22.06.2006 · Andreas Maier, einer der begabtesten Schriftsteller seiner Generation, hat seine Frankfurter Poetik-Dozentur beendet - mit einem Eklat: Ausführlich sprach er über den Streit mit seinem ehemaligen Lektor und dessen neuem Verlag.
Der Literaturbetrieb, was ist das? Ein Verein, zu dem viele gehören wollen und zu dem sich keiner bekennen mag. Eine Rechnung, unter die unzählige Striche gezogen wurden, die aber noch nie aufgegangen ist. Eine Käseglocke, unter der Gesumms gemacht wird von Leuten, die gerne behaupten, sie säßen nicht drinnen, sondern draußen, als hätte der Betrieb gar keine Betreiber, sondern bestünde ausschließlich aus Betriebsbeobachtern. Ein großer Haufen mal bunter, mal schmutziger Wäsche, zusammengetragen von Leuten, die in ihrem ganzen Leben noch nie etwas anderes getragen haben wollen als weiße Westen.
Das Geräusch, das beim ständigen Umschichten und Aufschichten und Auseinanderklamüsern und Wiederzusammenklamüsern dieses Wäschehaufens entsteht, ist das Literaturbetriebsgeräusch: Sphärenklänge, daß es einem graust. Was ist eine Poetik-Dozentur? Eine Einladung an einen Schriftsteller, öffentlich über Literatur zu sprechen, über eigene und fremde. Soeben hat Andreas Maier, einer der begabtesten Schriftsteller seiner Generation, seine Frankfurter Poetik-Dozentur beendet. Seine fünfte und letzte Vorlesung stand unter dem Titel „Der Betrieb“, und Maier hat darin ausführlich über den Streit gesprochen, der ihn mit seinem ehemaligen Lektor und dessen neuem Verlag noch immer verbindet.
Eine Art Ehedrama
Es handelt sich, nicht ungewöhnlich bei Schriftstellern und Lektoren, um eine Art Ehedrama: Nach dem Tod Siegfried Unselds wechselte Maier gemeinsam mit Thorsten Ahrend von Suhrkamp zum Wallstein Verlag und dann allein wieder zurück zu Suhrkamp, und das alles innerhalb weniger Wochen. Die Folge: heftigste Verstimmungen unter allen Beteiligten. Die Frage, wer an dem Skandälchen mehr und wer weniger Schuld trägt, wer wen schlimmer und übler verraten, verkauft, verlassen und verletzt hat, ist für die Öffentlichkeit von begrenzter Wichtigkeit und hat in einer Poetik-Vorlesung nichts verloren.
Wenn Andreas Maier das schon nicht weiß, hätte es dann nicht zumindest der Suhrkamp Verlag wissen können? Unlängst noch haben zwei Geschäftsführer des Verlags öffentlich erklärt, daß die Lücke, die Ahrends Weggang hinterlassen hat, leider noch immer nicht geschlossen sei. Und jetzt hörten Suhrkamp-Mitarbeiter in der ersten Hörsaalreihe zu, wie ihr ehemaliger Kollege bloßgestellt wurde, während der Vorlesungstext als fertiggedrucktes Buch auf dem Büchertisch im Foyer zum Kauf bereitlag. Der Verlag wußte also seit Wochen, was Maier vorhatte. Schon seltsam. Hat man sich bei Suhrkamp denn nie gefragt, wie diese Vorlesung aussehen würde, wenn Maier nicht als reuiger Sünder zurückgekehrt, sondern beim Wallstein Verlag geblieben wäre? Wen hätte Maier dann wohl beschimpft? Der Poetik-Dozent jedenfalls hat emsig demonstriert, was er doch nur beschreiben wollte. Was ist der Literaturbetrieb? Ein Räderwerk, das keine Vorlesungen hält, aber ab und an Lektionen erteilt.