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Literatur Leute, jeder ist ein Deutscher

Ein SS-Offizier erzählt in Jonathan Littells erstem Roman vom Nazi-Terror, und die glasklare Schilderung des Schreckens erregt ganz Frankreich. Ein Phänomen wie Goldhagen kündigt sich an, auf hohem literarischem Niveau.

© AFP Vergrößern Gespannt auf die deutschen Reaktionen: Jonathan Littell

„Menschliche Brüder, laßt mich erzählen, wie es wirklich war“: Es ist der erste Satz von neunhundert Seiten und der Ich-Erzähler ein ehemaliger SS-Offizier. Seine imaginären Memoiren als Henker und Nazi sind das Ereignis der französischen „rentrée littéraire“. Ein Erstlingsroman wird zu einem der Klassiker geweiht, „neben denen er Platz nehmen wird“. Und alle spüren: Es ist etwas dran am Konzert der Elogen. Tolstoi („Krieg und Frieden“), Dostojewski, Flaubert werden zum Vergleich zitiert - allerdings mit behutsamer Vorsicht. Man will einen Dichter, wie man ihn seit Jahrzehnten sehnlichst erwartet hat, nicht gleich wieder erschlagen. Der wiederum gibt mit ironischer Gelassenheit zu verstehen, daß ihm der Rang seines Meisterwerks bewußt ist, aber kalt läßt.

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Max Aue war als Freiwilliger aus ideologischer Überzeugung der SS beigetreten - und aus Haß auf seine Mutter, eine Französin, die den Vater verließ, in ihre Heimat zurückkehrte und Max als Jugendlichen von seiner einzigen Liebe trennte, der Zwillingsschwester Una. Er ist homosexuell und hoch kultiviert. Max Aue studiert Jura. Eichmann erkennt seine Fähigkeiten und setzt ihn bei der Planung der Ausmerzung aller Minderheiten ein. Aue ist von der Notwendigkeit dazu überzeugt. Er glaubt an den Nationalsozialismus wie die Juden an ihr Gesetz. Seine Bürotätigkeit wird zur Beschreibung der totalitären Bürokratie.

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Verbrechen werden klinisch beschrieben

Er ist auch in Stalingrad, nimmt an den Einsatzgruppen in der Ukraine teil und tötet Juden, aber seine Gedanken sind bei Tschechow. Die Henker und die Opfer werden mit gleicher Faszination und Meisterschaft porträtiert, die Verbrechen klinisch beschrieben. Im besetzten Paris begegnet Max Aue den faschistischen Intellektuellen. Ernst Jünger tritt auf. Der Sturmbannführer ist in Auschwitz und am Ende des Kriegs auch noch in Hitlers Bunker. So verlief keine NS-Karriere, doch gerade in der Verdichtung und der Üppigkeit wirkt Max Aue überaus glaubhaft.

Nach dem Krieg setzt er sich problemlos nach Frankreich ab. Er ist verheiratet und hat eine erfolgreiche Miederfabrik. Wenn er auf alte Nationalsozialisten trifft, versteht man sich ohne ein einziges Wort. Die Witwe von Hans Frank vertreibt ein Buch ihres Mannes, um den Unterhalt für ihre Kinder zu finanzieren. „Haben Sie ihn gekannt?“ fragt sie Max Aue. Der Fabrikant kauft zwanzig Exemplare für seine Abteilungsleiter. Franks Buch hält er für schlecht und schleimig. In seinen eigenen Memoiren gibt es keine pseudoreligiösen Rechtfertigungsversuche und kein schlechtes Gewissen: „Je ne regrette rien.“ Manchmal träumt er, daß er in den Trümmern von Berlin von der Gestapo gesucht wird - zur SS ging er auch, um seine Homosexualität zu kaschieren -, oder er träumt von schwarzen Katzen.

Glasklare Sätze

Im Magen-Darm-Bereich plagen ihn psychosomatische Beschwerden, die Anlaß kruder Beschreibungen sind. Doch seine Lebenserinnerungen sind nicht die „erstickten Worte“ eines Opfers, das nach Sprache ringt, um das Unfaßbare zu formulieren. Selbstherrlich, offensiv erzählt der Täter von seinen Verbrechen und seiner Existenz als Teil der totalitären Maschinerie, in der er sich wohl und heimisch fühlte. Nach dem Krieg, nach allen Kriegen haben die Henker gejammert oder geschwiegen. Hier ergreift einer das Wort und läßt sich nicht zum Schweigen bringen. Das Grauen spricht, es wird in glasklaren Sätzen ohne Umschweife beschrieben: „Les Bienveillantes“ (Gallimard).

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Veröffentlicht: 12.09.2006, 12:44 Uhr