsinhaber - und das Kuratorium.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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