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Litcologne : Die Erinnerung des Künstlers ist die Tür zum Allgemeinen

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Die besten Veranstaltungen findet man immer abseits der großen Säle: Jens Thomas (links, am Flügel) und der Schauspieler und Autor Matthias Brandt. Bild: dpa

Knappe Zukunft, geschenkte Zeit: Die siebzehnte Litcologne feiert die Törichten und setzt dem Zeitgeist der Renationalisierung den Eigensinn der Literatur entgegen.

          Sagen wir es mit der Relativitätstheorie: Wenn man sieht, was in dieser Stadt sonst als Kultur gilt und heiß diskutiert wird, zuletzt etwa die Ausladung des Büttenredners „Ne kölsche Schutzmann“ von der IGMetall-Prunksitzung, dann ist das, was das wahre Kölner Dreigestirn – Bauer Edmund (Labonté), Prinz Rainer (Osnowski) und Jungfrau Werner (Köhler) – mit der Litcologne alljährlich auf die Beine stellt, relativ großartig. Die siebzehnte Ausgabe des größten europäischen Literaturfestivals war eine politisch besonders engagierte. Man solidarisierte sich mit verfolgten türkischen Intellektuellen, warb für ein offenes Europa und verdammte den Schimmelpilz des Populismus.

          Dass kleinere Lesungsveranstalter aus der Region, die Exklusivitätsdeals mit den Verlagen und weggeschnappte Fördergelder beklagen, dem Festival gern schunkelnden Kommerz vorwerfen, zumal fortan noch eine Herbstausgabe im Ruhrgebiet hinzukommt, ist nachvollziehbar, aber kein echtes Argument gegen die Litcologne, die überragenden Zuspruch vorweisen kann. Mit 110.000 Zuhörern wurde erneut ein Besucherrekord aufgestellt. Freilich ist das Kölner Publikum ein sehr dankbares. Es lässt sich nicht einmal von der Absage der Hauptperson einer Lesung irritieren. Ohne den amerikanischen Autor Bill Clegg hatte man eben mehr von Katja Riemann, die seine Texte las, und eine Fahrt auf dem Literaturschiff gab es ja obendrein.

          Sich im anderen wiedererkennen

          Viele Wege führen durch anderthalb Wochen Literaturkarneval. Beginnen ließ sich etwa mit Hisham Matar, der – erstmals überhaupt in Deutschland – über sein ambivalentes Verhältnis zu Libyen berichtete. Sein Vater, ein bedeutender Dissident, hatte das Land 1979 mit seiner Familie verlassen müssen, wurde aber von den Schergen Gaddafis entführt und vermutlich ermordet. Matar betonte, wie schwer es sei, mit dieser Ungewissheit zu leben, aber er ließ keinen Zweifel daran, dass sein Buch, das eine Libyen-Reise im Jahre 2012 zum Erzählanlass nimmt, nicht als „Exorzismus für innere Dämonen“ diene. In essentialistischer Weise interessiere ihn die eigene Familie gar nicht. Es gehe ihm als Künstler vielmehr um die alles synthetisierende Ebene des Bewusstseins: Die Erinnerung als Tür zum Allgemeinen. Er möchte es dem Leser ermöglichen, sich im Anderen wiederzuerkennen. Das ist Literatur auf der Höhe der Philosophie.

          Literatur auf der Höhe der Philosophie: der libysche Autor Hisham Matar.
          Literatur auf der Höhe der Philosophie: der libysche Autor Hisham Matar. : Bild: dpa

          Der nächste Abend bot einen Wettkampf eigener Art. Im frisch renovierten Gründerzeitsaal der Kölner Flora legte die Frauenliteratur vor. Eine enthusiastische Thea Dorn und eine grandios lesende Maria Schrader erweckten die harten, aber auch zärtlichen, perfekt durchkomponierten Short Storys der aus eigener Kaputtheit große Kunst machenden, im Jahre 2004 gestorbenen Amerikanerin Lucia Berlin zum Leben, was das neunhundertköpfige, hochgradig weibliche Publikum derart elektrisierte, dass die Veranstalter sich hernach entschuldigen mussten, nur hundertfünfzig flugs ausverkaufte Bücher vorrätig gehabt zu haben.

          Seit vier Jahren Wurmfutter

          Auf dem Literaturschiff schloss sich ein dezidierter Männerabend mit dem vom Glück geküssten Wilko Johnson an, dem einstigen Kopf der wegweisenden Blues-Punk-Band Dr. Feelgood, der ein fluffiges Buch darüber geschrieben hat, wie es ist, den eigenen Tod zu überleben. Ärzte hatten Johnson Anfang 2013 eröffnet, er habe nur noch wenige Monate zu leben. Augenblicklich sei er ruhig geworden, erzählte der Autor. Eines der intensivsten, besten Jahre seines Lebens brach an, allein – er starb nicht. Der Krebs erwies sich plötzlich doch als operabel. „Sterben zu müssen hatte ich komplett verstanden. Aber jetzt hier zu sitzen, wo ich doch seit vier Jahren Wurmfutter sein müsste, das kann ich nicht kapieren.“ So grandios der Auftritt Johnsons war, der sogar seine Maschinengewehr-Gitarre vorführte, so klar haben die Frauen den Abend in literarischer Hinsicht gewonnen.

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