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Literatur Wer einmal mit dem Blechnapf warf

26.09.2005 ·  Es wird wieder rumgebrüllt in der deutschen Literatur. Jungs werden zusammengestaucht, gedrillt, gehetzt, zu Männern gemacht. Autoren entdecken ihre Militärzeit. Leander Haußmann hat gleich einen Roman darüber geschrieben.

Von Jan Brandt
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Es wird wieder rumgebrüllt in der deutschen Literatur. Jungs werden zusammengestaucht, gedrillt, gehetzt, geschoren, zu Männern gemacht. Sie kriechen durch Schlamm, schießen auf Scheiben, folgen unsinnigen Befehlen, wiederholen bis zum Umfallen Begrüßungsfloskeln und sehnen sich nach einem Leben in Freiheit.

Sven Regener, Jahrgang 1961, beschrieb im vergangenen Jahr in „Neue Vahr Süd“, wie der junge Frank Lehmann zum Bund muß, weil er zu blöd war, den Dienst zu verweigern, und wie er, hin und her gerissen zwischen Kaserne, Elternhaus und WG, schließlich doch verweigert, weil er sich nicht andauernd rechtfertigen möchte, warum er nicht verweigert hat. Johannes Jansen, Jahrgang 1966, veröffentlichte unter dem Titel „Liebling, mach Lack!“ seine eindrucksvollen geheimen Aufzeichnungen und Skizzen aus der Militärzeit, Jens Bisky, Jahrgang 1966, in „Geboren am 13. August“ seine Memoiren als homosexueller Unterleutnant. Und nun erscheint, gleichzeitig mit dem Film „NVA“, der gleichnamige Roman des als Regisseur von „Sonnenallee“ und „Herr Lehmann“ bekanntgewordenen Leander Haußmann, Jahrgang 1959.

Vermintes Gelände

Warum gerade jetzt dieses Thema? Die Wiederkehr des Verdrängten? Oder ist es ganz einfach die normale Prozedur des literarischen Erinnerns, wie sie Wilhelm Genazino beschrieben hat: „Das besondere Kennzeichen von Literatur ist ihre Nachträglichkeit. Immer wieder wird Vergangenheit mit gehörigem zeitlichem Abstand bearbeitet, denn nur Abstand bringt Distanz und Reflexion hervor. Literatur ist eben ein Modus der Geschichtsverarbeitung.“

Leander Haußmann leistete seinen Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee vom 1. November 1978 bis zum 30. April 1980 ab. Vor fünf Jahren schrie er Thomas Brussig die drei magischen Buchstaben „n, v, a“ auf den Anrufbeantworter: „Nur du kannst das schreiben.“ Was ihn nicht davon abgehalten hat, den Mikrokosmos NVA selbst dramatisch und literarisch auszuschlachten. Vom Westen aus betrachtet, von den Aussichtsplattformen an der innerdeutschen Grenze, erschien die DDR immer wie ein gigantischer Kasernenhof: Selbstschußanlagen, Panzersperren, Stacheldraht, vermintes Gelände, Militärfahrzeuge, Wachtürme und dazwischen uniformierte, schwerbewaffnete Sozialisten. Und irgendwo hinter diesem sogenannten „antifaschistischen Schutzwall“ mußte die nationale Grundausbildung stattfinden, die totale Mobilmachung eines Volkes.

Anfang einer Dienstfahrt

Im Mittelpunkt von „NVA“ steht der junge Henrik Heidler, „dieser zu jeder Soldatentätigkeit unfähige Bubi“. Er versucht, so normal wie möglich zu sein, sich anzupassen, nicht aufzufallen, um die achtzehn Monate möglichst reibungslos hinter sich zu bringen. Im Gegensatz zu Sven Regeners Herrn Lehmann hat er nicht verweigern können. Die einzige Möglichkeit, dem Dienst an der Waffe auszuweichen, hätte darin bestanden, Dienst am Spaten zu leisten. Und das wollte er nicht. Also muß er sich mit Oberst Kalt, Hauptmann Stummel, Hauptfeldwebel Futterknecht und seinem Schicksal als einfacher Soldat arrangieren.

Das Militär ist immer ein großartiges Milieu für die Literatur, voller emotional gepanzerter und darum schwer durchschaubarer Charaktere, voller aufgestauter Aggressionen, unterdrückter Gefühle, verschobener Pläne. Es ist reich an Konflikten und Kämpfen in einer streng hierarchisch gestuften Struktur aus Überwachen und Strafen. Und es ist Teil einer kollektiven Erfahrung.

Einst ein Genre für Revisionisten

Seit Mitte der fünfziger Jahre durchlief in Ost- und Westdeutschland der männliche Teil mehrerer Generationen diese geschlossene Parallelwelt. Angesichts der vielen Autoren, die ihren Dienst in der Bundeswehr oder der Nationalen Volksarmee geleistet haben, ist es erstaunlich, daß das Militär in der Literatur beider deutscher Staaten bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Heinrich Böll ließ 1966 in „Ende einer Dienstfahrt“ einen Kübelwagen der Bundeswehr in Flammen aufgehen, Hanns-Josef Ortheils „Fermer“ kehrte 1979 nicht mehr in die Kaserne zurück, und im gleichen Jahr beschrieb Jochen Schimmang in „Der schöne Vogel Phönix“, wie ein Mann namens Murnau in einer Garnisonsstadt am Jadebusen, fernab von West-Berlin, den Aufbruch der 68er verpaßt. Mehr war da nicht.

Vielleicht war das Gebiet, auf dem solche Geschichten gedeihen können, nach den beiden Weltkriegen zu lange ideologisch und moralisch vermint. Nach dem Ersten Weltkrieg dauerte es - von Ausnahmen wie Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ abgesehen - zehn Jahre, bis die ehemaligen Soldaten ihre traumatischen Erfahrungen verarbeiteten. „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque oder „Die Kadetten“ von Ernst von Salomon trafen auf ein gleichaltriges Publikum, das nach Büchern verlangte, in denen es seine eigenen Erfahrungen gespiegelt sah. Nach 1945 war es kaum anders. Die Leser suchten Trost und Bestätigung, verlangten nach Identifikationsfiguren und Alltagsschilderungen. Krieg und Nachkrieg drückten zwar einer ganzen literarischen Epoche ihren Stempel auf. Doch das Genre des Militärromans überließ die Gruppe 47 unverbesserlichen Revisionisten, die sich verpflichtet fühlten, die Ehre der Wehrmacht zu retten, und Trivialliteraten wie Hans Hellmut Kirst oder Heinz G. Konsalik.

Ein Laboratorium aus Mauern und Matsch

Mit Sven Regeners „Neue Vahr Süd“, spätestens aber mit Leander Haußmanns literarischem Debüt „NVA“ erlebt der Militärroman eine bescheidene Renaissance. Beide Romane gewähren Einblick in Männerbünde, die sich vierzig Jahre lang feindlich gegenüberstanden. Und sie zeigen, daß sich in dieser Parallelwelt, unabhängig vom politischen System, jahrhundertealte Umgangsformen und Rituale gehalten haben. Das Personal wird entweder mit Nachnamen oder Dienstgrad vorgestellt. Der Schauplatz ist ein Laboratorium aus Mauern und Matsch, in dem der Held, ein einfacher Soldat wie Heidler in „NVA“, Rückschläge hinnehmen muß, bevor er seinem Vorgesetzten auf Augenhöhe gegenübertreten kann.

An dieses Muster hält sich auch Haußmanns Roman. Die Kaserne, die Uniformen und Kalaschnikows, all das ist bei ihm aber nur Kulisse und Kostümierung, um einen großen Klamauk zu inszenieren. Ein Soldat klebt sich ein Kaugummi hinters Ohr und soll wegen des Verdachts auf einen bösartigen Tumor operiert werden, Oberfähnrich Lenk und Leutnant Laucke tragen heimlich Damenslips mit Leopardenmuster, und der Truppenübungsplatz wird von einem amerikanischen Raumschiff aus dem All beobachtet.

Im Osten nichts Neues

Heidler selbst erlebt dagegen nichts Neues: Appelle, Schikanen, sein erstes Mal - was man halt von einer Coming-of-age-Geschichte erwartet, die in diesem Milieu spielt. In einem Interview hat Haußmann gesagt, er habe eine „romantische Komödie im Stil des Briefromans aus dem 19. Jahrhundert“ schreiben wollen. Doch der Stil entspricht weder einem Briefroman aus dem 19. Jahrhundert, was angesichts des Gegenstandes auch ziemlich deplaziert gewirkt hätte, noch handelt es sich um eine romantische Komödie. „NVA“ ist, was man eine Militärklamotte nennt: flach und flapsig, voller derber Männersprüche und sprechender Namen, erzählt in beliebig aneinandergereihten Anekdoten und einer abwechslungsarmen Drehbuchhauptsatzprosa.

Wo Regener präzise und anschaulich lustige wie traurige Momente einfängt, wo er durch den ständigen Schauplatzwechsel zwischen zivilem und militärischem Leben Reibung und Spannung erzeugt, ist Haußmann ungenau und langweilig. Das größte Problem ist, daß die Figuren oberflächlich und seltsam leblos wirken. Sie haben keine Interessen und keine Träume, sie stoßen auf keine Widerstände, und sobald es zum Knall kommen könnte, wird alles in Watte gepackt.

Bei Haußmann scheint Distanz und Reflexion so weit fortgeschritten zu sein, daß sie jedes Gefühl abgeschwächt haben. Das Potential, das in dem Thema steckt, hat er jedenfalls nicht ausgeschöpft. Der Frust, der durch das Beharren auf Individualität in Zeiten größtmöglicher Anpassung entsteht, und die aus den ins Leere laufenden Befehlen resultierende Komik, all das ist in „NVA“ kaum zu spüren. Daß einer selbst dabeigewesen ist, reicht oft eben nicht aus, um daraus einen guten Roman zu machen.

Leander Haußmann: NVA. Roman. Kiepenheuer & Witsch Köln 2005, 230 Seiten, 8,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.09.2005, Nr. 38 / Seite 30
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