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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Literaturfestivals im Trend Voll gewesen, toll gelesen

 ·  Zum Auftakt der Lit.Cologne: Volle Hallen, begeisterte Zuschauer. Literaturfestivals gelten als Erfolgsmodell für die Begegnung von Autor und Leser. Aber sind die Lesefeste so gut wie ihr Ruf?

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© dpa Literaturfestivals sprießen aus dem Boden wie Pilze: Interne Strukturen der Branche leiden

Lange hatte die Dame in der Signierschlange im Foyer gestanden, eine halbe Stunde mindestens, geduldig, trotz des einen oder anderen Remplers zwischen den sich drängenden Besuchern, die sich den Weg zur nächsten Veranstaltung bahnten. „Was ich Sie schon den ganzen Abend fragen wollte“, sagte die Dame strahlend, als sie endlich vor der Autorin stand: „Welches Shampoo benutzen Sie eigentlich?“

Diese Episode, beobachtet einst auf der Lit.Cologne, könnte sich so und ähnlich auch auf jedem anderen Literaturfestival zugetragen haben. Jenseits des Anekdotischen scheinen sich daraus ein paar Grundsätzlichkeiten ablesen zu lassen über das Wesen einer Erscheinung, die in den letzten Jahren die Lesungskultur in Deutschland spürbar verändert hat.

Unzählige regionale Festivals

Literaturfestivals sprießen wie Pilze aus dem Boden. Neben der 2001 gestarteten Lit.Cologne gehören zu den großen das Internationale Literaturfestival Berlin, seit zwei Jahren das Literaturfest München und seit 2009 das Hamburger Harbour Front Festival, außerdem Urgewächse wie das Erlanger Poetenfest, das seit mehr als dreißig Jahren Lesungen unter freiem Himmel veranstaltet und einen kleinen Kultstatus genießt. Hinzu kommen unzählige regionale Festivals wie Erfurts Herbstlese, die Koblenzer Literaturtage „ganzOhr“ oder die Stadtbespielung „Leipzig liest“ auch jetzt wieder während der Buchmesse des Frühjahrs. Die Reihe ließe sich lang fortsetzen.

Trotz dieser Inflation gibt es von Übersättigung keine Spur. Nicht nur erfreuen sich alle Festivals hoher Besucherzahlen, sondern sie ziehen erwiesenermaßen auch jene an, die nicht zu den üblichen Literaturaffinen zählen - siehe die Frau mit dem Shampoo. Durch das Prinzip der begrenzten Dauer bei gleichzeitiger Überforderung durch schiere Angebotsüberfülle haben Festivals offenkundig eine andere Anziehungskraft als die gern als Literaturgottesdienste verschrienen Lesungen in Literaturhäusern und Buchhandlungen. Das ist weder eine besonders neue noch eine überraschende Erkenntnis; bemerkenswert ist gleichwohl, dass auf Festivals grundsätzlich ja auch nichts anderes vonstattengeht als die gewöhnliche „Wasserglas-Lesung“, wenngleich auch an ungewöhnlichen Orten.

In Köln muss keiner nach den Lesungen nach Hause

Die Geschichte der großen Festivals gilt als Erfolgsstory. Dennoch mag man sich gerade angesichts des Erfolgszugs der Lesefeste fragen, inwiefern diese Veranstaltungen Veränderungen für das literarische Leben und seinen Betrieb mit sich bringen.

Dass Autoren dankbare Festival-Teilnehmer sind, ist klar - nicht nur wegen der ziemlich sicheren Aussicht, vor vollen Reihen zu lesen. Auf Festivals ist auch das ganze Drumherum für einen Autor angenehmer. Man kann Kollegen treffen, abends zusammensitzen und sich austauschen. Auf der Lit.Cologne wird man noch dazu mit schicken Limousinen durch die Stadt und ins - ebenfalls elegante - Festivalhotel chauffiert, selbst wenn man erst in den frühen Morgenstunden und mit Schlagseite aus dem Schokoladenmuseum torkelt, dem allabendlichen Treffpunkt für die Teilnehmer: allemal attraktiver, als nach einer Lesung beim ortsansässigen Buchhändler abends um kurz nach zehn in der menschenleeren Fußgängerzone einer mitteldeutschen Kleinstadt allein nach Verpflegung zu suchen.

Reicht Applaus als Honorar?

Überraschender ist, dass es Autoren dafür sogar auf sich nehmen, für ein sehr geringes oder gar kein Honorar zu lesen. Das kommt etwa auf der Lit.Cologne durchaus vor. Und „Leipzig liest“ stellt von vornherein explizit nur die Infrastruktur für Lesungen zur Verfügung. Schließlich, so die Argumentation, seien solche Lesungen ja Werbeveranstaltungen fürs Buch.

Nun könnte man einwenden, die Entscheidung, zu diesen Bedingungen aufzutreten, liege beim einzelnen Autor. Aber stimmt das? Festivals in der Größenordnung von Lit.Cologne oder Harbour Front sind mittlerweile wichtige Faktoren im Marketingkonzept der Verlage, was man schon daran erkennen kann, dass mit der Teilnahme eines Autors häufig in Verlagsvorschauen oder Pressematerialien geworben wird - das Festival sorgt hier also schon im Voraus für die Potenzierung von Aufmerksamkeit. In der Folge bedeutet das, dass es sich Autoren nicht wirklich leisten können, auf die Teilnahme an Festivals zu verzichten. Dass offiziell keine konkreten Zahlen über Honorare - gerade, wo sie niedrig oder nichtexistent sind - genannt werden, ist verständlich. Was man im einzelnen Fall hinnimmt, soll nicht auch noch ruchbar werden.

Womöglich wird das Modell dennoch Schule machen - mit bedenklichen Folgen. Denn Lesungen sind nicht nur Zeit- und Arbeitsaufwand für Autoren, sondern die Einnahmen aus Lesungen gehören unmittelbar zu den Mitteln, aus denen sich ein Autor nach Erscheinen eines Werks finanzieren muss - mindestens bis zum Erscheinen des nächsten.

Noch ein anderes Symptom kündet von der Verfestivalisierung der Lesungskultur: die Zentrierung von Aufmerksamkeit auf einige wenige Namen pro Saison - und die daraus folgende, immer breiter werdende Kluft zwischen Autoren, die zu Festivals eingeladen werden, deren Bücher also als für ein großes Publikum interessant eingestuft werden, und jenen, die außen vor bleiben und denen so nicht nur der Auftritt vor vielen Zuhörern verwehrt bleibt, sondern auch die öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen, die sich an eine Festivalteilnahme knüpfen.

Hier kommen wieder die Verlage ins Spiel. Für die ist es nicht nur wichtig, dass ihre Autoren auf Festivals lesen, sie sind auch willens, dafür einiges zu investieren. Dass Verlage die Reise- und Übernachtungskosten für ihre Autoren übernehmen, sollten die zu einem Festival eingeladen werden, ist schon lange keine Seltenheit mehr. Es ist leicht, sich auszurechnen, welche Verlage und mithin welche Autoren in diesem Monopoly das Nachsehen haben. So entsteht ein ähnlicher Effekt, wie er wiederholt vor allem für den Deutschen Buchpreis beschrieben worden ist: dass zwar die Stellung der Literatur insgesamt nach außen für einen Moment gestärkt wird, dass aber interne Strukturen und Verteilungen leiden.

Das Publikum darf auch einmal gefordert werden

Dass gerade ein Festival vom Zuschnitt der Lit.Cologne, die privatwirtschaftlich arbeitet, darauf angewiesen ist, die Ausgaben niedrig zu halten und gleichzeitig möglichst hohe Einnahmen zu erzielen, liegt in der Natur der Sache. Gerade dort aber, wo es Festivalmacher wie in Köln geschafft haben, dass Zuschauer „blind“ Karten kaufen, weil sie dem Programm vertrauen, ist deshalb auch Sorgfaltspflicht gefragt: eine Verantwortung, Akzente zu setzen auch auf das, was literarisch wertvoll, aber nicht unbedingt markt- und massenkompatibel ist und daher nicht bequem von anderer Seite mitfinanziert wird. Die Lit.Cologne tut dies zum Beispiel, indem sie Klassiker wiederbelebt. Gibt es diese Art Setzungen jedoch nicht, verkommt ein Festival zur hübschen Marketingplattform der großen Verlagshäuser.

Eine Sorgfaltspflicht muss natürlich ebenso an jenen Stellen walten, an denen über die Verteilung von Fördergeldern entschieden wird. Abseits der großen Städte mag man froh sein, wenn durch ein Festival überhaupt ein wenig literarisches Leben in die Gegend kommt. Gerade aber in den Metropolen sollte man nicht jene aus dem Blick verlieren, die wie Literaturhäuser oder ausgewählte Buchhandlungen das ganze Jahr über Programmarbeit machen.

Programm und Geschäftssinn: Beides braucht Leidenschaft

Insbesondere bei den Buchhandlungen könnte es zudem bald an der Zeit sein, über alternative Fördermöglichkeiten nachzudenken - etwa nach dem Vorbild der Schweiz, wo Veranstalter mit geringerem Budget, Buchhändler etwa, eine Förderung in Form von Autorenhonoraren beantragen können. So wäre eine Lesungskultur jenseits der Festivals gewährleistet, ohne dass Autoren zu Dumpingpreisen gehandelt werden müssten, ohne dass Verlage zu Universalfinanziers werden und ohne dass die Schere zwischen kleinen und großen Häusern noch größer wird, wenn es darum geht, ihre Autoren in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Was aber nutzen Festivals der Literatur eigentlich selbst? Eine Sonderstellung nimmt hier ganz sicher das Berliner Internationale Literaturfestival ein, das sich nicht nach den Konjunkturen der Verlagsprogramme richtet, sondern seine Autoren nach inhaltlichen Aspekten auswählt und zumeist direkt über deren internationale Verlage einlädt - darunter durchaus auch solche, die noch keinen deutschen Verlag haben. Das mag dazu führen, dass mal eine Lesung eines hier noch nicht etablierten Autors nicht in der mittlerweile üblichen emphatischen Festivalfülle besucht ist. Es führt aber auch dazu, dass diese Autoren überhaupt in Deutschland bekannt gemacht und übersetzt werden - auf diese Weise wird also tatsächlich Literatur vermittelt.

Gibt es aber, von diesem Sonderfall abgesehen, überhaupt eine literaturvermittelnde Kraft von Festivals jenseits der Shampoo-Frage? Der Literaturwissenschaftler und einstige Festivalmacher Thomas Wegmann nannte Festivals vor zehn Jahren „ein kultiviertes Autodafé einer an Literatur interessierten und gleichzeitig von Literatur überlasteten Gesellschaft“. Damit wäre der absurde Effekt beschrieben, dass Festivals eher als das Gegenteil von Literaturvermittlung funktionieren. Womöglich bergen die Festivals in ihrer breitenwirksamen Attraktivität und Anziehungskraft mittlerweile ein anderes Potential: auch die Nicht-Literaturaffinen zu Literatur-Interessierten und zu Lesern zu machen. Dafür aber braucht es ebenso viel Leidenschaft bei der Programmgestaltung wie beim Geschäftssinn.

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