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Literatur : Nach dem Sturm

Joan Didion mit ihrem Preis Bild: AP

Wie lebt man weiter, wenn der Partner nach vierzig Jahren Ehe plötzlich stirbt: Die Amerikanerin Joan Didion hat ihr eigenes Schicksal beschrieben und dafür den National Book Award erhalten.

          Das Buch, über das ganz New York nicht nur spricht, sondern das jeder auch liest, ist am Mittwoch abend, wie erwartet, mit dem National Book Award ausgezeichnet worden.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Das Werk mit dem poetischen Titel „The Year of Magical Thinking“ handelt indes vom Tod. Joan Didion beschreibt darin das Jahr nach dem plötzlichen Herztod ihres Mannes, des Schriftstellers John Gregory Dunne, der sich zum Abendessen an den Tisch setzte und in sich zusammensackte. Jede Hilfe kam zu spät, die Ärzte konnten nur noch den Totenschein ausstellen.

          Die Frage des Selbstmitleids

          Das Ehepaar war gerade aus dem Krankenhaus gekommen, in das seine einzige Tochter fünf Tage vorher mit einer mysteriösen Krankheit eingeliefert worden war. „Das Leben ändert sich schnell“, sind die ersten Worte, die Joan Didion niederschreibt. „Das Leben ändert sich in einem Augenblick. Du setzt dich zum Abendessen hin, und das Leben, wie du es kennst, ist vorbei. Die Frage des Selbstmitleids.“ Mit dem Buch, so schreibt sie, will sie der Zeit danach Sinn abgewinnen, den Wochen und Monaten, die ihr jede starre Vorstellung vom Tod raubten, von Krankheit, von Wahrscheinlichkeit und Glück, von gutem oder schlechtem Los, von Ehe und Kindern und Erinnerung, von Kummer, von der Art und Weise, wie Leute mit den Tatsachen des Lebens umgehen oder nicht, von der Seichtheit der Vernunft - von Leben selbst.

          Nach vierzig Ehejahren muß sie sich in einer Einsamkeit zurechtfinden, über die sie, allen nur möglichen Informationsstrategien zum Trotz, keine Kontrolle hat. Kontrolle aber bildete in ihren privilegierten Kreisen, unter den Intellektuellen, Berühmten und Erfolgreichen, ob in Kalifornien oder in New York, das Fundament des Lebens. Schon damals wußte sie, daß die vermeintliche Macht übers Schicksal, dieses Gefühl von Sicherheit und Gewißheit, nur eine Lebenslüge war, und dennoch war sie nicht auf die Abgründe vorbereitet, die sich vor ihr auftaten. „Wenn der Schmerz kommt, hat er nichts von dem, was wir erwarten.“ Die Totenklage wird zur Lebensklage.

          Geborgenheit in einer Phantasiewelt

          Vor allem aber entgleitet ihr die Kontrolle übers Denken. Die gemeinsame Vergangenheit mit ihrem Mann erfaßt sie wie in plötzlichen Strudeln, denen sie sich hilflos ausgeliefert fühlt. Die Euphorie, die ein unerwarteter Erinnerungssplitter bei Proust auslöst, verwandelt sich bei ihr in Schmerz. Zuflucht sucht sie im „Magical Thinking“, in der Geborgenheit einer Phantasiewelt, die Gedanken und Wünsche mit der Kraft ausstattet, den Verlauf der Lebensgeschichte zu ändern, gar rückgängig zu machen.

          „The Year of Magical Thinking“ ist ein packender, bewegender Bericht, das literarisierte Protokoll nicht nur einer Debatte, die der Tod im Kopf einer Überlebenden angezettelt hat, sondern auch einer physischen Reaktion im Angesicht des Unbegreiflichen. Der Leser hat es da schwer, sich als ein „pretty cool customer“, wie Joan Didion vom Personal im Krankenhaus genannt wurde, zu bewähren. Als scharfsichtige Analytikerin, die Erfahrung hat mit Abgesängen - sie hat Bücher über die sechziger Jahre („Slouching Towards Bethlehem“) und das alte Kalifornien (zuletzt „Where I Was From“) geschrieben -, hat Joan Didion den prüfenden Blick stets auch in ihr tiefstes Inneres gelenkt. Aber nie hat sie sich selbst rigoroser beobachtet. Fast ganz verzichtet sie nun auf die metaphorische Weitung, versenkt sich dafür in den medizinischen Fachjargon, um den Tod zu begreifen und das Leben ihrer Tochter zu retten, die auf der Intensivstation liegt.

          Prosa mit Leuchtkraft

          Die kühle Emphase, mit der sie in der Information nach Kontrolle sucht und sich allmählich zum Faktum ihres Daseins durchringt, wird Teil ihres Überlebensmechanismus - ohne alle pädagogisch sentimentalen Beichtorgien. Denn ihre Geschichte vom Tod enthüllt sich nicht als lehrreiches Vorspiel für ein neues, fremdes Leben. Joan Didion gibt keine Ratschläge fürs Parieren von Schicksalsschlägen, sie zeichnet gewissenhaft und schließlich geradezu erstaunt nach, daß es irgendwie weitergeht.

          Fern jeder Gefühligkeit entwickelt ihre schmucklose, präzise abgezirkelte, in ihren repetitiven Rhythmen unverwechselbare musikalische Prosa eine Leuchtkraft, die aus der vielschichtigen Erzählung nach dem Leben, aus dem Porträt einer Ehe, einer Familie und ihrer Zerstörung durch den Tod ein Kunstwerk macht. Dessen Eigenständigkeit will am Ende auch die Autorin nicht mehr antasten. Der Tod der Tochter kommt nicht vor. Als er doch noch eintrat, war Didions Buch schon abgeschlossen.

          Kein würdigerer Preisträger

          Preise, schrieb in der „New York Times Book Review“ A. O. Scott in einer launigen Vorabmeditation zur Verleihung der National Book Awards, gingen manchmal tatsächlich an die besten Kandidaten. Dieses Jahr gab es zumindest in der Kategorie Sachbuch keinen würdigeren Preisträger als Joan Didion. Für „Europe Central“, seine um Nazi-Deutschland und die Sowjetunion kreisende Geschichtenfolge, gewann überraschend William T. Vollmann den Belletristikpreis, als bester Lyriker wurde W. S. Merwin für seine Anthologie „Migration“ ausgezeichnet.

          Jeanne Birdsall soll mit „The Penderwicks“ das beste Jugendbuch des Jahres geschrieben haben. Aus der Hand von Toni Morrison erhielt Norman Mailer die „Medal for Distinguished Contributions to American Letters“, und der Dichter und Verleger Lawrence Ferlinghetti, einer der letzten Vertreter der Beat-Generation, wurde für seine außerordentlichen Verdienste um die amerikanische Literaturgemeinde geehrt. Der Abend aber gehörte Joan Didion.

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