Home
http://www.faz.net/-gr0-oa7v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Literatur Vom „Wir“ zum „Ich“: Johannes Paul II. als Autor

15.10.2003 ·  Fünfundzwanzig Jahre Johannes Paul II. sind auch fünfundzwanzig Jahre einer eigentümlichen Autorschaft. Die Texte des Papstes sind die vermutlich unbekannteste Seite seines Wirkens geblieben.

Von Mark Siemons
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Fünfundzwanzig Jahre Johannes Paul II. sind auch fünfundzwanzig Jahre einer eigentümlichen Autorschaft. Bis zu dem Tag, als er zum Papst gewählt wurde, hat Karol Wojtyla Theaterstücke, Gedichte und philosophische Bücher wie jedermann geschrieben, also im eigenen Namen. Seit dem 16. Oktober 1978 aber schrieb er fast nur noch als oberster Texter des "ordentlichen Lehramts", wie es in der katholischen Sprachregelung heißt: In dieser Eigenschaft verfaßte er vierzehn Enzykliken und 38 "apostolische Schreiben".

Vermutlich lag es an dem Geruch von Bürokratie, Dogmatismus und Direktive, der diese Art Rollenprosa naturgemäß umgibt, daß die Texte des Papstes die vermutlich unbekannteste Seite seines Wirkens geblieben sind. Wie einstmals die Kreml-Dokumente wird jede neue Enzyklika bei ihrem Erscheinen lediglich auf die in oder zwischen den Zeilen enthaltenen Abweichungen vom Status quo hin abgeklopft, auf ihre politischen oder kirchenpolitischen Implikationen. Danach verschwinden die Texte im Archiv, wo sie bei der Deutschen Bischofskonferenz oder im Internet (www.vatican.va) zwar abrufbar sind, aber keinerlei Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung mehr spielen.

Verlautbarungen

Selbst in den Kirchengemeinden ist von den Schriften des obersten Dienstherrn gemeinhin nichts zu erfahren; weder werden sie dort zum Verkauf angeboten noch in Predigten auch nur erwähnt. Man nimmt sie anscheinend bloß als Verlautbarungen eines Apparats und dessen Herrschaftsanspruchs, der sich aus legitimatorischen Gründen immer bloß selbst zitieren und daher im Kreise drehen kann. Dazu trägt gewiß bei, daß die Dokumente, gelinde gesagt, nicht eben sprachmächtigen Übersetzern ins Deutsche anvertraut werden.

So konnte man leicht übersehen, daß Johannes Paul II. der literarischen Gattung "Enzyklika" einen deutlich anderen Akzent gegeben hat. Daß er das päpstliche "Wir" durch ein wojtylaeskes "Ich" ersetzte, war nur der äußerlich auffälligste Ausdruck dieses Wandels. Dahinter steht die systematische Einbeziehung der Subjektivität in die autoritative kirchliche Verkündigung. Das "Ich", das da spricht, kommt nicht nur als Verfasserangabe, sondern mit seiner biographischen Erfahrung zur Geltung. Die polnische Jugend im Krieg, das Wirken als Bischof in einem kommunistischen Land, verschiedene Begegnungen als römischer Würdenträger fließen immer wieder in die theologischen Argumentationen ein.

Ratlose Öffentlichkeit

Vor allem aber schreibt Johannes Paul II. über den Glauben selbst als individuelle Erfahrungstatsache - und dies um so ausdrücklicher, je mehr sich der Gegenstand nur einer innerchristlichen Perspektive erschließt. Die Öffentlichkeit hat etwas ratlos reagiert, als vor genau einem Jahr eine Enzyklika über den Rosenkranz herauskam, so als hätten Welt und Kirche keine anderen Probleme. Tatsächlich zählt aber ausgerechnet dieses Schreiben zusammen mit der jüngsten Enzyklika über die Eucharistie zu den wohl persönlichsten Texten dieses Pontifikats. Mit größter Ernsthaftigkeit vertieft sich der Autor in die "freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnisse" dieses Gebets hinein, denen er dann auch noch "lichtreiche" hinzufügt. Was von außen als Marotte erscheinen mag, erweist sich zugleich als klarster Ausdruck dessen, daß da eben kein Funktionär eines Regelsystems spricht, sondern jemand, der sich das, worüber er predigt, selber erst in persönlicher Betrachtung anzueignen sucht. Die immer wiederkehrende Formel: "Die Augen auf das Antlitz Christi gerichtet halten" erscheint als Bedingung dafür, den ganzen theologischen und moralischen Ableitungen des Christentums etwas abzugewinnen, was nicht bloß Konvention ist. Die Subjektivität ist nicht bloß eine Vermittlungsstrategie; sie konstitutiert in gewisser Weise erst den Gegenstand.

Dieser Papst ist, mit anderen Worten, ein "geistlicher Autor" in nicht geringerem Maß, als es etwa der Dalai Lama ist. Anders indessen als die Tausenderschar spiritueller Ratgeber, die auch im katholischen Raum Konjunktur haben, argumentiert Johannes Paul II. meist ohne Psychologie: Spiritualität ist bei ihm kein Konsum tröstlicher Sentimente. Der Gegenpol, der seiner Subjektivität Kontur gibt, ist vielmehr - wie bei einem Papst auch nicht überraschend - die "Tradition". Originell jedoch ist wiederum die kosmische, die gesamte Geschichte und Schöpfung umspannende Perspektive, in die diese Tradition gestellt wird. Gerade hat er noch geschildert, an welchen Gebirgspfaden, Seeufern, Meeresküsten er überall schon die Messe gefeiert hat, um dann herauszustreichen, daß er an eben diesen Orten deren "universalen und sozusagen kosmischen Charakter" erfahren habe. Und um im nächsten Satz dann noch zu betonen: "Ja, kosmisch!"

Es gibt nicht viele Autoren, die qua Amt aus einem solchen Blickwinkel schreiben könnten, mit dieser eigenartigen Verbindung von Verkündigung und Individualität, Menschheitsgeschichte und persönlicher Biographie. Nach eigenem Selbstverständnis gibt es streng genommen nur einen, eben den Papst. Aber vor Johannes Paul II. hat noch kein Amtsinhaber von einem Autoren-Ich dieser Art Gebrauch gemacht, das irritiert und dann auch wieder ganz natürlich wirkt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2003, Nr. 240 / Seite 41
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

Jüngste Beiträge