12.10.2006 · Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wollte eigentlich Maler werden. Doch er wurde Dichter - einer, in dem sich die Gegensätze zwischen der Türkei und Europa berühren. Über den Schriftsteller und sein Werk.
Von Hubert SpiegelGut, daß er nicht geworden ist, wovon er lange Zeit geträumt hat. Denn Orhan Pamuk, der als erster türkischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur erhält, wollte eigentlich Maler werden. Daß der Sohn einer Istanbuler Unternehmerfamilie sich während des Architekturstudiums der Schriftstellerei zuwandte, war sein Glück und das der Literatur: Mit Orhan Pamuk hat die Akademie in Stockholm ihre klügste Entscheidung seit Jahren getroffen.
Pamuk ist nicht nur die bedeutendste zeitgenössische literarische Stimme der Türkei, sondern einer der wenigen Repräsentanten des türkischen Kulturlebens, die international wahrgenommen werden. Seine Bücher, bislang sieben Romane und zwei Essaybände, sind bis heute in etwa fünfunddreißig Sprachen übersetzt worden. Selbst in den Vereinigten Staaten, wo das Interesse an türkischen Autoren denkbar gering sein dürfte, hat sich Pamuk einen Namen machen können.
Da liegt der Verdacht nahe, wir hätten es bei den Werken dieses Autors mit stromlinienförmigen Produkten des globalisierten Literaturbetriebs zu tun, die vor allem jene Wünsche nach Unterhaltung und Spannung erfüllen, die alle Leser dieser Welt gemeinsam haben. Aber das Gegenteil ist der Fall: Orhan Pamuks Kunst ist fest in der Türkei verwurzelt, seine Bücher spielen etwa im Istanbul des ausgehenden sechzehnten Jahrhunderts (“Rot ist mein Name“; dt. 2001), oder in einer ostanatolischen Kleinstadt gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts.
Treffen säkularer und religiöser Kräfte
Sie erinnern an die große islamische Kunst der Buchmalerei, die aus dem religiösen Bilderverbot entstanden ist, und beschreiben die moderne türkische Gesellschaft mit all ihren ethnischen, ideologischen und religiösen Spannungen und Widersprüchen aus der Sicht eines Westlers, eines Türken also, der lange Jahre in Deutschland gelebt hat, und nun in eine verarmte Grenzstadt zurückkehrt, um dort der mittelständischen Armut seiner Kindheit wiederzubegegnen.
Pamuks Werk ist zwar fest in Geschichte und Gegenwart der Türkei verwurzelt, aber sie hat weder in dieser noch in jener einen festen Standort. Das hat dem Autor in der öffentlichen Debatte gelegentlich Schwierigkeiten bereitet, dem Romancier aber unendlich genutzt. Denn während der politische Kommentator, zu dem Pamuk mit wachsender Berühmtheit zwangsläufig auch werden mußte, sich immer wieder zu eindeutigen Stellungnahmen gezwungen sah, etwa in der politisch so heiklen Frage des türkischen Massenmordes an den Armeniern, liebt der Künstler das Vieldeutige und das gleichberechtigte Nebeinander des nicht zu Vereinbarenden.
In seinem jüngsten Roman „Schnee“ läßt Pamuk säkulare und religiöse Kräfte wie zu Atatürks Zeiten aufeinander treffen. Enttäuschte Linke, revolutionäre Islamisten und kurdische Nationalisten bespielen die Kleinstadtbühne, während im Hintergrund Polizei, Militär und Geheimdienste die Fäden ziehen. Die Reportage, die der aus Frankfurt angereiste Dichter Ka über die geheimnisvollen Selbstmorde der „Kopftuchmädchen“ schreiben soll, wächst sich aus zu einem Tableau, das allen Beteiligten Gerechtigkeit widerfahren läßt. Der Dichter Ka hört zu, bezieht aber nie Stellung.
Der Roman als ideales Medium
Am Ende wird er zwischen den Fronten zerrieben. Es ist gewiß kein Selbstporträt, daß Orhan Pamuk mit dem unglücklichen, zerissenen, vom „Hüzün“, der türkischen Spielart der Melancholie, geplagten Ka vorgelegt hat. Aber der Gefahr, im Westen für den Repräsentanten der Türkei, in der Heimat jedoch für einen Agenten des Westens gehalten zu werden, kann auch Pamuk nicht entfliehen.
In seinen Büchern hält er dieses Dilemma nicht nur aus, sondern stürzt sich geradezu lustvoll in es hinein: Immer wieder und kreuz und quer durch die Jahrhunderte läßt er sich vom Wechselspiel der Kulturen und Traditionen faszinieren. Wenn Pamuk, der sich im Gespräch mit dieser Zeitung einen Hang zum Eskapismus attestiert hat, ein Mittler zwischen den Kulturen ist, dann jedenfalls ein Mittler ganz eigener Art. Ihn interessieren weniger die so oft wohlfeil beschworenen Gemeinsamkeiten zwischen westlicher und islamischer Welt, als vielmehr jene Punkte, an denen die Gegensätze einander berühren. An diesen Punkten setzen seine Romane an, aus ihnen entfaltet Pamuk ein ungeheuer vielschichtiges, anspielungsreiches, nicht immer leicht zu verfolgendes Geschehen.
Im Genre des Romans hat er dafür das ideale Medium gefunden. In „Das neue Leben“ läßt Pamuk seinen Erzähler den Roman als „größte Erfindung der westlichen Welt“ feiern. Im Gespräch mit dieser Zeitung beklagte er jedoch, daß der Westen noch immer versuche, die Perspektive dieser Kunstform zu bestimmen: „Bis vor kurzem war die westliche Welt an Romanen über Menschen außerhalb des Westens nur interessiert, wenn diese Menschen als ihre Opfer dargestellt wurden“, sagte der Schriftsteller, als ihm im Juli des vergangenen Jahres ein anderer wichtiger Preis zugesprochen wurde.
Pamuk ist kein Diplomat
Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels kam damals wie gerufen, denn Pamuks Situation in der Türkei war mehr als schwierig geworden, nachdem er an eines der größten Tabus der türkischen Öffentlichkeit gerührt hatte. Pamuk hatte damals erklärt, daß die Türkei sich endlich offen mit den an den Armeniern verübten Untaten beschäftigen müsse. Was im Westen eine Selbstverständlichkeit ist, rief in seiner Heimatstadt Istanbul nicht nur Demonstranten, sondern auch den Staatsanwalt auf den Plan. Es drohte eine Gefängnisstrafe wegen „Verunglimpfung des Türkentums“.
Damals gingen Bilder von einem Dichter durch die Medien, der sich nur unter Polizeischutz dem Gerichtsgebäude nähern konnte. Das Verfahren wurde niedergeschlagen, aber nach wie vor ist die freie Meinungsäußerung in der Türkei nicht gesichert. Pamuk hat sich mehrfach, auch in dieser Zeitung, für die Aufnahme seines Heimatlandes in die Europäische Gemeinschaft ausgesprochen und diese Haltung in seiner Paulskirchenrede bekräftigt: So wie er sich keine Türkei vorstellen könne, die nicht von Europa träume, so glaube er auch nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiere. Deshalb warne er davor, das „Friedensangebot“ seiner Heimat auszuschlagen.
Orhan Pamuk, der Sproß einer Familie, die ihr Geld mit der Eisenbahn, also mit der Modernisierung des Landes, verdient hat, der mehrere Jahre in New York lebte und nun als Nobelpreisträger noch mehr Leser in aller Welt erreichen wird, der von sich sagt, daß er der westlichen Moderne in Haßliebe verbunden sei und sich in die osmanisch-türkisch-islamsiche Kultur flüchte wie in einen sicheren Hafen, dieser Autor ist wie kein zweiter geeignet, zwischen dem Westen und seiner türkischen Heimat zu vermitteln. Der Nobelpreis wird ihm dabei von größtem Nutzen sein.
Aber Pamuk ist kein Diplomat, sondern ein Künstler, der den Roman definiert hat als Medium der „Möglichkeit, sich in andere hineinzuversetzen“. Dieser Satz beschreibt, was Orhan Pamuk mit Vorliebe tut. Deshalb weiß er genau, auf welche Weise nun nicht wenige seiner Landsleute die Hände nach ihm ausstrecken werden. Mit der Linken werden sie dem ruhmreichen ersten Nobelpreisträger der Türkei jubelnd zuwinken, mit der zur Faust geballten Rechten werden sie dem Westler zornig drohen.