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Literatur Neues Deutschland

11.04.2005 ·  Die Sehnsucht nach Pathos und heiligem Ernst: Der Schriftsteller Uwe Tellkamp will keinen Spaß verstehen. Doch der Bachmann-Preisträger ist nur ein blasser Luftrevolutionär, der Klischees und Worthülsen verbreitet.

Von Volker Weidermann
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Wie haben sie alle auf diesen Mann gewartet. Seit Jahren sehnen sich die Feuilletons, die Literaturzeitschriften, die Kritiker nach einem neuen Geist. Dem Geist der neuen Ernsthaftigkeit.

Seitdem in Amerika die Türme stürzten, seit der großen Wirtschaftskrise, seit Rekordarbeitslosigkeit und immer weiter anschwellenden Reformstauklagen wird er beschworen, und je mehr er beschworen wird, um so größer wird der Ärger, daß trotzdem überall immer noch die Witzchen sprießen, daß die neuen Bücher den neuen Geist partout nicht aufnehmen wollen, daß die Ironie ironisch bleibt und siegt und siegt und siegt.

Und dann ist also, im letzten Sommer in Klagenfurt, dieser Mann erschienen, und neulich hat er seinen ersten Roman veröffentlicht, einen Roman, wie man ihn lange nicht gelesen hat. Uwe Tellkamp, Jahrgang 1968, Panzerfahrer in Dresden 1989, der den Befehl verweigerte, als es galt, auszurücken gegen die Demonstranten, und der nicht ausrückte, weil er wußte, daß sein kleiner Bruder unter den Demonstranten war. Der daraufhin inhaftiert wurde für zwei Wochen, die Schulterklappen abgeben mußte und kurze Zeit später auch den Studienplatz in Medizin.

Der Lichteinfall auf die Rose

Der von sich selbst erzählt, daß er am 16. Oktober 1985, fasziniert vom flutenden Sonnenlicht im elterlichen Garten und dem Lichteinfall auf eine Rose, sein erstes Gedicht geschrieben habe. Der heute als Chirurg arbeitet, jedes Jahr innerhalb von zwei Augustwochen 500 bis 600 Verse eines Seefahrerepos in der Nachfolge Homers schreibt und zwischendurch immer wieder Prosatexte auf Treppenstufen und im Keller.

Der sich selbst als „Librettisten Wagners“ bezeichnet. Der Ausschnitte aus seinem Riesengedicht gerne mit geschlossenen Augen und energischem Pathos deklamiert und der, als er im letzten Sommer in Klagenfurt im Trachtenjanker den Bachmann-Preis gewann, die Siegerfaust in die Höhe riß und seiner Ehefrau dankte, während die Juryvorsitzende jubelte: „Ich glaube, wir haben einen großen Autor entdeckt.“

Begeisterung und Entsetzen

Und vor einem Monat ist also sein neues Buch erschienen. „Der Eisvogel“. Einige Kritiker waren begeistert. Einige entsetzt. Einige sagten: Was für ein großartiger Autor und was für ein schauderhaftes Buch.

Es ist ein Revolutionsroman von rechts. Ein Buch voller Pathos. Und Ernsthaftigkeit. Und ohne Ironie. Ein Buch, in dem es um alles geht. Um einen Mord unter Freunden. Um das Deutschland von heute. Um eine radikale gesellschaftliche Wende, um das Ende der Demokratie. Um die Sehnsucht nach einer neuen Elite. Sehnsucht nach einem Krieg. Sehnsucht nach einer neuen Kunst. Nach Pathos. Nach einer neuen Literatur. Nach einem ganz neuen Leben.

Zwei junge Männer stehen im Zentrum des Romans. Der arbeitslose Philosoph Wiggo Ritter, voller Ressentiments gegen einen Professor, der ihn wegen rechter Tendenzen vom Institut geworfen hat, und gegen die Gesellschaft, die ihn nicht braucht. Er sagt: „Ich hasse meine Zeit. Ich hasse sie, weil sie Leute wie mich haßt. Vielleicht greife ich, pathetisch, wie ich bin, viel zu hoch; vielleicht sind Leute wie ich ihr einfach nur gleichgültig. Ich habe das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Ich bin ein musischer Mensch. Ich glaube, es ist kein Platz mehr für musische Menschen.“

Sich selbst bedauernd und betrauernd

So würde er sein Leben lang dahintrauern, mit blassem Gesicht und großen Worten die Welt zerdenken, von seinem Vater, dem lebensmächtigen, reichen Banker und Frauenfreund, von Herzen verachtet, sich selbst bedauernd und betrauernd. Ein trauriges Leben. Einsam. Doch da kommt der gleichaltrige Mauritz Kaltmeister ins Spiel. Mauritz verachtet die deutsche Gegenwart ebenso wie Wiggo.

Doch Mauritz will nicht ewig trauern. Mauritz will zur Tat schreiten. Er wird Mitglied in der politischen Organisation „Wiedergeburt“, gründet deren militärischen Arm „Cassiopeia“ und will in der Gesellschaft Angst durch Terror verbreiten. Oder noch viel lieber: „Krieg: Die geistig Tätigen brauchen ihn, denn dann wird ihre Stimme wieder Gewicht haben, wieder gehört werden im Ozean der Meinungen, nachdem sie zur Bedeutungslosigkeit verkommen sind nach dem Fall der Ideologien.“

So hat lange keiner gesprochen

- Doch; man muß sagen, so hat in einem deutschen Roman schon lange keiner mehr gesprochen. Und abgesehen davon, daß man mit einigem Recht bezweifeln kann, daß „die Stimme der geistig Tätigen“ in einem Krieg plötzlich Gewicht haben wird, ist dieses Zitat des Tatmenschen Mauritz Kaltmeister nur eines von ungezählten, mit denen dieser Roman vollgestopft ist: „Diese Gesellschaft wird ihre Verkrustungen erst dann aufbrechen, wenn sie das Sterben wieder lernt.“ - „Verbrennt die Bibel! Schlagt Jesus ein zweites Mal ans Kreuz!“ - „Die Demokratie ist die Gesellschaftsordnung des Mittelmaßes, des Geschwätzes und der Unfähigkeit, aus dem Geschwätz fruchtbares Handeln werden zu lassen ...“ - „Die Menschen sind zerstört von Demokratie!“ - „Die Menschen sind krank von Demokratie!“ - „Frauen denken nur mit dem Uterus.“ - „Das Land wartet auf eine alles hinwegfegende Explosion.“ Und so weiter und so weiter.

Das geht gut dreihundert Seiten so, und im Roman findet sich keiner, der all dem Sermon widerspricht. Die Mitglieder der Organisation „Wiedergeburt“, ein Bischof, ein Staatssekretär, ein Altachtundsechziger, der heute Schnapsfabrikant ist, reden auch nur davon, daß sie „E-mails hassen“, daß „Kino Opium fürs Volk“ sei, im Radio nur „Ohren-Junkfood“ komme und das Fernsehen ein „Teufelsgerät“ sei, „ein moderner Altar, den der Satan gestiftet“ habe, daß „das Übel an der Wurzel gepackt“ und „der gordische Knoten zerschlagen“ werden müsse.

Die Gesellschaft vernichten

Und damit der Leser diese schreckliche Versammlung aber nicht etwa für Nazis hält, wird zwischendurch erklärt, daß sie nichts gegen Juden haben, daß sie zum Gruß die Faust vorstrecken und nicht die flache Hand und daß sie, wenn auch mit nur halbgutem Gefühl, vom Deutschlandlied die dritte Strophe singen und nicht die erste. So kann auch der blasse Denker Wiggo sich den revolutionären Argumenten der Wiedergeburtler nicht lange verschließen und erklärt: „Ich wählte die Gewalt, um die Gesellschaft, die mir die Luft nimmt, zu vernichten.“

Er vernichtet allerdings nur seinen Freund Mauritz. Er erschießt ihn. Die Schüsse, „flach und scharf“, stehen am Anfang des Romans. Alles, was folgt, sind Zeugenaussagen, Erinnerungen, Zeugenaussagen vor Gericht. Anklagereden gegen Deutschland. Gegen die Gesellschaft.

Nichts entgegenzusetzen

Wie gesagt, es gibt niemanden in diesem Roman, der all diesen Terrorschaumschwadroneuren mal etwas entgegenzusetzen hätte. Und keinen Autor, der mal ein kleines Ironiezeichen setzt. Im Gegenteil. Alles heiliger Ernst. Der Autor unternimmt sogar alles, den entschlossenen Kriegsfreund Mauritz als sympathischen Tatmenschen erscheinen zu lassen. Wie macht man das in diesen Tagen am billigsten? Richtig: Ausländer werden in einer U-Bahn von Skinheads angegriffen. Alle schauen weg. Nur unser Mauritz verteidigt sie mit einer mutigen Tat. Und wird dafür auch noch von der Polizei verfolgt. Ein verrottetes Land. Reif für den Untergang.

Was ist das für ein Buch? Was ist das für ein Mann?

Auf der Leipziger Buchmesse sitzt er vor einer grünen Wand auf einem Podium und erklärt, wie nah ihm diese Figur Wiggo beim Schreiben gewesen sei. Beunruhigend nah. Und ihm immer näher kam und er sich distanzieren mußte, innerlich. Er sagt: „Was mich interessiert, ist Politik.“ Er lese häufig Parlamentsdebatten nach. „Ich lese das exzessiv.“ Er spricht von Pathos und daß ein Roman ohne Melodramatik eine Totgeburt sei und daß allen Ironikern ihre Ironie vergehen würde, wenn sie einmal in einer Notaufnahme im Krankenhaus arbeiten müßten, und es kämen drei Schwerstverletzte, und sie müßten sich entscheiden, wen sie retten. „Da vergeht ihnen die Ironie.“

Rings um uns brennt es

Er spricht von „schmelzenden Gewißheiten“, von „Kriechströmen“, die er wahrnehme auf Partys, auf der Straße. Daß es einen großen Unterschied gebe zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung. Er sagt: „Ich sehe, daß es rings um uns brennt“, er fragt: „Wie soll das hier weitergehen?“ und sagt über das Thema seines Romans: „Ich hatte das Gefühl, das treibt alle um, die jungen Leute.“ - „Und diese Terrororganisation, die ist doch aber ausgedacht?“ fragt der Moderator etwas beunruhigt. „Ich wünschte, das wäre so“, sagt Uwe Tellkamp und senkt den Blick auf den Tisch vor sich.

Später am Abend sitzt Tellkamp auf einem anderen Podium in einem großen, weißen Saal. Der Moderator neben ihm hatte am selben Tag eine hymnische Kritik auf den „Eisvogel“ in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlicht, in der er schrieb, es handele sich „um einen politischen Zeitroman, der wirklich ein Bild dessen erkennen lässt, was man eine Zeit lang die ,Berliner Republik' genannt hat“, und das hier gezeichnete „Gesellschaftspanorama“ sei gleichzeitig „großartig halluziniert und glaubwürdig gezeichnet“, und besonders schön finde er, daß Tellkamp „auf meisterliche Art nationale Mythologie aufzurufen“ verstehe, daß er den „identitätsstiftenden Charakter von Landschaften revitalisiere“, und er, Tellkamp, solle doch bitte diese Stelle, diese Landschaftsstelle vorlesen.

Ein Teppich aus Hummeln

Und Tellkamp liest: „Wir folgten der Nagold, aßen Kornäpfel und saugten den Honig aus Taubnesselblüten, die an den Feldrainen so dicht standen, daß die Hummeln darüber in der Entfernung wie ein träge dünender Teppich wirkten.“ Und dann sagt der Moderator entzückt, daß da etwas aufgerufen würde, was zu unserer nationalen Gedächtniskultur dazugehöre. Leider wird nicht dazugesagt, daß jener goldgeschmückte, aufgeblasene Wortunsinn nicht unbedingt zum bewahrenswerten Teil der nationalen Gedächtniskultur gehört.

Dieses Nebeneinander von Naturmystik, Führersehnsucht und Eliteglauben erinnert an die Romane des Autors Gerd Gaiser, aus den ersten Jahren der Bundesrepublik, an „Schlußball“ und „Die sterbende Jagd“. Als noch überhaupt nicht klar war, in welche Richtung dieses Land sich entwickeln würde und Marcel Reich-Ranicki über Gerd Gaiser schrieb: „Aus der Realität macht er einen Mythos. Er stellt sich nicht den Problemen, er entstellt sie, indem er sie poetisiert. Sein Werk dient nicht der Wahrheit.“

Tellkamps Roman dient nicht der Wahrheit.

Viel Wille zum Pathos und sehr wenig zu sagen. Viele Ressentiments gegen die Gesellschaft und nichts entgegenzusetzen als Klischees und scheinwertvolle Worthülsen. Heiliger Ernst für ein kleines Empfinden. Großer, tief empfundener Wille zu einer rechten Revolution und nur kleine Knallerbsen zu verteilen.

Ein blasser Luftrevolutionär

Der selbsternannte Librettist Wagners, der in Diskussionen aber auch gern die Meinung vertritt, daß der Nationalsozialismus eine in die Wirklichkeit überführte Wagner-Oper sei, ist ein blasser Luftrevolutionär, der alles wagt und nichts gewinnt. Er spielt mit einer Konservativen Revolution, die in Deutschland zuletzt vor gut zehn Jahren ein eifriger Immobilienmakler wiederbeleben wollte. Er sagt: „Ein Leben ohne Utopie ist nicht möglich.“ Und danach: „Welche, versuche ich noch rauszukriegen.“

Wenn es mit neuer Ernsthaftigkeit und nationaler Erneuerung wirklich so unernst, luftig und beliebig steht, dann wollen wir doch lieber die gute, alte, weise Ironie behalten.

Uwe Tellkamp: „Der Eisvogel“. Rowohlt Berlin. 318 Seiten. 19,90 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.04.2005, Nr. 14 / Seite 25
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