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Literatur : Volle Kassen

  • -Aktualisiert am

Umstrittenes Projekt: Gunther Nickel Bild: picture-alliance / dpa

Niemand verfügt über größere Mittel zur Literaturförderung als der Deutsche Literaturfonds. Jetzt droht der einflußreichen Institution ein Skandal. Es geht um die Sondernummer einer Zeitschrift.

          Normalerweise hört man nicht viel über die Arbeit des Deutschen Literaturfonds in Darmstadt. Halbjährlich wird bekanntgegeben, welche Autoren, Seminare und Projekte die Institution fördern will; welche Anträge abgelehnt wurden und weshalb, wird nicht öffentlich gemacht. Auf diese Weise hat der Literaturfonds in den vergangenen 26 Jahren in aller Stille viel Geld unters Literaturvolk gebracht; derzeit verfügt man über einen Bundesbatzen von einer Million Euro jährlich.

          Nur einmal, 1988, löste die Einrichtung heftige Kritik aus mit der Idee, die über die Jahre - in Ermangelung förderungswürdiger Manuskripte deutschsprachiger Autoren - gebildeten Rücklagen für die Gründung einer eigenen Zeitschrift namens „Phoenix“ zu verwenden. Das Ansinnen, mit staatlichen Mitteln den ohnehin ums Überleben kämpfenden Literaturzeitschriften Konkurrenz zu machen, wurde scharf verurteilt. „Phoenix“ versank in der Asche der flammenden Protestschreiben.

          Überfällige Debatte

          Jetzt löst ein Vorhaben des Deutschen Literaturfonds erneut wutschäumende Post aus. Ulrich Janetzki, Leiter des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB), wirft Gunther Nickel, beim Deutschen Literaturfonds für Gutachten und Projekte zuständig, in einem offenen Brief „Selbstbedienung“ vor und beschuldigt ihn, zuvörderst solche Projekte zu unterstützen, an denen er selbst als Dozent, Herausgeber oder Autor beteiligt ist. Wenngleich Nickel im Gespräch darauf hinweist, daß es zu seiner Aufgabe gehört, an vom Fonds geförderten Veranstaltungen teilzunehmen, um deren Qualität zu überprüfen (wofür er „nicht einen Cent extra“ bekommt), sorgt Janetzkis Anwurf doch für die Personalisierung einer überfälligen Debatte über die Strukturen der Literaturförderung in Deutschland.

          Den eigentlichen Grund für Janetzkis Ärger mag mancher darin sehen, daß der Fonds keine Förderung für die vom LCB herausgegebene Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“ bewilligt hat. Er sei „nicht beleidigt“ wegen der Absage, sagt Janetzki, sondern ihn empört ein anderer Posten. Neben den 726.795 Euro, die der Literaturfonds soeben für diverse literarische Projekte bewilligt hat - darunter Arbeitsstipendien für sechzehn Autoren, von Marcel Beyer bis Joseph Zoderer; Förderung für drei Ausgaben der Literaturzeitschrift „BELLA triste“; Beihilfe zur Registrierung und Digitalisierung der Zeitschrift „Weltbühne“; Unterstützung des Instituts für Textkritik bei der Edition der Brecht-Notizbücher -, hat man 300.000 Euro bereitgestellt für eine Kooperation mit der Literaturzeitschrift „Volltext“.

          Werbung für die Gegenwartsliteratur

          Es handelt sich um ein Projekt, das Gunther Nickel seit Monaten mit großem persönlichen Engagement verfolgt, das jedoch erst auf der letzten Sitzung des Kuratoriums am vergangenen Montag endgültig abgesegnet wurde. Um „neue Wege der Förderung deutschsprachiger Gegenwartsliteratur zu erproben“, will man mit einer einmaligen „Volltext“-Sondernummer „bei einer breiten Öffentlichkeit mit literarischen Texten für die Gegenwartsliteratur werben“. „Volltext“ stellt dem Literaturfonds dabei gewissermaßen die nötige Infrastruktur zur Verfügung; Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, und Florian Kessler, Herausgeber von „BELLA triste“, haben ihre Mitarbeit ebenso zugesagt wie die Autoren Daniel Kehlmann, Arno Geiger und Norbert Gstrein.

          Die Sonderausgabe soll zur Frankfurter Buchmesse in einer Auflage von einer Million Exemplaren erscheinen und kostenlos über den Buchhandel, Bibliotheken und Schulen im deutschsprachigen Raum verteilt werden. Vierzig Seiten mit Vorabdrucken, Autorenporträts und Interviews soll das Blatt umfassen; ausdrücklich keine Rezensionen. Insbesondere die Ankündigung, die Sonderausgabe solle „flankierend zum Deutschen Buchpreis“ belletristische Novitäten vorstellen, erregt die Gemüter. In der Tat braucht der Buchpreis, der unter anderem mit dem „Spiegel“, dem ZDF und dem Börsenverein kooperiert, gewiß keine öffentlich subventionierte Aufmerksamkeit.

          Ein Publikum schaffen

          Man wolle „mit Literatur für Literatur“ werben, sagt Nickel. Angesichts der „dramatischen Situation im Bildungsbereich“, in Zeiten, da die Auflagen anspruchsvoller Titel sinken und die Leselust zumal unter Jugendlichen erst geweckt werden muß, müsse sich der Literaturfonds wieder mehr auf seine Aufgabe besinnen, „eine lebendige und vielfältige literarische Öffentlichkeit zu sichern“, also ein Publikum zu schaffen für all die Literaturzeitschriften, Romane, Übersetzungen und Editionen, deren Förderung er sich verschrieben hat.

          Da man auf keinen Fall bereits bestehenden Institutionen mit einem eigenen Produkt Konkurrenz machen wolle - siehe „Phoenix“ -, sei man vom Kooperationsvorschlag von „Volltext“ erfreut gewesen, sagt Nickel. Was die veranschlagte Summe angeht, so hoffe man, durch Anzeigen und Sponsoren deutlich weniger ausgeben zu müssen. Um die Vielfalt der deutschen Gegenwartsliteratur abzubilden, hat Nickel andere Literaturzeitschriften, literarische Verbände und Einrichtungen eingeladen, sich und ihre Arbeit im Heft vorzustellen.

          „Geradezu obszön“

          Das Netzwerk der Literaturhäuser indes hat dies bereits abgelehnt. Ernest Wichner, Leiter des Literaturhauses Berlin, hält es „geradezu für obszön“, eine einzige Zeitschrift mit 300.000 Euro zu fördern, „wenn andere, die sich seit vielen Jahren engagiert um die Gegenwartsliteratur kümmern, Autoren und Übersetzern kein Honorar zahlen können“. Ein Beispiel: Die Literaturzeitschrift „Am Erker“ fürchtet wegen 2500 fehlenden Euro um ihr Leben. Auch Maria Gazzetti vom Frankfurter Literaturhaus versteht nicht, warum „ein solches Werbeblättchen“ die geldwerte Unterstützung des Literaturfonds bekommt: „Wir sind doch nicht bei ,BahnMobil'!“

          Nickel könnte sich übrigens durchaus vorstellen, die „Volltext“-Sonderausgabe zusammen mit „DB Mobil“ in den Zügen zu verteilen. Während Ulrich Janetzki die Förderung als „einen beispiellosen Akt von Selbstbedienung“ geißelt, da Gunther Nickel seit Jahren „Mitarbeiter bei ,Volltext'“ sei, weist Chefredakteur Thomas Keul darauf hin, daß Nickel lediglich in sieben von bisher 23 Ausgaben Beiträge veröffentlicht hat - wie man Nickels vielfältige literaturwissenschaftliche Produktion überhaupt in vielen Zeitungen nachlesen kann.

          Klima der Angst

          Die heftige Attacke von Janetzki hat Nickels Kritikern, von denen es nicht wenige gibt, Tür und Tor geöffnet. Viele sprechen von einem „Klima der Angst“, das Nickel verbreite: Da er die eingehenden Anträge und Gutachten zu prüfen hat, aber zugleich eigene Initiativen anregen kann, habe er eine beispiellose Machtstellung. Nickels Antwort auf die Erklärung des Literaturhaus-Netzwerkes, man überlege, eventuell eine eigene Publikation herauszubringen, und wolle sich daher nicht bei „Volltext“ beteiligen, war deutlich: „Daß die Literaturhäuser eine Kooperation ausschlagen und nun statt dessen eine eigene Zeitschrift gründen wollen, ist eine schlechte Voraussetzung, um beim Literaturfonds Geld zu bekommen. Prima vista werde ich vehement dagegen votieren, schon ganz einfach aus dem Grund, daß ich Kooperationen für einen Königsweg halte... Wenn die Literaturhäuser bestehende ,Kanäle' nicht nutzen, sondern lieber ihr eigenes Süppchen kochen wollen, ist das in meinen Augen ein schwerer Fehler.“ Daß die Seminarreihe „Textwerk“ am Literaturhaus München, die über Jahre vom Literaturfonds gefördert wurde, nicht mehr zu den Begünstigten gehört, versteht man dort auch als Antwort auf die Kritik am „Volltext“-Projekt.

          Doch nicht nur Kritiker melden sich zu Wort, sondern auch Verteidiger. Daniel Kehlmann bezeichnet Nickel als einen der „unzynischsten“ Menschen, der ihm im Literaturbetrieb begegnet sei, und preist dessen Engagement und „pädogischen Eros“. Als Literaturwissenschaftler von Rang sei Nickel eben kein Funktionär, sondern vertrete klare inhaltliche Urteile. Jede Form von staatlicher Förderung sei letztlich eine Einmischung. Und Joachim Feldmann („Am Erker“), Florian Kessler („BELLA triste“) und Marcus Diel („Kritische Ausgabe“), allesamt auf die ein oder andere Weise Begünstigte des Literaturfonds, schreiben in einem offenen Brief: „Durch Gunther Nickels integre Tätigkeit als Lektor und Gesprächspartner wird beim Literaturfonds nicht wahllos, sondern profiliert gefördert. Versuche, diesen Verdienst kleinzureden, sind in unseren Augen ehrenrührig.“

          Janetzkis Vorwurf der „Selbstbedienung“ wird von den zuständigen Gremien des Literaturfonds zu prüfen sein. Daß eine 300.000 Euro teure, einmalige Sondernummer mit einer Million Exemplaren die österreichische Literaturzeitschrift „Volltext“ mehr fördert als die deutschsprachige Literatur, liegt schon heute auf der Hand.

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