28.02.2006 · Eine neue Generation deutscher Dichter meldet sich zu Wort - doch in den Programmen der großen Verlage spielt die junge Lyrik keine nennenswerte Rolle. Es droht der Bedeutungsverlust einer ganzen Gattung.
Von Richard KämmerlingsEs ist ein Verlust anzuzeigen. Ein Verlust an Verantwortungsbewußtsein, ein Verlust an Risikobereitschaft in den großen Verlagen. Und daraus folgend der drohende Bedeutungsverlust einer ganzen Gattung: der Lyrik.
Das gilt natürlich nicht für die Tradition; Anthologien und Kanon-Projekte sind beliebt, gerade wurde Heine gefeiert, bald folgt Gottfried Benn. Und von Rühmkorf und Enzensberger bis Grünbein und Kling sind Dichter im literarischen Bewußtsein präsent. Doch wie jede Kunstgattung lebt auch die Lyrik von den jungen, den neuen, den unerhörten Stimmen. Und wirft man einen Blick auf die Programme der großen Literaturverlage, dann muß man feststellen, daß die junge Lyrik keine nennenswerte Rolle spielt.
Ein paar Jahre auf dem Buckel
Sicherlich: Etablierte Autoren werden gepflegt; doch was bei den Verlagen immer noch als „junge“ Lyrik durchgeht, hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Nehmen wir Suhrkamp: Durs Grünbein ist Jahrgang 1962, Lutz Seiler 1963, auch Albert Ostermaier ist bald vierzig. Aber immerhin gibt es hier noch Gedichtbände in nennenswerter Zahl; anderswo sieht es ganz düster aus: S.Fischer, Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch - Fehlanzeige. Ebenso Piper (immerhin der Hausverlag von Ingeborg Bachmann).
Hanser hat sich, zweifellos mit großen Verdiensten, ganz auf Lyrikübersetzungen verlegt; aber wie wichtig war einst die Hauszeitschrift „Akzente“ für die poetische Debatte? Oder die DVA: Ulla Hahn, Sarah Kirsch, das war's. Ausnahmen gibt es zwei: den Berlin Verlag, der neben manchem Mittelmaß mit dem 1971 geborenen Jan Wagner den wohl virtuosesten Formenspieler seiner Generation verlegt. Und DuMont natürlich mit seiner grandiosen und hoffentlich langlebigen Lyrikreihe, deren einziger wirklich junger Autor freilich der Schweizer Raphael Urweider (geboren 1974) ist.
Man kennt sie nicht
Doch inzwischen hat sich in Deutschland längst eine jüngere Generation von Dichtern zu Wort gemeldet, herangewachsen vorwiegend in kleinen Szenen und Zirkeln. Und sosehr man sich in den letzten Jahren auch um junge Erzähler bemühte und noch dem unbegabtesten Literaturinstitut-Absolventen sein Manuskript entriß: Von diesen Lyrikern hat fast keiner zu einem etablierten Verlag gefunden. Selten zuvor war die Diskrepanz zwischen literarischer Bedeutung und Repräsentanz im Buchgeschäft so groß wie bei der Generation deutschsprachiger Dichter unter, sagen wir, fünfunddreißig.
Man kennt sie nicht, und doch sind sie da. Immer deutlicher stellt sich heraus, welche Ausnahmestellung dem kleinen, im hessischen Idstein und am Prenzlauer Berg beheimateten Verlag kookbooks zukommt. Die gerade einmal einunddreißigjährige Verlegerin Daniela Seel, selbst Lyrikerin, hat in ihrem aus einem Künstler-Netzwerk entstandenen Ein-Frau-Projekt konsequent die wichtigsten Stimmen dieser neuen Berliner Dichterschule (aus der auch Jan Wagner kommt) versammelt: etwa Ron Winkler, geboren 1973, der die Motive traditioneller Naturgedichte aufnimmt und unter den medialen Bedingungen zeitgenössischer Wahrnehmung neu formuliert. Sein Band „vereinzelt Passanten“ wurde 2005 mit dem wichtigen Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet.
Sprache der Liebe und der Gewalt
Oder Daniel Falb, geboren 1977, der in seinem Debüt „die räumung dieser parks“ Alltagsbeobachtungen mit Fachsprachen und Spezialdiskursen auf verstörende Weise kollidieren läßt. Oder der hochtalentierte Dresdner Steffen Popp, geboren 1978, der in „Wie Alpen“ ästhetische Kategorien wie das Erhabene oder das Naturschöne aktualisiert und die Verlorenheit des Individuums in den leeren und endlosen Räumen der göttlichen Schöpfung besingt. Oder Uljana Wolf, für ihren Band „kochanie ich habe brot gekauft“ gerade mit dem Huchel-Preis geehrt, die mit großer Musikalität und einem absoluten Gehör Fragmente einer Sprache der Liebe und auch der Gewalt komponiert. Im vergangenen Jahr erschien außerdem das Langgedicht „Gegensprechstadt“ von Gerhard Falkner, einem engagierten Mentor der jüngsten Generation. Und in diesem Frühjahr kommt mit Hendrik Jackson, geboren 1971, ein weiterer dichterischer Handwerksmeister dazu.
Es sind nicht allein verlegerischer Mut oder die Gunst der Stunde, die kookbooks zur ersten Adresse für den Lyriknachwuchs gemacht haben. In jahrelangen, auf Exklusivität bedachten Lesezirkeln war Daniela Seel selbst Teil der Bewegung, die sich mit großer Ernsthaftigkeit mit den aktuellen Möglichkeiten des Gedichts befaßte - und sich dabei auch mit verschütteten oder verdrängten Traditionen etwa der ostdeutschen Lyrik, der Prenzlauer-Berg-Szene, auseinandersetzte.
Die neue Lyrik ist da
Mit diesem hohen Reflexionsniveau, das Prosaautoren dieser Generation selten erreichen (und auch nicht erreichen müssen, da die Verlage sich in der Prosa gerne auch mit etwas weniger begnügen), ist freilich auch ein poetologischer Vorsprung gegenüber der literarischen Öffentlichkeit einschließlich der Kritik entstanden. Nach jahrelanger Inkubationszeit treten nun die Endprodukte ans Licht.
Unbemerkt von den großen Verlagen, ist die neue Lyrik da, man kann sie sich in schön gestalteten Bänden ins Regal stellen - doch die kritische Auseinandersetzung hat noch kaum begonnen. „Meine Autoren werden in den nächsten Jahrzehnten einflußreiche Dichter werden“, hat Daniela Seel jüngst gesagt. Wer das vermessen findet, sollte zu lesen beginnen.