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Literaturfestivals im Trend Voll gewesen, toll gelesen

Zum Auftakt der Lit.Cologne: Volle Hallen, begeisterte Zuschauer. Literaturfestivals gelten als Erfolgsmodell für die Begegnung von Autor und Leser. Aber sind die Lesefeste so gut wie ihr Ruf?

© dpa Vergrößern Literaturfestivals sprießen aus dem Boden wie Pilze: Interne Strukturen der Branche leiden

Lange hatte die Dame in der Signierschlange im Foyer gestanden, eine halbe Stunde mindestens, geduldig, trotz des einen oder anderen Remplers zwischen den sich drängenden Besuchern, die sich den Weg zur nächsten Veranstaltung bahnten. „Was ich Sie schon den ganzen Abend fragen wollte“, sagte die Dame strahlend, als sie endlich vor der Autorin stand: „Welches Shampoo benutzen Sie eigentlich?“

Diese Episode, beobachtet einst auf der Lit.Cologne, könnte sich so und ähnlich auch auf jedem anderen Literaturfestival zugetragen haben. Jenseits des Anekdotischen scheinen sich daraus ein paar Grundsätzlichkeiten ablesen zu lassen über das Wesen einer Erscheinung, die in den letzten Jahren die Lesungskultur in Deutschland spürbar verändert hat.

Unzählige regionale Festivals

Literaturfestivals sprießen wie Pilze aus dem Boden. Neben der 2001 gestarteten Lit.Cologne gehören zu den großen das Internationale Literaturfestival Berlin, seit zwei Jahren das Literaturfest München und seit 2009 das Hamburger Harbour Front Festival, außerdem Urgewächse wie das Erlanger Poetenfest, das seit mehr als dreißig Jahren Lesungen unter freiem Himmel veranstaltet und einen kleinen Kultstatus genießt. Hinzu kommen unzählige regionale Festivals wie Erfurts Herbstlese, die Koblenzer Literaturtage „ganzOhr“ oder die Stadtbespielung „Leipzig liest“ auch jetzt wieder während der Buchmesse des Frühjahrs. Die Reihe ließe sich lang fortsetzen.

Trotz dieser Inflation gibt es von Übersättigung keine Spur. Nicht nur erfreuen sich alle Festivals hoher Besucherzahlen, sondern sie ziehen erwiesenermaßen auch jene an, die nicht zu den üblichen Literaturaffinen zählen - siehe die Frau mit dem Shampoo. Durch das Prinzip der begrenzten Dauer bei gleichzeitiger Überforderung durch schiere Angebotsüberfülle haben Festivals offenkundig eine andere Anziehungskraft als die gern als Literaturgottesdienste verschrienen Lesungen in Literaturhäusern und Buchhandlungen. Das ist weder eine besonders neue noch eine überraschende Erkenntnis; bemerkenswert ist gleichwohl, dass auf Festivals grundsätzlich ja auch nichts anderes vonstattengeht als die gewöhnliche „Wasserglas-Lesung“, wenngleich auch an ungewöhnlichen Orten.

In Köln muss keiner nach den Lesungen nach Hause

Die Geschichte der großen Festivals gilt als Erfolgsstory. Dennoch mag man sich gerade angesichts des Erfolgszugs der Lesefeste fragen, inwiefern diese Veranstaltungen Veränderungen für das literarische Leben und seinen Betrieb mit sich bringen.

Dass Autoren dankbare Festival-Teilnehmer sind, ist klar - nicht nur wegen der ziemlich sicheren Aussicht, vor vollen Reihen zu lesen. Auf Festivals ist auch das ganze Drumherum für einen Autor angenehmer. Man kann Kollegen treffen, abends zusammensitzen und sich austauschen. Auf der Lit.Cologne wird man noch dazu mit schicken Limousinen durch die Stadt und ins - ebenfalls elegante - Festivalhotel chauffiert, selbst wenn man erst in den frühen Morgenstunden und mit Schlagseite aus dem Schokoladenmuseum torkelt, dem allabendlichen Treffpunkt für die Teilnehmer: allemal attraktiver, als nach einer Lesung beim ortsansässigen Buchhändler abends um kurz nach zehn in der menschenleeren Fußgängerzone einer mitteldeutschen Kleinstadt allein nach Verpflegung zu suchen.

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Veröffentlicht: 14.03.2012, 16:43 Uhr